Speyer
Wiedereröffnung der Gastronomie: Der große Ansturm bleibt aus
Schon am Vormittag des großen Wiedereröffnungstags wird ias Stück wiedergewonnene Freiheit von den Menschen genutzt. Vor dem Restaurant Mediterraneo in der Wormser Straße haben einige es sich an den Tischen bequem gemacht, um ihr Frühstück zu genießen. Maximal vier Personen an einem Tisch – so ist die Regel. Größere Gruppen müssen aufs Essengehen nach wie vor verzichten, oder sie sitzen eben an getrennten Tischen. 30 bis 40 Plätze weniger hat das Mediterraneo jetzt. Die reichen erst einmal aus, denn riesengroß ist der Ansturm am ersten Tag nicht. „Damit habe ich aber auch nicht gerechnet“, sagt Inhaberin Elsa Cicero.
„Es bringt uns allen nichts, dass wir die gute Stimmung von damals vermissen, das braucht Zeit“, ist die Gastronomin überzeugt. Sie sei froh, überhaupt wieder öffnen zu können – wenn auch mit all den Richtlinien. „Die totale Schließung war das große Problem. Vieles davon hätten wir auch schon die ganze Zeit umsetzen können: das Händeschütteln auslassen, Abstände einhalten und Desinfektionsmittel für die Gäste bereitstellen.“ Normalerweise arbeiten drei Aushilfen für Cicero, auf zwei muss sie im Moment verzichten. „Und wenn es keine Arbeit gibt, muss ich die eine leider auch nach Hause schicken.“
Ein Stück Lebensqualität zurück
Dénes Biró, Inhaber des Restaurants Zum Goldenen Hirsch, sieht die Sache ähnlich. „Ich weiß nicht, wie viel Umsatz wir in der nächsten Zeit machen werden und wie es mit dem Personal weitergeht“, blickt er voraus. Er hätte sich frühere Lockerungen gewünscht. „Wir Gastronomen leben von Monat zu Monat – und auch jetzt haben die Leute erst einmal noch Angst.“ Trotzdem sei die jetzige Situation besser als der Stillstand. Die Stadt hätte etwas flexibler sein können, findet Biró: Er darf draußen nicht mehr als sieben Tische platzieren. Sein Gast, der Speyerer Michael Hecker, freut sich allerdings unheimlich, wieder zurück sein zu dürfen: „Es ist einfach toll, hier zu sitzen, das Essen zu genießen und die Leute zu beobachten. Kochen zu Hause ist auch was Schönes, aber das hier ist noch mal ein anderes Stück Lebensqualität.“
Boris Rentschler findet die Kontaktverfolgung der Gäste, die nun zur Regel geworden ist, etwas mühselig. Er führt das Restaurant Rentschler’s am Rheinufer. „Wir hatten tatsächlich auch schon Leute, die wieder gegangen sind, weil sie ihre Daten nicht preisgeben wollten“, berichtet er. An sich seien aber alle Regelungen gut umsetzbar. Nur das Wetter sei eben noch nicht so glorreich. Wenn am Wochenende die Temperaturen wieder über 20 Grad klettern, rechnet Peter Roth, Mitinhaber des Gasthauses Alter Hammer, das direkt gegenüber liegt, jedenfalls wieder mit mehr Publikum. „Wir haben das Glück, in unserem großen Biergarten viel Platz zu haben. Deshalb sieht hier alles eigentlich noch ziemlich normal aus.“ In der Regel sei im Außenbereich Platz für 360 Leute, zwei Drittel davon ließen sich momentan ausschöpfen. „Bei schlechtem Wetter wird es allerdings problematisch: Weil drinnen haben wir dann doch nicht so viel Platz“, sagt Roth. Der Sommer werde „nicht so das Ultra-Drama“, der darauffolgende Winter sei die größere Herausforderung. „Wir hoffen , dass es kein Auf und Ab und keinen neuen Shutdown gibt. Denn so einen Betrieb runter- und dann wieder hochzufahren kostet auch Zeit und Geld.“
72 Betriebe von der Stadt kontrolliert
„Das Publikum ist noch schockiert.“ Das ist der Eindruck von Garidas Dimitris, der im Gasthaus zum Domnapf arbeitet. Die Menschen bräuchten eine gewisse Eingewöhnungszeit. Das ist auch der Grund, warum Ennili Habi noch wartet, bis er richtig durchstartet: Er öffnet erst am Donnerstag sein Lokal L’Angolo. Und der erste Tag mit vielen Reservierungen ist der Freitag, sagt er.
72 Gaststätten in Speyer sind bis zum späten Mittwochnachmittag vom Kommunalen Vollzugsdienst kontrolliert worden, informiert Stadt-Sprecherin Lisa Eschenbach auf Anfrage. „Es gab keine größeren Verstöße, nur kleine Sachen: Zum Beispiel hat mal ein Hygiene-Hinweis an der Toilette gefehlt.“
RHEINPFALZ-Kommentar von Philipp Jung: Es braucht noch Zeit
Die Freude bei den Gastronomen, wieder öffnen zu dürfen, paart sich mit der Sorge, wann ihre Gäste wieder unbekümmerter sind.
Zugegeben: Wäre das Wetter am Mittwoch etwas biergartenfreundlicher gewesen, hätten sich an den Tischen vor den Lokalen mehr Leute eingefunden. Aber auch innen war zum Teil wenig los – nicht nur wegen der Abstände. Die Wirte freuen sich zwar, wieder Gäste begrüßen zu dürfen, wissen aber um deren Angst, sich anzustecken. Die ist bei vielen nicht geschrumpft. Für andere sind Mund-Nasen-Masken und Abstandsregeln ein Grund, Restaurants generell zu meiden. Denen fehlt der gewohnte Komfort. Wiederum andere achten in der aktuellen Lage stärker auf ihre Finanzen und stellen den Restaurantbesuch erst einmal hinten an. Es braucht noch Zeit, bis die Normalität in der Gastronomie zurück ist.