Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Wie kinderfeindlich ist Deutschland, wie kinderfeindlich ist Speyer?

Spielende Kinder: Stimmen die Rahmenbedingungen für Familien?
Spielende Kinder: Stimmen die Rahmenbedingungen für Familien?

Ein düsteres Bild zeichneten die Teilnehmer der Podiumsdiskussion „Deutschland, ein kinderfeindliches Land?“ im Historischen Ratssaal. Auch in Speyer ist nicht alles gut, wie von hoher Stelle zu hören war.

Wer sich über den Stellenwert von Familie und insbesondere Kindern informieren will, dem legt die Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) seit Kurzem Nathalie Klüvers Buch „Deutschland, ein kinderfeindliches Land? Worunter Familien leiden und was sich ändern muss“ ans Herz. Das gut 200 Seiten umfassende Werk ist erstmals im Sommer 2022 beim Kösel-Verlag (München) erschienen, bevor knapp ein Jahr darauf die BPB eine Sonderausgabe zum Vorzugspreis von 4,50 Euro herausbrachte.

Zahlreiche Erlebnisse ungerechten Verhaltens gegenüber Familien schildert die Journalistin darin ebenso wie eine Menge an Fakten zum Thema. Dabei hatte Klüver zunächst „nur“ einen Artikel für das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ schreiben sollen. Doch im Lauf der Recherche sei ihr klar geworden, dass es schade wäre, wenn die dafür nötigen Streichungen nicht an anderer Stelle veröffentlich würden, sagte die alleinerziehende Mutter dreier Kinder (13, zehn und sechs Jahre) bei der gemeinsamen Veranstaltung der Speyerer Ableger von Soroptimist International, eines Service-Clubs berufstätiger Frauen, und des Kinderschutzbunds. Zu dieser gehörte eine Podiumsdiskussion mit örtlichen Expertinnen und Experten.

Personalmangel bedrückt

Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler (SPD) sagte, dass in Speyer zwar viel für die Jugend und Familien getan werde. Doch leide auch die Domstadt unter strukturellen Problemen wie Personalmangel in Kitas, Schulen und Seniorenheimen sowie knapper werdenden Budgets. All das gefährde die Vision, die sie selbst zu ihrer politischen Arbeit motiviere: die Schaffung einer inklusiven Stadt. „Was mich sehr erschreckt, ist der Trend zur Rückkehr zu tradierten Rollenmustern“, sagte die OB. Damit meint sie die Vorstellung, dass der Mann das Geld zu verdienen und die Frau sich vor allem um den Haushalt und um die Kinder zu kümmern habe.

Kerstin Scholl, aus Speyer stammende Konrektorin der Adolf-Diesterweg-Realschule plus in Ludwigshafen, berichtete über die Finanznot an ihrer Bildungsstätte. „Unser Budget ist seit der Euro-Einführung 20 Jahre lang unverändert geblieben. Im vorigen Schuljahr hat es die Stadt Ludwigshafen dann um zehn Prozent gekürzt“, berichtete sie. So seien etwa Zuschüsse der Schule zu freiwilligen Gemeinschaftsaktivitäten der Schüler für sozial Benachteiligte kaum noch möglich. Teilweise versuchten Lehrkräfte mit ihrem eigenen Geld, das auszugleichen. „Ludwigshafen ist nur die Spitze des Eisbergs“, zeigte sich OB Seiler überzeugt.

Appell der Jugendstadträtin

Für die Jugend selbst sprach Marlen Sattel (16 Jahre), seit kurzem Jugendstadträtin. Sie findet es gut, dass es Chancen der Beteiligung gibt wie die Schülermitverantwortung und den Jugendstadtrat. Letzterer sollte aber für Jugendliche aus dem Umland geöffnet werden, meinte Sattel. Zudem forderte die Schülerin die Verankerung der Kinderrechte im Grundgesetz und die Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre über die Europawahl hinaus. Sie versicherte: „Wir haben politisches Interesse. Es geht um unsere Zukunft!“ Die anderen Podiumsteilnehmer unterstützten vor allem die Grundgesetz-Reform und die Absenkung des Wahlalters, über die Bund und Länder entscheiden müssen.

Autorin Klüvers führte als zentralen Begriff in der Argumentation die Care-Arbeit (auf Deutsch Pflege- oder Sorgearbeit) ein. Diese werde von der Gesellschaft insbesondere in finanzieller Hinsicht nicht ausreichend gewürdigt. Das betreffe etwa Kinderbetreuung und -erziehung sowie Kranken- und Altenpflege. „Care-Arbeit muss gerecht aufgeteilt werden“, forderte sie. So sollte die Elternzeit hälftig von beiden Elternteilen in Anspruch genommen werden. Als Vorbilder beim Thema Elternzeit nannte sie Finnland und Schweden. In Deutschland sei es außerdem so, dass die höheren Ausgaben für Lebenshaltung von Familien mit Kindern im Vergleich zu Singles vom Staat nicht annähernd ausgeglichen würden.

Kinderfreundlich oder kinderfeindlich? Podiumsdiskussion in Speyer mit Autorin Nathalie Klüver (Dritte von links).
Kinderfreundlich oder kinderfeindlich? Podiumsdiskussion in Speyer mit Autorin Nathalie Klüver (Dritte von links).
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