Speyer
Wie die Touristen den Judenhof entdeckten
Einer „Kleingartenparzelle“ habe der historische Judenhof bis in die 1980er-Jahre geglichen. Der frühere Oberbürgermeister Werner Schineller (CDU) nahm das Wort in den Mund, als er bei einer Feier zur Ernennung am Mittwoch am Rednerpult stand. Die touristische Erschließung des wohl neben dem Dom bedeutendsten historischen Erbes in Speyer ist ein Kapitel für sich.
Das rituelle jüdische Reinigungsbad war wohl rund 400 Jahre lang in Betrieb, bevor es nach der Vertreibung der Juden aus Speyer Ende des 15. Jahrhunderts zum Waffenarsenal und Pulverlager der Stadt umgebaut wurde. Heike Häußler (1940-2013), langjährige Vorsitzende des Verkehrsvereins Speyer, erwähnt das in der Festschrift zum 100-jährigen Bestehen des Vereins (2003) ebenso wie das, was darauf folgte: zunächst die Zerstörung „bis auf die aufrecht stehenden Wände“ durch französische Soldaten im Jahr 1689.
Schlüssel im Gasthaus
Das Schicksal der späteren Synagoge in der Hellergasse, die im November 1938 von den Nationalsozialisten zerstört wurde, hätte wohl auch den jüdischen Resten an der Kleinen Pfaffengasse gedroht, wenn die Ost- und Westmauer nicht in die privaten, am Ende des 19. Jahrhunderts auf dem Areal erbauten Wohnhäuser integriert gewesen wären.
Es gab immer wieder Speyererinnen und Speyerer, die sich der Bedeutung der Baurelikte bewusst waren. 1905 führten sie etwa den späteren Kronprinz Rupprecht von Bayern für eine Besichtigung dorthin.
Der Schlüssel zum Tor in der Judengasse musste später zeitweise bei der Polizei, später bei einem nahe gelegenen Lokal oder der Vorgängerin der Tourist-Info abgeholt werden. Das änderte sich auch nicht, als nach dem Zweiten Weltkrieg archäologische Forschungen auf dem Areal ausgeweitet wurden. Günter Stein vom Historischen Museum der Pfalz verantwortete diese zwischen 1965 und 1968 mit. Er bedauerte: „Über Jahrhunderte führte die Anlage ein Schattendasein.“
Von 1980 bis 1982 gab es schon einmal dringende Restaurierungsarbeiten am Ritualbad, danach kam der Verkehrsverein ins Spiel, der sich bei Speyers großem Stadtjubiläum im Jahr 1990 einbringen wollte. Der Vorstand habe Anfang 1989 zwei Beschlüsse gefasst, erinnerte sich Heike Häußler: zum einen, dass anlässlich des Jubiläums natürlich der Domnapf mit Wein befüllt werden müsse. Zum anderen, dass der Verein einen ehrenamtlichen Besucherdienst aufbauen will, um das Judenbad endlich einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Erfolgsgeschichte beginnt
Damit begann eine Erfolgsgeschichte. Am 1. Mai 1989 konnte schon Eröffnung gefeiert werden. In den Jahren darauf war es auch dem Einsatz des Vereins zu verdanken, dass der Stadtrat 1996 einen Gesamtplan für die Neugestaltung des Judenbad-Areals fasste. 1999 war Wiedereröffnung mit dem neuen kunstvollen Wetterschutz für die Mikwe, in den Jahren darauf kamen Empfangs- und Museumsräume in von der Stadt erworbenen Gebäuden an der Kleinen Pfaffengasse hinzu. Auch das Gelände wurde arrondiert. Forschung belegte dessen Bedeutung, die Idee der Bewerbung um den Welterbe-Status begann zu reifen.
Das Marketing wurde deutlich verbessert, ohne marktschreierisch zu sein – und all das ließ sich an den Besucherzahlen ablesen. Vor dem Verkehrsverein-Engagement waren es nur 2500 bis 5000 Besucher im Jahr, danach ging es stetig in die Höhe. 14.000 werden für 1989 vermeldet, 23.500 für 1990, schon 53.000 für 1997 und 64.000 für 2001. Bevor Corona kam, waren es jährlich rund 80.000, so der zuständige städtische Fachbereichschef Matthias Nowack. Weiterer deutlicher Zuwachs wird nach der Welterbe-Entscheidung erwartet. Stadt und Verkehrsverein seien dazu im Gespräch, so Nowack: „Konzepte für die Besucherlenkung liegen bereits in der Schublade.“
RHEINPFALZ-Kommentar von Patrick Seiler: „Verein muss einbezogen werden“
Die Welterbe-Entscheidung ruft in Erinnerung, dass der Vereinsverein seit Jahrzehnten schier Unglaubliches für den Judenhof leistet.
Eine Betreuung der historischen Stätte seit über drei Jahrzehnten im Ehrenamt, die auch den günstigen Eintrittspreis von 3 Euro ermöglicht – das ist ebenso wenig selbstverständlich wie die schon erklärte Bereitschaft, auch unter Welterbe-Konditionen dafür bereitzustehen. Dieser Einsatz ist eines der deutlichsten Beispiele für den bürgerschaftlichen Geist, der in Speyer herrscht. Bei allen Entscheidung über die künftige Präsentation des Welterbes muss der Verein einbezogen werden.
