Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Warum sich für drei Grundschulen in Speyer keine Schulleitung findet

Ein großer Tag: Einschulung an der Woogbachschule in der vergangenen Woche.
Ein großer Tag: Einschulung an der Woogbachschule in der vergangenen Woche.

In Speyer sind an drei von fünf Grundschulen die Posten der Schulleitungen nicht besetzt. An der Woogbachschule hält Nicole Pospich die Stellung und sagt im Interview mit Martin Schmitt, woran der Bewerbermangel aus ihrer Sicht liegt und was das für die Kinder bedeutet.

Frau Pospich, in Speyer sind derzeit an drei von fünf Grundschulen die Posten der Schulleitungen nicht besetzt. Karina Kauf von der Grundschule im Vogelgesang und Sie sind gewissermaßen die letzten Mohikanerinnen. Warum ist es so schwer, eine Nachfolge zu finden?
Das lässt sich nicht wenigen Worten sagen. In meinen Augen gibt es eine ganze Reihe von Gründen, warum mögliche Nachwuchskräfte vielleicht abgeschreckt werden. Es sind einfach die Vielfalt und die Menge an Aufgaben, die denjenigen erwarten, der an der Spitze einer Schule steht.

Als Außenstehender hätte ich als erstes vermutet, es liegt schlicht am Geld. Verdienen Schulleitungen zu wenig?
Es stimmt, dass das Gehalt von Lehrkräften an Grundschulen gegenüber dem, was beispielsweise Gymnasiallehrer bekommen, nicht attraktiv ist. Da sagen sicher manche, die Lehramt studieren wollen, dass sie lieber ans Gymnasium gehen. Es stimmt auch, dass die Zulage für Schulleiter nicht ins Gewicht fällt. Also, wegen des Geldes macht diesen Job jedenfalls niemand. Trotzdem glaube ich nicht, dass die Höhe des Gehalts ausschlaggebend dafür ist, eine Schulleitung nicht zu übernehmen. Da gibt es andere Dinge, die uns das Leben schwer machen.

Lassen Sie mich raten: die Bürokratie?
Das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Wenn meine Kolleginnen und Kollegen mich sehen, dann meist in meinem Büro am Computer. Verständlich, dass nicht jeder das erstrebenswert findet. Es geht ja nicht nur darum, Stundenpläne zu erstellen und Vertretungen zu organisieren. Wir müssen Verträge abschließen, Statistiken führen, Dokumentationen und Diagnostiken schreiben, uns durch Programme und Portale klicken. Das frisst sehr viel Zeit, die uns dann wieder für die inhaltliche Arbeit fehlt.

Für pädagogische Konzepte und den Unterricht?
Ja, für die Arbeit mit den Kindern eben. Ich beispielsweise bin auch noch Sportlehrerin und gebe Förderunterricht im ersten Schuljahr. Aber deswegen haben wir ja auch irgendwann einmal Grundschulpädagogik studiert und nicht Verwaltungswissenschaft. Manchmal denke ich, an meinem Platz bräuchte es eher einen Verwaltungswirt. Dem würde aber wiederum das pädagogische Rüstzeug fehlen. Doch das braucht jeder in einer Schulleitung, gerade für die vielen Gespräche mit Schülern, Lehrkräften und Eltern. Für die geht ein Großteil meiner Zeit drauf.

Ist der Umgang mit Schülern und Eltern schwieriger geworden? Sie leiten immerhin die mit 454 Kindern größte Speyerer Grundschule in einem nicht ganz einfachen Umfeld. Und jetzt kam auch noch die Siedlungsgrundschule mit rund 350 Schülern hinzu.
Ich würde sagen: Unsere Arbeit in der Schule ist herausfordernder geworden. Die Woogbachschule ist eine sehr bunte Einrichtung mit Kindern mit unterschiedlichsten Hintergründen. Einige können kein Wort Deutsch, wenn sie bei uns ankommen. Andere haben Verhaltensauffälligkeiten, wieder andere Probleme beim Lernen, die nächsten haben Stress in der Familie. Die Schere ist immer weiter auseinandergegangen.

Sie meinen, die Bandbreite zwischen den Überfliegern und jenen, die sehr viel Hilfe benötigen?
Genau. Die Überflieger gibt es zum Glück immer noch, zugleich nimmt die Anzahl der Kinder zu, die Klassen wiederholen müssen oder bei denen wir es nur schwer schaffen, ihnen bis zum Ende ihrer Grundschulzeit die grundlegenden Fähigkeiten in Lesen, Schreiben und Rechnen zu vermitteln. Wir haben Schüler, die entwurzelt sind, weil sie aus ihrem gewohnten sozialen Umfeld gerissen wurden. Damit umzugehen, fällt nicht jedem Kind leicht. Es kam auch schon zu Gewalttätigkeiten gegenüber Lehrkräften. Gemeinsam mit der Schulsozialarbeit, dem Schulpsychologischen Dienst und dem Jugendamt haben wir das aber in den Griff bekommen.

Das klingt nach einer Menge Gesprächsbedarf und Papierkrieg.
Die Arbeit mit allen möglichen Institutionen und über Fachgrenzen hinweg hat massiv zugenommen. Es ist alles anspruchsvoller als früher. Andererseits muss ich sagen: Ich bin da nicht allein. Ich habe ein gutes Kollegium, es gibt viele Angebote der Unterstützung, sowohl für mich als auch für Lehrkräfte, Schüler und Eltern. Man muss sich aber darum kümmern. Das Reizvolle ist für mich nach wie vor, dass man als Schulleitung gemeinsam mit dem Kollegium pädagogisch viel gestalten kann.

Sie sagen: gemeinsam mit dem Kollegium. Aber auch wenn man die Last der Aufgaben auf mehrere Schultern verteilt, müssen am Ende Sie für alles geradestehen, was an Ihrer Schule passiert.
Ja, die Verantwortung ist sehr groß. Ich kann mir vorstellen, dass viele davor zurückschrecken. Dabei hätten wir eine Menge talentierte und engagierte Lehrkräfte, die das Potenzial hätten, so ein Amt zu übernehmen. Aber das muss man sich zutrauen. Dazu kommt, dass auf der Führungsebene selten Lob aufschlägt, dafür jedoch eine Menge Dinge, die nicht so angenehm sind. Man muss lernen, damit umzugehen. Ich selbst war erst sieben Jahre Konrektorin an der Grundschule Bellheim, bevor ich Rektorin der Woogbachschule wurde. Eine gewisse Einarbeitungszeit braucht man.

Ein oder zwei Jahre genügen nicht?
Auch nach meinen sieben Jahren als Konrektorin habe ich das erste Jahr gebraucht, um mich zurechtfinden. Aber im System Grundschule sind sehr viele Menschen involviert. Neben den Lehrkräften haben wir beispielsweise Integrationshelfer, Sprachförderkräfte, Schulsozialarbeiterinnen, Betreuer in der Ganztagsschule. Das dauert eben, bis man genug Einblick hat. Außerdem ist in einer so großen Einheit eigentlich immer irgendetwas. Wenn man sich da nicht abgrenzt, ist man schnell rund um die Uhr im Dienst.

Nach Angaben des Mainzer Bildungsministeriums sind landesweit rund 200 Planstellen für Lehrkräfte unbesetzt. Wie sieht es bei Ihnen aus?
Ich habe für die 21 Klassen an der Woogbachschule 31 Lehrkräfte. Das ist nicht gleichzusetzen mit der Anzahl der Vollzeitstellen, aber wir sind zumindest voll besetzt.

Sie führen derzeit die Siedlungsgrundschule mit, sozusagen nebenher. Wie funktioniert das praktisch?
Ich habe mit der dortigen Konrektorin Nicole Grünwald vereinbart, dass ich an einem Tag in der Woche nach Nord komme, damit wir aktuelle Probleme besprechen können und über das Tagesgeschäft reden. Zum Glück haben wir hier in Speyer keine weiten Wege. Außerdem macht Frau Grünwald ihre Arbeit sehr gut, das erleichtert die Sache natürlich.

Wie lange werden Sie die Doppelfunktion ausüben?
Erst mal für dieses Schuljahr. In der Regel ist aber auch nach einem Jahr eine neue Schulleitung gefunden.

Und wenn nicht?
Dann müssen Frau Grünwald und ich uns mit der Schulaufsicht zusammensetzen und reden.

Zur Person

Nicole Pospich (49) ist studierte Grundschulpädagogin und leitet seit vier Jahren die Woogbachschule in West. Diese ist mit 454 Schülern die größte Speyerer Grundschule. Seit 2004 ist sie Ganztagsschule.

Vor „ihrer“ Schule: Leiterin Nicole Pospich.
Vor »ihrer« Schule: Leiterin Nicole Pospich.
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