Speyer Warum der Dom neue Lautsprecher bekommt
Mehr als drei Kilometer Kabel haben die Handwerker im Speyerer Dom schon verlegt, bis Ende März werden es mehr als fünf sein. In großen Schächten aus silbernem Metall verlaufen die dicken meist grauen Rohre unterirdischen unter dem roten Sandstein quer durch die Kathedrale, vom Mittelschiff bis in den Altarraum, durch die beiden Querhäuser und sogar in die Sakristei. Es geht durch Fugen, alte Leerrohre und nach oben an den Säulen entlang. Dort werden bald auch neue Lautsprecher angebracht. 40 Stück, teilweise mehr als vier Meter groß, werden es sein, verteilt über den gesamten Raum. 15 Mikrofone und vier Antenne, sowie Equipment für die Live-Übertragungen von Konzerten und Gottesdiensten kommen hinzu. Das Ziel: Jeder Besucher soll im Dom von jedem Sitzplatz aus gut hören können.
Das ist bislang nämlich nicht der Fall. „Wir haben viele tote Schalllöcher“, sagt Domdekan und Domkustos Christoph Kohl bei einem Besuch vor Ort im Speyerer Dom. Dafür gebe es gleich zwei Gründe: Zum einen sei der Dom mit seinen knapp 130 Metern Länge natürlich sehr groß. „Predigten müssen auf den hinteren Sitzplätzen schon immer schwer zu hören gewesen sein“, glaubt Kohl, der sagt, dass seine Worte im Gottesdienst erst rund 110 Millisekunden später in der letzten Reihe der Sitzbänke – also 60 Meter entfernt – ankommen.
Schallwellen überlagern sich
Das zweite Problem: Es gibt zwar Lautsprecher im Mittelschiff, doch sie sind starr an den Säulen verbaut. Das heißt, ihre Schallwellen verbreiten sich immer nur in einem bestimmten Winkel. Sitzt ein kleines Kind auf der Bank im Mittelschiff, kann es den Ton schon nicht mehr gut hören, weil er über es hinwegzieht. Sitzt ein Erwachsener zu weit weg, klappt das unter Umständen auch nicht mehr. Und es wird noch komplizierter: Der Schall wird von den Lautsprechern nicht zeitversetzt abgegeben. Ganz vorne im Hauptschiff und ganz hinten ertönen sie also gleichzeitig.
Das führt zum nächsten Problem: Denn am Westbau treffen die Schallwellen auf eine Wand und werden von dort wieder in Richtung Altarraum zurückgeworfen. Gottesdienst- oder Konzertbesucher werden also von vorne und hinten gleichzeitig beschallt, was die Qualität des Tons und die Verständlichkeit von Sprache merklich verschlechtert. „Für die optimale Akustik müsste man die Westwand dämmen, aber das geht wegen des Denkmalschutzes nicht“, sagt Kohl.
Also wird die mittlerweile gut 50 Jahre alte Lautsprecheranlage nun erneuert. „Damit kann das Hauptschiff dann komplett ausgefüllt werden“, erklärt der Domdekan. Rund 330.000 Euro werde die Anlage kosten, hinzu kämen weitere 70.000 Euro für die Verkabelung sowie 60.000 Euro für die geplante Videoanlage, die künftig bei Livestreams von Konzerten und Gottesdiensten zum Einsatz kommen soll. Den Großteil der Kosten trägt laut dem Domdekan die Europäische Stiftung Kaiserdom. Das Domkapitel finanziere die Verkabelung. „Weil wir selbst die Planung übernommen haben, haben wir auch Geld gespart.“
Rund eineinhalb Jahre hat das gedauert. Zusammen mit Dombaumeisterin Hedwig Drabik, Domkantor Joachim Weller und Domtechniker Günter Frey hat sich Kohl auf die Suche nach einer neuen und guten Lautsprecheranlage gemacht. Der Weg der Arbeitsgruppe führte demnach in „Vergleichsobjekte“, etwa den Mainzer und Würzburger Dom, nach Stuttgart und Dresden. „Wir haben uns Referenzanlagen und fünf Firmen im Detail angeschaut“, sagt Kohl. Gemeinsam sei eine Art Bewertungsbogen erarbeitet worden: Was brauchen wir für den Speyerer Dom? Wer macht einen guten Eindruck? Zum Schluss sei die Entscheidung für eine Firma aus Nürtingen gefallen, die ihre Anlagen in Deutschland produziere.
Szenen für alle Szenarien
Das Team um den Domdekan hat mittlerweile 14 Szenen erarbeitet, die alle Gegebenheiten vom Pontifikalamt über die Werktagsmessen bis zum Chorkonzert abdecken sollen. Für jede Szene ist genau definiert, welche Lautsprecher genutzt und wie sie eingestellt werden sollen, erklärt Kohl. Im Gegensatz zu den alten seien die neuen deutlich leistungsfähiger und individuell steuerbar. „Bisher war die Anlage nur auf Sprachverständlichkeit ausgelegt. Jetzt wird auch die Qualität der Musikwiedergabe höher sein“, ergänzt Domkantor Weller, der an diesem Tag ebenfalls vor Ort ist. Gesang werde profunder klingen, „so wie in echt“. Für tiefe Frequenzen würden entsprechende Basslautsprecher aufgestellt. Das Grundrauschen soll endgültig verschwinden.
„Wir haben den Anspruch, dass die neue Anlage mindestens 30 Jahre lang läuft“, sagt Dombaumeisterin Hedwig Drabik. Ersatzteile seien in diesem Zeitraum auf jeden Fall noch zu bekommen. Gesteuert werde das System nicht zentral, sondern von mehreren Punkten im Dom aus – unter anderem aus der Sakristei, in der der alte Schaltkasten Platz für einen nur noch halb so großen macht. Angeschafft werden sollen aber auch drei iPads, mit denen die Lautsprecher über das interne WLAN des Doms gesteuert werden können.
Über Krypta wird es eng
Am 27. März, pünktlich zur Einweihung der neuen Orgel in der Afrakapelle, soll die Lautsprecheranlage im Dom einsatzbereit sein. Im nördlichen Seitenschiff und in der Vierung sind die Arbeiten schon weitgehend abgeschlossen. Es fehlen noch Kabel im südlichen Bereich, die in den Schächten aus mehreren Generationen untergebracht werden müssen. Dort, wo genug Platz ist, haben die Arbeiter vorhandene Infrastruktur genutzt. Dort, wo es zu eng wurde – etwa über der Krypta-Kuppel –, wurden alte, nicht mehr funktionstüchtige und abgeklemmte Kabel rausgenommen. Ein paar alte Lautsprecher sollen im Dom bleiben, für den funktionsfähigen Rest der Anlage gibt es schon Interessenten, berichtet Kohl.