Speyer Wahlkampf im Seniorenheim

Es gibt eine neue Kandidatin für das Bürgermeisteramt in der Verbandsgemeinde, die Anfang Juli aus Waldsee, Otterstadt, Neuhofen und Altrip gebildet wird. Oberschwester Hildegard hat ihre Kandidatur am Freitagabend im Otterstadter Remigiushaus bekannt gegeben – bei einer Veranstaltung des Vereins für Heimatpflege und Naturschutz (VHNO) in dem Theaterstück „Die schää Verbandsgemää“.
Die Motivation der Krankenschwester für die Kandidatur: Seit über hundert Jahren werde das Amt von Männern bekleidet, nun sei es Zeit für einen Wechsel. Wer es wie sie schaffe, eigenwillige Senioren aus den vier Ortschaften im Rhein-Pfalz-Stift zu einem friedlichen Zusammenleben zu erziehen, der kriege auch den Job als Bürgermeisterin gut hin. Die Bewohner des Rhein-Pfalz-Stifts, in dem das Stück von Ingrid Lupatsch spielt, hat Oberschwester Hildegard (Hildegard Volandt) jedenfalls voll im Griff. Zumindest herrschen, sobald sie auf der Bildfläche erscheint, Zucht und Ordnung, selbst der arbeitsscheue Hausmeister Angelo (Rudi Regenauer) kuscht vor ihr. Aber wehe, wenn die Schwester mal nicht da ist ... Die Besucher im ausverkauften Remigiushaus amüsierten sich drei Stunden lang prächtig über die schrulligen Heimbewohner.
Joshua, politischer Redakteur für eine Schülerzeitung, der einen Artikel über die neue Verbandsgemeinde schreiben soll, hat Mühe zu verstehen, was die alten Sturköpfe gegen ihre Nachbarn haben. Da ist die Altriperin (Karin Eitl), die über Rheingönheim nach Speyer fährt, um möglichst weit weg vom Hammeldorf zu bleiben. Der großspurige Waldseer Louis (Leo Weick) behauptet, der Rhein habe seinen Lauf verlegt, um das Elend in Neuhofen nicht mehr sehen zu müssen. Und Neuzugang Schorsch aus Neuhofen (Jürgen Strobel) ist davon überzeugt, dass die Waldseer hochnäsig, erzkatholisch und so schwarz sind, dass sie sogar im Tunnel Schatten werfen. Die Otterstadter Fraktion versinkt im Selbstmitleid. Otto Berthold, großer Schweiger und Zeitungsleser bezeichnete das Seniorenheim als Vorstufe zum Fegefeuer, und Kommunalpolitiker a.D. Otto Ackermann lamentiert, dass es ein Otterstadter nicht verdient habe, in Waldsee sterben zu müssen.
Doch die Senioren erweisen sich als quicklebendig. Die Streitereien sind ja nur Nebensache, passieren doch so viel wichtigere Dinge: Marie und Karl (Annemarie Staubitz und Norbert Eckrich) stehen kurz vor ihrer Diamantenen Hochzeit. Sie wünscht sich eine große Feier und ist tief gekränkt, als er nur meint, ein neues Kleid dafür lohne sich in ihrem Alter nicht mehr. Leben in die Bude bringt auch die Ankunft des schnöseligen Udo von Reitzenstein (Uwe Heene), halbseidener Investor aus Berlin. Er führt, nachdem er Oberschwester Hildegard frei gegeben hat, den Damen seine „Kollektion aus edler Lingerie“ vor. Wie die Teenies stürzen sich die reifen Damen auf gewagte Spitzenunterwäsche und treten bereitwillig in Vorkasse. Heidelinde (Heidi Schmitt), die sich herrlich über die stinklangweiligen Angebote wie Bewegungstherapie, Entspannungsstunde und Zumba aufregen kann, erliegt bald dem Charme des Herrn von Reitzenstein. Der hat nämlich spitzgekriegt, dass die gute Heidelinde nicht unvermögend ist.
Allein die Monologe von Heidi Schmitt hätten am Freitagabend schon für Lachmuskelkater ausgereicht, schließlich stand mit ihr ein echter Fasnachtsprofi auf der Bühne. Doch auch die anderen Charaktere waren gut und glaubwürdig dargestellt, so wie die nach der Apotheken-Umschau süchtige, ewig leidende Henny Schnaubelt, die handarbeitsversessene, alles und jeden bestrickende Sonja Regenauer und Storchenvater Theo (Thilo Goelle). Besonderes Lob verdient Joshua Leifheit, mit zwölf Jahren der Jüngste der Truppe.
Nachdem sich am Ende alle Probleme in Wohlgefallen aufgelöst hatten und Heidelindes aus Frankfurt angereister Sohn Bernd (Bernd Ackermann) sich tatkräftig um den Investor und Erbschleicher gekümmert hatte, präsentierte Joshua seine Gedanken zur neuen Verbandsgemeinde und fand einen Namen: Neuotterwaltrip. Auch wenn Oberschwester Hildegard nach den sieben schon ausverkauften Vorstellungen überall bekannt sein dürfte, mit ihrer Kandidatur für Neuotterwaltrip wird es nichts. Die Bewerbungsfrist ist vor zwei Wochen abgelaufen.