Speyer Speyerer Brauereigeschichte: Das fliegende Fass im Schwanenkeller
„Mon dieu“, rief die französische Nachbarin laut, bevor sie ohnmächtig zusammenbrach. Sie war getroffen worden von einem leeren 50-Liter-Fass Löwenbräu, das vom tiefen Bierkeller in den Oberkeller des „Schwanen“ in der Johannesstraße 30 „geflogen“ war. Erich Cordes junior, in den 1960er-Jahren junger und kräftiger Sohn des Speyerer Schwanenwirts, hatte wie üblich die leeren Alufässer hochgeworfen und nicht mit anderen Hausbewohnern im Keller gerechnet, zumal das Scheppern der Fässer außerordentlichen Lärm machte. Vor Schreck erstarrt, dachte er: „Oh Gott, hoffentlich ist sie nicht tot.“ Doch die Mieterin mit dem interessanten Akzent kam bald wieder zu sich, und Cordes entschuldigte sich nach allen Regeln der Kunst.
Mit der Bahn aus München
Auch wenn die schweren Holzfässer durch Alufässer ersetzt worden waren, war es immer noch ein Knochenjob, die 50- und 30-Liter-Fässer mit Münchner Löwenbräu in die Keller zu bugsieren, dort an die Schläuche im Kühlraum „anzustecken“ (wobei man hin und wieder pudelnass wurde) und die ausgetrunkenen wieder hochzubefördern. Sie kamen direkt aus München von der Brauerei per Eisenbahnwaggon im Speyerer Güterbahnhof an und wurden – erst von Bauern mit Fuhrwerken und später im eigenen VW-Bus der Familie Cordes – in den Schwanen transportiert.
Wieso Löwenbräu und kein Storchenbier? Ganz einfach: Cordes Großvater Konstantin Kuhn war 1911 aus dem Württembergischen ins damals bayerische Ludwigshafen gekommen und hatte dort einen Abfüllbetrieb und Getränkehandel in der Nähe des Bahnhofs eröffnet. Von dort verkaufte er hauptsächlich Münchner Löwenbräu in und um Ludwigshafen. 1928 kaufte Kuhn dann in Speyer die ehemalige Schwanenbrauerei an der Johannesstraße, Ecke St. Georgengasse. 1935 übernahm die Familie Kuhn/Cordes die bis dahin verpachtete Gastwirtschaft selbst. Als überzeugter Zentrums-Wähler hatte sich der Katholik Konstantin Kuhn geweigert, in die NSDAP einzutreten und so in der Folge einen Großteil seiner Kundschaft in Ludwigshafen verloren. Daher übernahm er den bis dahin verpachteten Schwanen in Speyer nun selbst als Wirt.
Schwanen wird zur Dampfbrauerei
Die ehemalige Brauerei hatte zu dieser Zeit bereits mehr als 200 Jahre auf dem Buckel – und apropos Buckel, nach ihr war auch der „Schwanenbuckel“ benannt, wie man im Volksmund die heutige St. Georgengasse früher nannte, die Verlängerung der Salzgasse zum Fischmarkt. 1710 erbaute Andreas Apfel, der mit Susanna Weltz verheiratet war, das heute noch erhaltene barocke Haus auf alten Kellern, die den Stadtbrand überstanden hatten.
Es wechselte mehrfach den Besitzer, von 1833 bis 1875 war die Brauerei im Besitz der Familie Kayser. Unter Georg Kayser kam sie unter die fünf größten Brauereien in Speyer. Nach dessen Tod wurde die Brauerei verkauft. Kaysers Sohn, der die Brauerschule in München besucht hatte, ging nach Japan und gründete später eine Brauerei in Tokio. Der neue Besitzer hieß Konrad Hartmann, er machte den Schwanen zur Dampfbrauerei, baute also ganz im Geist der damaligen Gründerzeit, eine Dampfmaschine ein, um die Arbeitsabläufe zu vereinfachen. Der aus Mannheim stammende Hartmann hatte vorher schon in der Brauerei „Zum weißen Ross“ für die Witwe von Wilhelm Weltz gebraut. Das war schräg gegenüber vom Schwanen, in der Johannesstraße 2.
Einst drittgrößte Brauerei der Stadt
Heute erinnert nichts mehr daran, dass sich in dem Haus die zeitweise drittgrößte Brauerei Speyers befand. Das Bier lagerte man im tiefen „Roßkeller“ in der Bahnhofstraße, auf dem Areal zwischen Arbeitsagentur und Viadukt. Wo heute das dreistöckige Wohnhaus in der Bechergasse steht, das ähnlich aussieht wie viele Industriegebäude der frühen Gründerzeit und in dem sich früher ein Schlachthaus befand, könnte das Brauhaus gewesen sein – auf der anderen Seite in der Bechergasse lag jedenfalls sicher das Brauhaus der alten Schwartz’schen Brauerei, mit Wirtschaft in der Korngasse. In manchen Stadtvierteln Speyers war wohl wirklich jedes zweite Haus eine Brauerei.
Über den Autor
Alex Entzminger ist Kabarettist und schreibt Lieder und Texte. Seit Jahrzehnten interessiert er sich für Bier, Malz und die Pfalz. Für 2026 plant er weitere Vorträge und Brauerei-Stadtführungen. Wer Infos oder Interesse hat: bier-aus-speyer@web.de