Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Reisebüros leiden besonders stark unter Corona-Krise

Demonstration für Reisebüros und Reiseanbieter in Heidelberg: Auch Pfälzer haben sich daran beteiligt.
Demonstration für Reisebüros und Reiseanbieter in Heidelberg: Auch Pfälzer haben sich daran beteiligt.

Vor der Corona-Pandemie gebuchte Reisen werden storniert, neue nur sehr zurückhaltend gebucht. Reisebüros sorgen sich um ihre Kunden, blicken auf Infektionszahlen und Politik, hadern mit Reiseveranstaltern und bangen um ihre eigenen Finanzen. Mitarbeiter berichten über die schwerste Zeit ihres Berufslebens.

„Viele Reisebüros werden von der Bildfläche verschwinden“, sagt Steven Mathes voraus. Er tue alles dafür, dass es ihm mit seiner „Lingenfelder Reiselounge“ nicht so geht. Er kämpfe aber nicht nur für sich und seine vier Mitarbeiter, sondern für ganze Branche, sei über den Verband unabhängiger selbständiger Reisebüros gut vernetzt. Das sei dringend nötig, denn die Politik habe die unabhängigen Büros zuerst gar nicht wahrgenommen. „Seit 15. März nur Stornierungen, Umbuchungen und für die Kunden gekämpft, dass der Zwangsgutschein nicht kommt“, berichtet er. Einnahmen: fast völlig weggebrochen.

Immerhin: Mathes’ größter Sorgenfall hat seit dieser Woche seine 15.000 Euro zurück. Eine ganze Familie wollten den 80. Geburtstag des Vaters mit einer Thailand-Reise feiern, die storniert wurde. Dann begann das wochenlange Warten. Auch viele andere Kunden waren davon betroffen: Die Abwicklung wurde den Reisebüros vor Ort überlassen, die Anbieter selbst waren teils nicht erreichbar. „Und wenn sie es doch waren, wurde man vertröstet“, so Mathes, der die Arbeit, aber keine Provisionen hatte. Die Mitarbeiter waren in Kurzarbeit, er selbst habe alles erledigen müssen – „von morgens 8 bis abends 11 Uhr“.

Mal abgetaucht, mal fair

„Es gibt keine Provision, obwohl wir die Beratung gemacht haben und nun die komplette Abwicklung durchführen müssen“, bedauert Kerstin Schega, Büroleiterin des City-Reisebüros in Speyer. Jeder Vorgang werde „bis zu vier Mal in die Hand genommen“, weil zum Beispiel bei Tui E-Mail-Anfragen bis zu 14 Tagen und Rückzahlungen bis zu acht Wochen dauerten, klagt sie. Auch FTI Touristik lasse ein unabhängiges Reisebüro wie ihres teilweise im Regen stehen. Lob hat Schega hingegen für Alltours, Schauinsland, Dertouristik und Phoenix parat, die sich sehr fair verhielten.

„Es wird in unserer Branche locker 40 Prozent der Reisebüros mit einer Insolvenz treffen und viele Reiseveranstalter, wenn es nicht ein umfassendes Rettungspaket geben wird“, erwartet Schega. Wie Mathes lobt sie die verständnisvollen Kunden, die teilweise auch schon für 2021 buchten. „Zur Normalität wird es 2020 nicht mehr kommen“, weiß sie. Mathes hofft, dass im Sommer 2021 wieder „normal“ gereist werden kann, dass aber auch 2020 noch Kurzentschlossene zu ihm kommen, wenn sie sehen, dass etwa in diesem Sommer vernünftig gereist werden könne.

„Ich arbeite nach wie vor alle Stornierungen aus den letzten Wochen ab“, sagt Sonja Schön, Chefin eines Ein-Frau-Reisebüros in Heiligenstein. Parallel gelte es, Kontakt zu den Familien zu halten, die für die Sommerferien 2020 auf eine Information warteten, „wie denn der geplante Urlaub stattfinden könnte oder ob eine Stornierung oder Umbuchung sinnvoller wäre“. Die Stammkunden blieben ihr treu, buchten zum Teil schon Kreuzfahrten für 2022. „So kann zumindest ein wenig Umsatz generiert werden.“

„Steigendes Interesse“

Etwas anders ist die Situation beim Tui-Reisecenter am Speyerer Königsplatz. Auf Anfrage kommen von dort keine Klagen. Hinter dem Geschäft steht die Tui Deutschland GmbH, mit der manche unabhängige Reisebüros hadern. Das Reisecenter erkennt nach der Durststrecke erste positive Entwicklungen: „Wir sehen ein deutlich steigendes Interesse bei unseren Kunden.“ Innerhalb Deutschlands könne schon jetzt wieder gereist werden, ans Mittelmeer spätestens in den Sommerferien. Die Balearen, Griechenland, Zypern, Portugal und Kroatien seien gefragt, im Atlantik die Kanaren. Neben günstigen Angeboten für 2021 komme auch der spezielle „Vollkaskoschutz“ für Reisen mit kostenlosem Rücktrittsrecht gut an.

Noch unterschiedlich sind die Öffnungszeiten der Reisebüros. Sechs Stunden pro Tag sind es beim Tui-Reisecenter sowie beim City-Reisebüro. Für dreieinhalb Stunden öffnet die Reiselounge. Sonja Schön in Heiligenstein arbeitet derzeit auf Terminbasis und plant, ab 8. Juni drei Stunden pro Tag regelmäßig die Türen zu öffnen. Deutsch Reisen in Speyer will eigene Bustouren wieder ab 26. Juli anbieten. Am 2. Juni öffnen sich die Türen des Reisebüros Blum, das eine seiner 14 Filialen in Speyer betreibt. „Reisebüros waren als Erstes von der Krise betroffen und sie werden auch die Letzten sein, für die sich die Welt wieder normal dreht“, schreibt dessen Leiter Claus Kosmalski an seine Kunden.

Mehr zum Thema
x