SPEYER
Radsport: Hesselschwerdt Seriensieger in Speyer und Lingenfeld
„Echte Heimspiele“, bekennt Hesselschwerdt im Rückblick. Was machte für ihn den Reiz aus? Hesselschwerdt, der heute in Hördt, wo das Elternhaus steht, lebt, zwischendurch mal länger in Rülzheim wohnte, und stets für den RC Silber-Pils Bellheim startete, ist eigentlich Südpfälzer.
Aber in der Region Speyer verehrten sie ihn zu seinen besten Zeiten regelrecht: den Amateur, der Stars in seiner Spezialdisziplin, den Kriterien, abhängte und so selbst zum Star der Szene aufstieg. Kriterien, das sind Radrennen auf Rundkursen. Faustregel: eine Runde, vier Kurven, ungefähr ein Kilometer, antreten, bremsen, antreten, sprinten.
Das war und ist Hesselschwerdts Welt. Profis fahren andere Rennen auf großen Runden, lange Distanzen – überall auf der Welt. Hesselschwerdt strebte so eine Karriere nie an: „Ich wollte nicht das ganze Wochenende für ein Rennen unterwegs sein. Hier in der Region konnte ich von Freitag bis Sonntag drei Rennen fahren und war abends noch daheim.“
Vollgas-Fahrer
Mit seiner großen, kräftigen Statur war Hesselschwerdt ohnehin kein Mann für die Alpen oder Pyrenäen. Auf der Rundstrecke aber, wenn es hieß, 60 oder 80 Kilometer Vollgas zu bewältigen, da war kaum einer besser und erfolgreicher als der Südpfälzer, der bei Daimler in Germersheim stets seinen Beruf ausübte, parallel sogar noch sein Eigenheim erbaute.
Hesselschwerdt erlebte das Speyerer Radrennen noch auf dem alten Kurs am Dom, über die Maximilianstraße. Vor allem die Zuschauermassen der damaligen Zeit blieben ihm in Erinnerung. Als die Planer den Prachtboulevard im Zuge der 2000-Jahr-Feier neu gestalteten, zog das Rennen um und firmierte fortan als „Radrennen rund um den Berliner Platz“.
Hesselschwerdt erinnert sich: „Die vier Kurven konnte man alle fast ohne zu bremsen durchfahren, was immer zu hohen Durchschnittsgeschwindigkeiten führte. 44, 45 Stundenkilometer dürften das schon gewesen sein, die wir geschafft haben.“ Als das Rennen umzog, genoss der heutige Seniorenradsportler längst Kultstatus.
Vorbild besiegt
1986 feierte er seinen ersten Sieg am Dom, schlug dabei sein großes Vorbild Beppo Brehm, der später in Lingenfeld auch als Trainer wirkte. 1991, 1993, 1997, 1999, 2002 und im Folgejahr stand er ebenfalls ganz oben auf dem Treppchen. Er schlug Bundesliga-Sieger, deutsche Champions, Weltmeister und sogar Olympiasieger.
„Ich wurde damals regelrecht gehypt von der Presse, stand immer in der Überschrift. Da fliegt einem das Blech weg und machte mich auch stolz“, erinnert sich „Hessel“, der sogar dem Moderator von Vorwärts Speyer seine Neutralität abspricht: „Manfred Ofer war ein Riesenfan von mir. Die Zuschauerresonanz und Stimmung waren hervorragend.“
Und nicht nur das: Extrem hohe Prämien spickten die Rennen bei den Start/Ziel-Passagen. „Es gab ein Jahr, da hatte ich 1500 D-Mark, als das Rennen zu Ende war.“ Auch deshalb kamen stets die Besten in die Domstadt. Hesselschwerdts Erfolge waren also nicht das Resultat von schwacher Konkurrenz. „Es lief auch immer gut für mich, mal im Sprint, mal als Ausreißer.“
Einzigartiger Erfolg
In Lingenfeld war der Vater zweier ebenfalls sehr talentierter Söhne, die aber – im Gegensatz zu ihm selbst – schon als Radsport-Rentner gelten, gar noch erfolgreicher: Acht Siege stehen in seiner persönlichen Bilanz, verteilt zwischen 1984 und 2005. „Das hätte ich selbst nicht gedacht. Ich glaube nicht, dass ich sonst irgendwo noch erfolgreicher war.“
Hesselschwerdt erzählt weiter: „Ich habe eine große Verbundenheit zum Lingenfelder Verein.“ Auch deshalb habe er einige Jahre auch am Ausschank mitgeholfen: „Das macht mir ja auch Spaß“ – und unterstreicht die Volksnähe des Radsportlers abseits des Drahtesels, die ihn hier in der Region zur Überfigur der Szene machte.
Auf dem Rad treibt ihn der pure Ehrgeiz an. Radsport, der Kampf, die Qualen, aber vor allem der Erfolg: Das ist sein Elixier. Der noch 59-Jährige ließ sich auch nicht aus der Erfolgsspur bringen, als Lingenfeld Anfang der 1990er-Jahre den Versuch wagte, vom innerörtlichen Kriteriumskurs auf einen größere Strecke über Westheim zu wechseln.
Trotzdem gewonnen
Er gewann auch einfach dort, „auch wenn mir diese Strecke nicht so gefallen hat“, sagt der Hördter. Dennoch hatte der große Kurs ein Alleinstellungsmerkmal: In Westheim winkten zusätzlich zu den Geldern bei den Start/Ziel-Passagen weitere Preise.
Auch deshalb meint Hesselschwerdt: „Der Prämientopf in Lingenfeld war immer gut gefüllt.“ Doch der Versuch scheiterte, weil, wie der Lingenfelder Ex-Vereinsvorsitzende Berthold Gschwind erklärt, „die Westheimer das Rennen nicht wie erhofft angenommen hatten“, sprich: zu wenige Leute an der Strecke standen.
So freute sich Hesselschwerdt, als das Rennen wieder auf der geliebten kurzen, technischen Runde an der Goldberghalle stattfand, bei der er wusste, dass er an einer der ersten beiden Positionen auf die kurze Zielgerade einbiegen musste. „Eine ideale Rennstrecke“, urteilt er.
Epische Schlachten
Auf der entwickelten sich große Schlachten. Die Bellheimer Mannschaft gegen die Ludwigshafener, dazu viele starke Einzelfahrer oder Zwei- und Drei-Mann-Teams von den Vereinen aus Baden-Württemberg, Hessen sowie dem Saarland, teils auch aus Nordrhein-Westfalen.
Der Radsport veränderte sich seit Hesselschwerdts Hochzeit, was der Senior mit Bedauern feststellt: „Die Zuschauer wurden weniger, die Fahrerfelder kleiner. Die Mannschaftstaktik ist entscheidender. Früher hatten Einzelstarter größere Siegchancen. Heute ist zu wenig Abwechslung drin.“
Hesselschwerdt: „Und das Zusammensitzen mit den Konkurrenten und Fans nach den Rennen gibt es so fast nicht mehr.“ Die Organisation solcher Rennen nimmt auch wegen steigender Auflagen der Behörden und der gleichzeitig zurückgehenden Anzahl von willigen Ehrenamtlichen ab.
Das Rennsterben
Rennen sterben, so auch das in Speyer, wo sich am Berliner Platz zu Hesselschwerdts Leidwesen im Jahr 2012 zum letzten Mal die Räder drehten. Er selbst will weiter Erfolge feiern. „Ich habe gesagt, dass ich aufhöre, wenn ich ein Jahr habe, in dem ich kein Rennen mehr gewinne“, sagt der zu den Senioren 4, der Altersklasse ab 60 Jahren, aufgerückte Radsportler.
Wer sieht, wie fit er in diesem Alter noch immer daherkommt, wie schnell er sich von einem 2019 bei einem schlimmen Sturz erlittenen Schädel-Hirn-Trauma erholte, der weiß, dass es noch etwas dauert, bis es soweit ist und „Hessel“ noch das eine oder andere Radrennen als Sportler überlebt – aber hoffentlich nicht auch noch das von Lingenfeld.