Speyer
Pastorale Poesie bei den „Kathedral-Klängen“ im Dom
Wenn Eberhard Klotz, der Autor der Orgel-Transkriptionen von Anton Bruckners Orchestersinfonien , sagt, dass man in seinen Versionen andere Werke hört, dann bestätigte sich dies beim dritten der neun als „Kathedral-Klänge“ des rheinland-pfälzischen Kultursommers in Trier, Mainz und Speyer gegebenen Abende am Samstag mit Bruckners Erster im wiederum gut besuchten Dom zu Speyer; der dabei am dortigen zweiten von fünf sinfonischen Abenden den größten Anteil hat. Der ausgefeilt spielfertige und klangsinnige Organist Andrea Pedrazzini mobilisierte mit über sechshundert einprogrammierten Register-Setzern ein ungewöhnliches Klangspektrum, das die Strahlkraft von Bruckners sinfonischer Glaubenszuversicht klanglich in den Finalpassagen der Ecksätze vollkommen einlöste. Die kleinteilig entwickelnden Abschnitte blieben dagegen trotz des minutiösen, oft des Nachhalls wegen verhaltenen Spiels des 32-jährigen, in Locarno amtierenden, vom Klavier her kommenden Organisten an einigen Stellen doch etwas im Hintergrund.
Laut-Leise-Kontraste und liebevolle Erbaulichkeit
Vielleicht auch, weil Pedrazzini hier im Finale die Dynamik an einigen retardierenden Stellen aus Angst vor hallenden Verwischungen so stark zurücknahm, dass die Faktur auch in der straffen, frühen „Linzer“ Fassung verblasste. Nach magistral und grandios aufgewuchtetem Beginn dieses vierten, von Bruckner „Bewegt und feurig“ überschriebenen Schlusssatzes der Ersten zeigte sich der Orgelgast aber andererseits auch als souveräner Spieler, der Bruckners kunstvolle Entwicklungen dicht verfolgte, für subtile Dialoge sorgte, lichte Durchhörbarkeit schuf und die kanonischen Entwicklungen und thematischen Umkehrungen minutiös artikulierte.
Wenn Bruckner-Kenner mitteilen, dass sich in seinem sinfonischen Erstling bereits die Laut-Leise-Kontraste zwischen Fortissimo und Pianissimo seiner späteren Sinfonien ankündigen, so wurde die aufmerksam mitgehende Speyerer Hörerschaft an diesem „Kathedralklang“-Abend von Pedrazzini gleich im Kopfsatz konturiert mit diesem dynamischen Gegensatz konfrontiert. Das pochende Hauptthema wurde durch Bläserakzente noch geheimnisvoller gefärbt; und die Hinführung zum trotzigen dritten Thema in Zungenregistern verstärkte noch seine machtvolle Aura. Abgesehen von einigen vorpreschenden Tönen lief dieser eröffnende, kontrastreiche Allegro-Satz sehr plastisch im Klang unter bestmöglicher Nutzung der Registerfülle der Seifert-Orgeln (mit Zuschaltung der Chororgel) ab. Forcierten Druck vermied Pedrazzini. Und die schwulstigen Wagnerismen dämpfte er.
Gestalterische Höhepunkte setzte der Tessiner Organist dann im in spannender Dichte besonders geglückten Adagio. Leicht tremolierend nahm er dem grüblerischen Beginn seine Schwere. Die tröstenden Choralzeilen erklangen mit aufgehellten Repliken sehr feinsinnig. Dem bewegteren Andante-Teil gab Pedrazzini etwas von der Leichtigkeit der Adagii religiosi der französischen Orgelsinfonien mit. Den pastoral-bukolischen Reiz dieses Mendelssohn-nahen, erbaulichen Abschnitts spielte er liebevoll in seiner ganzen feinfarbigen Poesie aus. Die Musik schien in ihrem inneren Gleichgewicht wie ein stabiler Kreisel stehen zu bleiben. Unheimliche Konzentration wurde spürbar trotz oder gerade wegen der Leichtigkeit der Artikulation. Eine Sternstunde. Pedrazzini mochte das Satz-Ende zurecht nicht zur orchestralen Pracht aufblasen. Wieder bewahrheitete sich die Einsicht von der „anderen Sinfonie“ ihres sie transkribierenden Autoren.
Verträumte Idylle und begeisterter Schlussapplaus
Auch das schwungvolle Scherzo wurde ein Beispiel für dieses „Andere“. Denn mit den schwereren Bläser-Registern büßte das frisch dahin tänzelnde Streicher-Thema etwas von seinem lustigen Elan ein. Die wellenartigen Bewegungen verebbten im Al-fresco, Das Pochende wurde gemildert, die Dämonie verlor an Schrecken. Hier wäre spielerisch etwas mehr an rhythmischer Kontur denkbar gewesen, mehr Schärfe und Draufgängertum. Die verhalten verträumte Trio-Idylle im Schalmei-Klang entschädigte dann aber in diesem im Gesamten doch spielerisch lebendigen Scherzo-Satz. Die insgesamt erlebnisreiche Orgelstunde mit der Sinfonie, die im Orchester in 49 Minuten zu Ende ist, hier aber wegen der gemäßigten Tempi 60 Minuten ausschöpfte, endete mit begeistertem Beifall im Domschiff.