Speyer
Nach Kurs in Suchtberatung: Alkoholproblem im Griff, ohne abstinent zu sein
„Ich hatte nach meiner Wahrnehmung kein Problem mit Alkohol.“ Der junge Mann aus dem Rhein-Pfalz-Kreis schüttelt den Kopf. Er weiß heute, dass es anders war. Seine Frau habe ihm letztlich die Augen geöffnet. Sie habe ihm von wiederkehrenden Aussetzern erzählt, von Dingen, an die er sich nicht erinnerte „und auf die ich nicht stolz war“. Aussetzer wegen seines hohen Alkoholkonsums. Der habe sich nach und nach ergeben. Mit 15, 16 Jahren habe er begonnen, mit seinen Freunden zu trinken. Beim Feiern am Wochenende. Bald auch unter der Woche. Er habe das körperlich weggesteckt. Schule und Arbeit seien zunächst nicht beeinträchtigt gewesen.
In den vergangenen Jahren habe sich die Situation jedoch zugespitzt. Er habe um seine Beziehung fürchten müssen und vielleicht auch um seinen Job. „Ich bin beruflich auf den Führerschein angewiesen“, sagt der inzwischen 35-Jährige, der zudem Raubbau mit seiner Gesundheit betrieb und schon in jungen Jahren immer wieder Magenschmerzen hatte.
Sein Alkoholkonsum sei „ein starkes Gesellschaftsding“ gewesen, sagt der Mann heute. Wenn er für manche Tage „das eine oder andere Bier, sechs Schorle und zum Abschluss zwei Havana-Cola“ aufzählt, werden die problematischen Ausmaße deutlich. „Ich habe nie aus dem typischen Vollrausch mit 18, 19 Jahren gelernt“, urteilt er im Rückblick. Die Gespräche mit seiner Frau waren letztlich ausschlaggebend dafür, dass er sich Hilfe suchte. Er googelte sich zur Suchtberatung des Caritas-Zentrums Speyer und erhielt einen Rückruf von Suchttherapeut Dominik Christmann, aus dem auf Anhieb ein längeres Gespräch wurde. Beim Erstkontakt finde schon viel Beziehungsarbeit statt, erklärt Christmann. Es passte – wie letztlich auch das Hilfsangebot für den jungen Pfälzer: „Ich habe schnell gedacht, dass er gut in das Programm ,Kontrolliertes Trinken’ passen würde.“
Hürde nicht so hoch
Hintergrund des Kurses sei, dass es viele alkoholkranke Menschen abschrecke, abstinent zu werden. Die Hürde, komplett auf Alkohol zu verzichten, erscheine ihnen so hoch, dass sie – wie geschätzte 90 Prozent der Suchtkranken – stattdessen gar nichts machten. „Über die Auseinandersetzung mit kontrolliertem Trinken ist der Einstieg oft leichter“, so die Caritas. Deren Speyerer Suchtberatungsteam mit Christmann, Andrea Rouget und Renate Rauch weiß, dass das kontrollierte Trinken wissenschaftlich lange umstritten war. „Nicht jeder Mensch mit einer Suchterkrankung kann kontrolliertes Trinken erlernen. Für viele Alkoholiker ist das keine Option, da gilt nur ganz oder gar nicht.“ Renate Rauch ist für die Kontrolliertes-Trinken-Kurse in Speyer mit rund acht Klienten pro Jahr zuständig und fest überzeugt: „Das Programm ist erfolgreich. Und einen Versuch ist es allemal wert.“
Der Mann aus dem Rhein-Pfalz-Kreis, der Ende 2025 seine zehnwöchige Kursphase durchlaufen hat, nickt: „Es hat mir sehr geholfen. Ich habe die Sache dadurch in den Griff bekommen.“ In den aufeinander aufbauenden Sitzungen erhalten die Teilnehmer Informationen, Anleitungen zur Bilanzierung des eigenen Trinkverhaltens sowie praktische Strategien, um die selbstgesetzten Ziele zu erreichen. Welche Alternativen gibt es zum Alkohol? Wie verhält man sich am besten in sogenannten Risikosituationen, in denen der Griff zur Flasche vielleicht allzu verführerisch ist? Zu den Methoden gehört ein „Trinktagebuch“: In den ersten Wochen wird nur aufgeschrieben, wie viel wann, wo und mit wem getrunken wird. Ab der vierten Woche geht es dann auch darum, dass sich der Teilnehmer selbst Ziele setzt, wie viel er trinken will – und auch das bilanziert.
Diszipliniert geblieben
Im Fall des Pfälzers, der nicht abstinent leben, aber seinen Alkoholkonsum in den Griff bekommen wollte, war das der richtige Weg, wie beide Seiten versichern. „Das hat alles geändert“, sagt der Mann. Am Anfang habe er seine Ziele nicht immer einhalten können, „weil die Gewohnheiten noch drin waren“. Er könne sich auch an einen „Absturz“ in dieser Zeit erinnern. Dann habe es jedoch immer besser geklappt. Er habe sich Ziele gesetzt, die im Fall einer Feier auch einmal „maximal vier Schorle“ lauten konnten, per Eintrag jedes Getränks im Handy mitgezählt und sei diszipliniert geblieben.
Auch in den ersten Monaten nach Kursende habe er über das Mobiltelefon noch mitgezählt, inzwischen brauche er das nicht mehr: „Das ist so im Kopf drin.“ Das gelte auch für die geänderten Gewohnheiten: Wenn er seinen Onkel besuche, dann sei kein Begrüßungsschnaps notwendig, mit seinen Freunden könne er auch Kontakt ohne den alkohollastigen Wochenstammtisch haben, und beim Filmeabend oder der Gartenarbeit müsse kein Kasten Bier mehr daneben stehen. „Ich fühle mich sehr sicher derzeit, auch wenn ich weiß, dass das nicht für alle Zeiten garantiert ist“, sagt der Mann.
Die Therapeuten Rouget, Christmann und Rauch, die sich jährlich in der Speyerer Ludwigstraße um gut 300 Klienten kümmern, sind stolz, dass es in diesem Fall so gut geklappt hat. Sie beraten Menschen nicht nur beim Wiedererlernen eines moderaten Alkoholkonsums, sondern bieten auch vertrauliche Einzel-, Paar- und Familiengespräche an. Sie unterstützen bei der Vermittlung in Reha-Maßnahmen, begleiten Nachsorgeangebote und arbeiten eng mit der Selbsthilfegruppe Kreuzbund zusammen. Für Angebote, in denen es um Abstinenz geht, würden die Kosten häufig von der Rentenversicherung, Krankenkassen oder Sozialämtern getragen. Beim „Kontrollieren Trinken“ hatte ihr Klient 350 Euro Gebühr aus eigener Tasche zu entrichten – was es ihm mehr als wert war, wie er versichert. Es passe gut zur vom 13. bis 21. Juni laufenden bundesweiten Aktionswoche „Alkohol? Weniger ist besser!“ der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), an der sie sich beteiligen. Das Präventionsangebot will zum Nachdenken über das eigene Trinkverhalten motivieren.