Speyer Nach der Hochzeit war der Chor tabu
«Waldsee.» Sie kennen sich seit 50, 60 oder 70 Jahren. Zahleiche Schülerjahrgänge treffen sich bis heute regelmäßig. Was hält sie nach so langer Zeit noch zusammen? Sind es die Kindheitserinnerungen? Haben sich die Träume von damals erfüllt? Heute: der Jahrgang 1932/33 aus Waldsee.
Sieben der 67 Abc-Schützen von 1939 sitzen im Waldseer „Asia Wok“. Das Restaurant hat vor vier Wochen neu eröffnet. „Früher hieß das Lokal „Neue Welt“, sagt Irmgard Fischer und erinnert die Schulfreundinnen an Treffen der Hitlerjugend und des Bunds Deutscher Mädel im gleichen Haus. „Oben waren die Buben, unten wir“, erinnert sich Fischer. „In der Schule saßen wir kerzengerade mit den Händen auf dem Rücken auf den Bänken, die heute im Heimatmuseum stehen“, erzählt Hilde Zinser. Die Haltung kann sie noch heute einnehmen. Den ebenfalls dem Jahrgang damals abverlangten Hitlergruß lässt sie aus. „Geld für den Führer“ hätten sie sammeln und jeden Tag eine gute Tat nachweisen müssen. Das weiß Irma Weber noch genau. Kartoffelkäfer, Lindenblüten und Wacholder hätten die Waldseer Kinder nach Schulschluss gesammelt. „Irgendwie auch für den Führer“, meint Fischer. Mit den Früchten des Maulbeerbaums vor der Schule seien Seidenraupen gefüttert worden, die im Krieg für Fallschirmseide gesorgt hätten, kann sich Maria Strohmenger erinnern. Zinser war die Jüngste der Klasse. Mit fünf Jahren sei sie am 2. Mai 1939 eingeschult worden, erzählt sie vom frühen Abschied vom unbeschwerten Kinderleben. „Fangen oder Strickhupsen konnten wir nur noch nach Schulschluss spielen“, beschreibt sie bittere Einschränkungen für eine Fünfjährige. „Fräulein Bast“, die erste Lehrerin, hätten alle geliebt, sagt sie. Andere Pädagogen hätten bei Schwätzen oder ähnlichen Verfehlungen auf Finger, Köpfe oder Schultern geschlagen, berichtet Klara Regenauer von disziplinarischen Maßnahmen in ihrer Schulzeit. Seit 30 Jahren trifft sich der Jahrgang an jedem ersten Donnerstag im Monat. Eine Handvoll Frauen ist übrig geblieben – viele seien bereits gestorben, einige hätten kein Interesse, manche seien zu krank, erklärt Zinser. Irma Tremmel erzählt vom Kriegsende. Soldaten hätten die Schule eingenommen und die Bänke aus den Fenstern geworfen. Im Tanzsaal des Gasthauses „Zum Engel“, heute Eiscafé „Dolomiti“, seien die Waldseer Kinder bis zum Abzug der Soldaten unterrichtet worden. „Beheizt wurde der Saal von einem alten Holzkohleofen“, weist Maria Tremmel auf die Verpflichtung jedes Schülers hin, täglich ein Stück Holz oder ein Brikett mitzubringen. Dabei fallen Zinser die „Grilleprinzle“ ein, die der Lehrer Grill aus Maiskörnern für seine Schüler auf der Ofenplatte hergestellt habe. Zinser hat ihr „Zeugnisbüchlein“ mitgebracht. Vom ersten bis fünften Schuljahr sind ihre durchweg guten Noten darin handschriftlich eingetragen. „Für uns Mädels gab es keine Realschule“, erklärt sie. Die habe Geld gekostet, das die Familien für ihre Töchter nicht ausgeben wollten. „Ihr heiratet doch sowieso“, habe es geheißen, sagt Fischer. „Unsere Ausbildung war in der Nähschule.“ Gemeinsam mit Hilde Zinser und Irmgard Fischer habe sie im Kirchenchor gesungen, erzählt Maria Tremmel von einem Hobby in der Jugendzeit. „Wir durften aber nur bis zu unserer Hochzeit im Chor bleiben“, weist sie auf eine für sie bis heute unverständliche Regel hin. Das Singen haben sich die Seniorinnen nicht verbieten lassen. Sie stimmen „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ von Zarah Leander an. „Die war toll“, schwärmen die Frauen. „Und Hildegard Knef“, fügt Weber hinzu. „Wegen ihrer Nacktszene sind wir damals ins Kino gelaufen“, erinnert sie sich. „Natürlich haben wir getanzt“, betont Regenauer. „In allen Sälen an Erntedank, zur Kerwe, an St. Martin und an Fasnacht. Um Mitternacht musste jeder seine Maske abnehmen.“ Schwimmen hätten sie mit zwölf im Altrhein gelernt. „Die Buben haben Reisig zum Drauflegen für uns geschnitten“, erzählt Zinser. Die Brüder der meisten Frauen sind im Krieg gefallen. Die Väter hätten im Bienwald Schützengräben ausheben müssen, erzählen sie vom „Volkssturm“-Einsatz. Eine Waldseerin sei den Befreiern nach Kriegsende mit einer weißen Fahne entgegengelaufen, erinnert sich Fischer. „Schwarze Soldaten haben ihre Gewehre auf unsere Häuser gerichtet“, schildert Zinser Angst und Entsetzen im Dorf. Die Amerikaner hätten den Kindern aber auch Schokolade und Kaugummi gegeben. „Chewing Gum“, übersetzt Strohmenger.