Speyer Majestät entscheidet zur Mittagszeit

Placeholder-Image

In der Speyerer „Kult(o)urnacht“ vor knapp drei Wochen haben sie sich als Publikumsmagneten erwiesen: Erstmals waren zu diesem Anlass die Schraudolph-Fresken im Kaisersaal des Doms für Besucher zugänglich (wir berichteten ausführlich). Der Zeitpunkt erweist sich im Nachhinein als gut gewählt: Heute jährt sich zum 175. Mal der Beschluss des bayerischen Königs Ludwig I., den Dom ausmalen zu lassen.

„Ich habe mich entschlossen, den Dom malen zu lassen.“ Der Satz des bajuwarischen Herrschers vom 13. Juni 1843 gilt als überliefert. Gerichtet war er an Bischof Nikolaus von Weis (1796–1869) und Vertreter des damaligen Domkapitels. Sie warteten vor der Tür auf den Monarchen, der den Dom am Morgen aufgesucht und sich bis zur Mittagszeit darin aufgehalten hatte. Ludwig (1786–1868) verfolgte aus übereinstimmender Sicht der Historiker mit seinem Plan zwei Absichten: Einerseits verspürte er das Bedürfnis, den Dom neu zu gestalten und zu verschönern. Auf der anderen Seite ging es ihm aber auch darum, mit vorbildlicher Kunst die ästhetische und religiöse Erziehung seines Volkes zu beeinflussen. „Die Ausarbeitung des ikonografischen Programms der Fresken war vor allem das Werk des damaligen Speyerer Bischofs Nikolaus von Weis“, schreibt die bischöfliche Pressestelle in einer Mitteilung zum runden Jahrestag. Der Auftrag zur Ausmalung ging an den Kirchen- und Historienmaler Johann Baptist Schraudolph (1808–1879). Auftraggeber und Künstler kamen überein, dass ein großer Freskenzyklus mit Szenen aus dem Leben der Dom-Hauptpatronin, der Gottesmutter Maria, entstehen sollte. Zwei kleinere Bildfolgen mit Szenen aus dem Leben des Heiligen Stephanus und des Heiligen Bernhard von Clairvaux sollten ihn ergänzen. Drei Jahre nach Ludwigs Entschluss, am 8. Juni 1846, begann Schraudolph seine Arbeit mit der Darstellung Gottes. Nach sieben Jahren, am 9. Juli 1853, endete sie mit dem Bild der Vertreibung aus dem Paradies. Neben den bildlichen Szenen entstanden Ornamente für alle Wand- und Deckenflächen des Gebäudes. Zur letzten Arbeitsphase des Projektes zählte darüber hinaus die Errichtung neuer Altäre im Dom. Drei Tage lang, vom 15. bis zum 17. November 1853, dauerte ihre feierliche Weihe. Gleich zwei bayerische Könige waren zum Abschluss der Feier in der Stadt: der inzwischen emeritierte Ludwig I. und der regierende Maximilian II. Anfangs war die allgemeine öffentliche Bewunderung für Schraudolphs Werk noch groß, doch das änderte sich. Im Laufe der Zeit wurden immer mehr kritische Stimmen laut. Als Konsequenz wurden während einer großen Restaurierung 1957 fast alle Fresken aus dem Dom entfernt. Dabei wurden vor allem kleinere Figuren und Ornamente mitsamt des Putzes von den Wänden geschlagen und damit zerstört. Nur der Marienzyklus blieb an den Wänden des Mittelschiffs. Was darüber hinaus von der Ausmalung gerettet wurde, ist seit sechs Jahren als Teil der Präsentation im Kaisersaal über der Dom-Vorhalle des Doms zu sehen. Die auf digitale Gebäude-Rekonstruktionen spezialisierte Firma Archimedix aus dem südhessischen Ober-Ramstadt gestaltete im Auftrag der Europäischen Stiftung Kaiserdom zu Speyer ein Medienpaket, das den einstigen Raumeindruck mit der Ausmalung nachempfinden soll. Ob Schraudolphs Ausmalung im nazarenischen Stil nun Kitsch oder Kunst darstellt, darüber gingen und gehen die Meinungen auseinander. Vor fünf Jahren veranstaltete die Kaiserdom-Stiftung dazu eine geistes- und kulturgeschichtliche Tagung in Speyer. Im Jahr darauf erschien ein wissenschaftlicher Sammelband mit Beiträgen der damaligen Referenten unter dem Titel „Johann Baptist Schraudolph, die Nazarener und die Speyerer Domfresken“.

x