Speyer
Lehre zur Fluggerätemechanikerin: Aus Leidenschaft für Jumbos
Die Zeichnung offenbart, was in naher Zukunft auf der Werkbank von Michelle Williams entstehen soll: ein kleines Flugzeug aus Metall. Allerdings ein eher altertümliches Modell, das daran erinnert, wo die Wurzeln von PFW Aerospace liegen: auf dem benachbarten Speyerer Flugplatz. Dort gründeten 1913 die Brüder Alfred und Ernst Eversbusch die Pfalz Flugzeugwerke, die kurz darauf im Ersten Weltkrieg Militärmaschinen bauten. Seither werden – mit kleinen Unterbrechungen – im Süden der Domstadt Flugzeugteile gefertigt. Und die 22-jährige Williams wirkt fleißig daran mit, Pfälzer Luftfahrtgeschichte fortzuschreiben: Im September hat sie bei PFW ihre Ausbildung zur Fluggerätemechanikerin begonnen.
Ein eher ungewöhnlicher Berufswunsch für eine junge Frau, möchte man meinen. Aber die Saarländerin, die mittlerweile in Mannheim lebt, kann da nur lächelnd mit den Schultern zucken: „Ich war von klein auf fasziniert von der Luftfahrt. Flugzeuge fand ich immer toll.“ Ein Schülerpraktikum habe sie sogar auf der Air Base in Ramstein absolviert, direkt auf dem Flughafengelände. Das habe sie in dem Vorhaben bestärkt, sich beruflich in diese Richtung zu bewegen.
„Familienbetrieb“ im Flugzeugbau
Für Sophie Kerner hingegen wirkt der Lebensweg beinahe vorgezeichnet. Schon ihr Großvater habe bei PFW gearbeitet, erzählt sie. Heute arbeite ihr Vater im Bereich Zerspanung bei dem traditionsreichen Unternehmen mit nach eigenen Angaben rund 1500 Mitarbeitern in Speyer, darunter 70 Azubis, und einem jährlichen Umsatz von rund 300 Millionen Euro. „Ich bin sozusagen mit der Firma aufgewachsen“, sagt die 17-jährige angehende Fluggerätemechanikerin aus der Domstadt, für die PFW im Wortsinn ein „Familienbetrieb“ ist. Schon als Kind habe sie gern gebastelt. In der Nikolaus-von-Weis-Realschule wählte die Jugendliche später das Fach Technik: „Mir war immer klar, dass ich etwas Technisches machen will.“
Williams und Kerner gehören damit zu den vergleichsweise wenigen Berufsanfängerinnen, die sich für eine technische Ausbildung entscheiden. Bei PFW sind es im aktuellen ersten Lehrjahr fünf, die ihre Zukunft in der Arbeit mit Fluggeräten sehen. Den schulischen Teil ihrer dualen Ausbildung absolvieren sie in der Johann-Joachim-Becher-Schule im Westen der Domstadt.
Arbeitsvermittler registrieren ein deutliches Auseinanderklaffen der Interessensgebiete von Männern und Frauen. „Unter den zehn Berufen, die von Männern am häufigsten gewählt werden, waren die Hälfte aus dem technischen Bereich“, sagt Heidrun Schulz von der Bundesagentur für Arbeit. Bei den Frauen jedoch sei kein einziger technischer Beruf unter den Top Ten, bedauert die Vorsitzende der Geschäftsführung der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland. Dabei seien technische Berufe nicht nur interessant, sie würden in der Regel auch weit besser entlohnt.
Faible für große Flieger
Williams und Kerner finden auf Nachfrage ihre Ausbildungsvergütung „ganz okay“. Eine Aussage, die PFW-Ausbildungsleiter Tobias Nickchen gern vernimmt – und nicht müde wird zu betonen, dass sein Unternehmen nicht nur nach Tarif zahle, sondern auch die 35-Stunden-Woche biete. Ein Aspekt, der jungen Menschen zunehmend wichtig sei, Stichwort: Work-Life-Balance.
An diesem Freitag jedoch ist Nickchens Schützlingen offensichtlich ihre Aufgabe wichtiger als der Gedanke an das nahe Wochenende. Sophie Kerner bestimmt mittels einer Schablone, wo sie auf einem Blech zum Bohren ansetzen muss. Michelle Williams feilt an Rumpf und Fahrgestell ihres Werkstücks. Sie liebe es, präzise vorzugehen, zu rechnen und zu messen, sagt die junge Frau mit Fachhochschulreife. Die verschiedenen Arbeitsschritte, die unterschiedlichen Werkzeuge und Maschinen machten die Aufgabe vielfältig und abwechslungsreich. Beim Flugzeugbau bekomme man Einblick in etwas „ganz Außergewöhnliches“, meint sie.
„Mich fasziniert die Vorstellung, ich habe jetzt ein Röhrchen in der Hand, und in wenigen Wochen ist es in der Luft“, berichtet Sophie Kerner. Besonders die „großen Vögel“ haben es ihr und Williams angetan, die Passagiermaschinen von Boeing und Airbus, der Hauptkunden von PFW, für die in Speyer unter anderem Rohrleitungssysteme hergestellt werden. Aber auch große Frachtmaschinen wie der Airbus A400M lassen ihre Augen strahlen. Selbst einmal den Steuerknüppel in die Hand nehmen und abheben wollen die beiden jedoch nicht, zumindest nicht in absehbarer Zeit. Noch ist das Feilen attraktiver als das Fliegen.