Speyer
Kinderarzt: Gute Gründe für volle Praxen
Trockener Reizhusten, Schnupfen, Heiserkeit, teilweise mit Fieber: die meisten kleinen Patienten, die Bernhard Hock und seine fünf Kollegen in ihrer neuen Gemeinschaftspraxis in der Quartiersmensa Q+H in Speyer-West derzeit behandeln, haben sich nicht mit Corona-, sondern mit Adenoviren infiziert. Sie sind die Übeltäter eines grippalen Infekts. Wirklich behandeln könne man die Krankheit nicht, schlimm seien diese Viren im Normalfall aber auch nicht. „Im Gegenteil“, sagt der 64-jährige Hock, der nach einer Tätigkeit und Ausbildung am Diakonissen-Krankenhaus 25 Jahre lang eine Kinderarztpraxis in Dudenhofen betrieb und jetzt einen Neuanfang in Speyer gewagt hat. „Die trainieren das kindliche Immunsystem.“
Auf das Immunsystem-Training mussten die Kinder im vergangenen Winter oftmals verzichten. Durch geschlossene Kindergärten und fehlenden Kontakt zu Gleichaltrigen sei die Erkältungswelle im vergangenen Winter auch in seiner Praxis recht milde ausgefallen, berichtet der in Mönchengladbach geborene und seit drei Jahrzehnten in Harthausen lebende Hock. „Diese Krankheiten werden nun nachgeholt.“ Die Infektionen kämen derzeit geballter. Die Viren seien nicht gefährlicher geworden, es seien einfach mehr Kinder auf einmal betroffen.
Früher dran
„Es ist nicht heftiger als in den Jahren vor Corona, wir sind in diesem Jahr einfach nur früher dran“, sagt Hock. Dass die Erkältungssaison rund sechs Wochen früher als in den Jahren vor Corona zuschlägt, überrascht den Arzt nicht. „Rund zwei Wochen, nachdem die ersten Kitas wieder geöffnet hatten, kamen auch die ersten Fälle wieder“, sagt er. Hinzu komme, dass der Sommer eher kühl und nass war. Das habe die Verbreitung der Viren, die die Wärme nicht mögen, zusätzlich begünstigt. Somit sei die Erkältungssaison bereits im August statt wie sonst üblich im Oktober gestartet.
Neben den Adenoviren habe derzeit in seiner Praxis das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) Konjunktur, das ebenfalls einen grippalen Infekt auslösen kann. Während ältere Kinder dieses im Normalfall recht gut wegsteckten, könne das RSV vor allem bei den Allerkleinsten lebensbedrohlich sein. „Bei Säuglingen und Frühchen muss man aufpassen, da sich das Virus auf die Bronchien schlagen kann“, berichtet Hock. Verschwindend gering sei hingegen die Anzahl an wirklichen Covid-Fällen in seiner Praxis mit dem Namen „Fitz“. Die derzeit vieldiskutierte Impfung für Kinder gegen das Coronavirus sieht der Kinderarzt deshalb auch eher skeptisch. „Die meisten Kinder machen eine Covid-Erkrankung ohne große Probleme durch, rund ein Drittel sogar vollkommen symptomlos“, sagt er.
Auch vom Maskentragen in der Schule hält Hock nur wenig. Durch den Lockdown sei bei vielen Kindern und Jugendlichen große Verunsicherung entstanden. „Viele Jugendliche berichten mir sogar, dass sie eine regelrechte Furcht davor haben an Covid zu erkranken.“ In diesen Fällen tendiere er klar zu einer Impfung, um Ängste zu nehmen.
Ausnahmesituation spürbar
Ob die Erkältungssaison in diesem Winter früher enden wird, da sie auch früher begonnen hat, müsse sich noch zeigen, meint Hock. Generell sei es vollkommen normal, dass Kinder im Laufe der ersten Lebensjahre auf bis zu zwölf Infekte pro Jahr kommen. „Wir hatten eine Ausnahmesituation. So gesunde Kinder wie im vergangenen Winter, das ist nicht normal“, meint Hock. Dass das Immunsystem der Kinder durch die lange Isolation nun geschwächt sei, glaubt der Kinderarzt hingegen nicht. Er betont allerdings auch: „Um Gottes willen, bloß keine Kitas und Schulen mehr schließen.“ Das richte bei den Kindern letztlich mehr Schaden als Nutzen an.