Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Internationaler Orgelzyklus im Dom zu Speyer: Jens Wollenschläger bietet großes Klangkino

Virtuoses Finger- und Fußspiel: Jens Wollenschläger brillierte an der Hauptorgel des Kaiserdoms.
Virtuoses Finger- und Fußspiel: Jens Wollenschläger brillierte an der Hauptorgel des Kaiserdoms.

Beim Internationalen Orgelzyklus hat am Samstag der Tübinger Orgelprofessor Jens Wollenschläger im Speyerer Dom gastiert. Der gebürtige Landauer glänzte im gut besetzten Gotteshaus mit Kleinteiligem aus dem Edelstein-Depot des Genres.

Wieder einmal pfuschte das Corona-Geschehen den Organisatoren des Internationalen Orgelzyklus Dom zu Speyer ins wohldurchdachte Programm, ließ es doch den für Samstag geplanten Auftritt des Virtuosen aus Rouen, Jean-Baptiste Monnot, sehr kurzfristig platzen und Domorganist Markus Eichenlaub umgehend und neuerlich auf (adäquate) „Brautschau“ gehen.

Nun ist einer wie Jens Wollenschläger, Titularorganist an der Tübinger Stiftskirche, Professor für Orgel an der Protestantischen Kirchenmusikhochschule ebenda und mit Mitte 40 bereits auf 81 runden Scheiben präsent, durch eine Anfrage drei Tage vor dem Konzerttermin nicht wirklich aus der Fassung zu bringen. Im Gegenteil: Er punktete im fantastisch gut besetzten Dom mit einem Programm, das es mächtig in sich hatte. Statt Viernes 5. Orgelsinfonie gab es Kleinteiliges aus dem Edelstein-Depot des Genres. Obendrein in stilistischer Vielfalt und grandios dargeboten.

Nadelscharf und beiläufig zugleich

Gewollt oder nicht – im Zentrum der Werkauswahl erwies Jens Wollenschläger nochmals dem gerade ausklingenden Kultursommer Rheinland-Pfalz Referenz. Denn weniger Dietrich Buxtehude, dessen „Magnificat primi toni“ den norddeutschen Zyklus eröffnete, vor allem aber Joachim Decker, Vater (Hieronymus) und Sohn (Jakob) Praetorius zählen zu jenen „Nordlichtern“, deren kompositorisches Schaffen gerade so etwas wie eine Wiederentdeckung erlebt.

Johann Sebastian Bach, der nebenbei bemerkt ja mehrfach mit Hamburg geliebäugelt hatte, passte da bestens hinein mit der wunderbaren Choralbearbeitung „An den Wasserflüssen Babylons weinten wir“. Auch war es, inhaltlich betrachtet, ein – wenn man so will – sehr ökumenisch veranlagtes Programm; mit „Magnificat“-Vertonungen (Buxtehude und Praetorius dem Älteren) und Bearbeitungen bedeutsamer Luther-Choräle wie „Vater unser im Himmelreich“ (Joachim Decker und Praetorius, der Jüngere) und nicht zuletzt „Eine feste Burg ist unser Gott“, inspiriert von Psalm 46.

Prachtvolle Orgel leuchtet schillernd auf

Mit der „Kirchlichen Fest-Ouvertüre“ über jenen aktuellen Choral von Franz Liszt eröffnete Jens Wollenschläger sein Recital, ließ damit gleich zu Beginn die prachtvolle Dom-Orgel in allen spätromantisch schillernden Farben aufleuchten und auch mit Sigfrid Karg-Elerts teils versponnenem, teils mächtig aufbegehrendem „Symphonischem Choral“ großes Klangkino entstehen.

Der Rahmen für die feingliedrige Barockliteratur zur Mitte schloss sich mit der gemäßigten Moderne französischer Provenienz zum Ausklang; mit Gaston Litaize und seinem von Jazz inspirierten, nicht nur rhythmisch fesselnden „Prelude et Danse fuguée“ und Marcel Duprés in allen Nuancen der Variationskunst schillernden, espritgeladenen und so überaus sinnlichen „Variations sur un Noël“. Dazwischen leuchtete Jehan Alain, der so früh im Zweiten Weltkrieg Gefallene, mit seiner „2. Fantaisie“ und einer komplexen Tonsprache voller Emotion und abgründiger Tiefenschärfe, die ihresgleichen sucht.

Orgelspiel an schwierige Raumakustik angepasst

All das breitete Jens Wollenschläger aus wie ein kreatives Füllhorn, eben erst geboren. Sein virtuoses Finger- und Fußspiel, etwa bei Litaize oder Dupré – umwerfend präzise, nadelscharf, dennoch beiläufig. Und er erwies sich als ein Meister des Farbspektrums, wählte sorgsam, variantenreich, aber stets unkorrumpierbar geschmackvoll angesichts der Fülle der Möglichkeiten dieser Orgel. Angenehm war auch die Wahl der Tempi, die dem langen Nachhall im Dom sorgsam und unaufgeregt Rechnung trug. Wie überhaupt sein Spiel auf Transparenz und Spiegelung der kompositorischen Struktur äußerst bedacht war; was an diesem Ort mit seiner schwierigen Raumakustik nicht zwangsläufig geschieht.

Ein fantastischer Interpret und Fabulierkünstler, dieser Professor, und man lauschte ihm nur zu gerne an diesem Abend, der die Gier des Publikums nach Musik live, die gebannte Hingabe an das analoge Erleben geradezu seismographisch aufspürte.

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