Speyer
In Speyer soll wieder so viel gebaut werden wie früher
Mehr als zwei Jahrzehnte – eine lange Zeit. Seit Ende der 1990er Jahre war in Speyer die Anzahl der Baugenehmigungen und -fertigstellungen vergleichsweise gering (siehe Grafik). Für das Statistische Landesamt sind dabei die Fertigstellungen der aussagekräftigere Wert, da es nach der Baugenehmigung dauern kann, bis tatsächlich ein neues Haustürschloss geöffnet wird. Die 20 Jahre fallen in eine Zeit, in der Speyer bei den Arbeitsplätzen stark gewachsen ist, bei den Einwohnern aber mangels Wohnraum fast stagnierte.
„Nachfrageüberhang bei kleinen, preisgünstigen Wohnungen für Ein- und Zweizimmerhaushalte“ – das ist die Bestandsaufnahme im städtischen Wohnungsmarktkonzept von 2018. Konsequenzen: Die Kaufpreise für Wohnungen seien zwischen 2010 und 2017 um rund die Hälfte, die Mieten um 26 Prozent gestiegen. Die Stadt will dagegen ansteuern.
Nicht mit Fingerschnippen
Die seit vorigem Jahr amtierende Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler (SPD) setzt die Weichenstellungen von Vorgänger Hansjörg Eger (CDU) fort, teilweise noch verstärkt: Das städtische Konzept sieht bis ins Jahr 2030 einen Neubaubedarf von 840 Ein- und 1350 Mehrfamilienhäusern vor, der politisch ermöglicht werden soll. In Speyer geht das aber nicht mit einem Fingerschnippen: Das Flächenangebot der kreisfreien Stadt mit der kleinsten Gemarkung im Bundesland ist knapp. Das Wohnungsmarktkonzept und das parallel geknüpfte „Bündnis für bezahlbares Wohnen“ müssten vor diesem Hintergrund „einem Absinken der Fertigstellungszahlen entgegenwirken“, ordnet Lisa Eschenbach, Sprecherin der Stadtverwaltung, ein.
„Spürbarer Effekt“
„Die Stadt geht von einem spürbaren Effekt aus, gerade im Bereich des Mehrfamilienhausbaus und bei den geförderten Wohnungen“, sagt die Sprecherin. Projekte seien auf den Weg gebracht. Die größten Beispiele seien weitere Bauabschnitte im Bereich der Alten Ziegelei (Erlus/Am Fluss, 310 Wohneinheiten), das Baugebiet Russenweiher (130 Einheiten, siehe „Zur Sache“), schon eingetütet seien außerdem 100 Einheiten am Rabensteinerweg und 85 in der Waldstraße. Ebenfalls auf der städtischen Liste: das Holtzmann-Areal angrenzend an den Wartturm, wo zu den bis zu 60 Einheiten umfassenden Plänen des Ludwigshafener Bauträgers Luma aber noch Gespräche nötig sind. Und: „Die Entwicklung des Pionier-Quartiers im Speyerer Norden stellt die nächste Etappe dar.“ Dort geht die Projektskizze rund um die ehemalige Kaserne und eine mögliche Landesgartenschau 2026 von bis zu 31 Hektar aus.
Apropos Kaserne: Geht es heute um die Kurpfalz-Kaserne, war in den 1990er Jahren die Normand-Kaserne das Konversionsgelände, das neue Wohnungen ermöglichte. Die Stadt führt es zusammen mit dem Schlachthof-Gelände am Mausbergweg als „Sondereinfluss“ an, um die hohen Zahlen von damals zu erklären: „Man ist zum Ende des 20. Jahrhunderts in Speyer wieder zum normalen Niveau der Bautätigkeit zurückgekommen.“ Um die Jahrtausendwende hätten höhere Zinsen, Unsicherheiten im Arbeitsmarkt sowie Kostensteigerungen im Bausektor gebremst. Nun seien trotz Corona wieder mehr Fertigstellungen zu erwarten. Ein Indiz: 2019 hat nicht nur einen hohen Wert an Fertigstellungen, sondern auch den höchsten Wert an Genehmigungen seit 1996 gebracht – und der letzte Wert wirkt sich erst in der Zukunft richtig aus.
Zur Sache: Wann geht’s am Russenweiher los?
Die ersten von rund 130 Wohneinheiten sollten seit Jahren fertig sein am Ufer des Russenweihers im Süden Speyers, wo auf knapp 4 Hektar Platz entstanden ist, weil sich zwei Gärtnereien verkleinert haben. Die Einigung der vier Grundstückseigentümer über die Aufteilung ihrer Parzellen zog sich aber hin. 2019 gab sich die Stadt optimistisch, dass ein Durchbruch erzielt ist. Das ist jetzt wieder Makulatur: Ein Eigentümer ist laut Stadt umgeschwenkt, sodass dem Umlegungsausschuss ein neuer Zuteilungsplan vorzulegen ist.
Die dafür Ende März geplante Sitzung musste Corona-bedingt abgesagt werden. Nun soll am 10. Juni getagt werden. Erst sei eine Zustimmung zu der Grundstücksverteilung nötig, dann müssten Verträge zur Finanzierung der Erschließung abgeschlossen werden, bevor das Ganze Rechtskraft erlange, so die Stadt. Bis dahin müssten die rund einjährigen Erschließungsarbeiten warten. „Private Bautätigkeiten nicht vor Ende 2021“, lautet deshalb die Prognose.
Die Stadt als einer der Eigentümer soll nach dem neuen Zuteilungsplan acht statt zuvor neun Grundstücke erhalten, so Sprecherin Lisa Eschenbach. Wertmäßig ändere sich damit nichts, aber bei der Lage – es handle sich nun um innerhalb des Gebiets zentraler gelegene Flächen.
RHEINPFALZ-Kommentar von Patrick Seiler
Weniger ist mehr?
Speyer ist attraktiv und braucht neue Wohnungen, um attraktiv zu bleiben. Dabei gilt es, das richtige Maß zu finden. Ideen und Investoren gibt es genug, heute unter SPD-Oberbürgermeisterin sowie einst unter CDU-OB. Jedoch: Schon jetzt ist die Stadt gut gefüllt und der Naturgürtel drumherum schmal geworden. Gerade für das Pionier-Quartier in Speyer-Nord würde es weitere Versiegelungen geben, wo heute Landwirtschaft ist. Der Abwägungsprozess dazu muss in einer Stadt mit erstmals seit Jahren grüner Umweltdezernentin sehr ernsthaft geführt werden. Erster Eindruck: Hier könnte im Gesamtvolumen weniger mehr sein.