Speyer In die Bürgerbüros sollen gute Leute

Waldsee. In Detlef Schneiders Büro hängt an der Wand ein Schild von 1972, das wieder brandaktuell ist: Es zeigt das rheinland-pfälzische Wappen, darunter steht „Verbandsgemeinde Waldsee“. Es hing einst am Rathaus, weil die damals neu gebildete Verbandsgemeinde Waldsee noch kein eigenes Wappen hatte. Und so ist es heute wieder, die Verwaltung muss das Landeswappen als Hoheitszeichen nutzen, weil sie noch kein eigenes hat. Damals, nach der ersten Kommunalreform, hatten es Waldseer und Otterstadter nicht eilig. Erst in den 1980er-Jahren gaben sie sich ein gemeinsames Wappen, berichtet Schneider. Er geht davon aus, dass es dieses Mal nicht so lange dauert, doch gibt es für ihn dringlichere Probleme. In den Rathäusern der seit 1. Juli bestehenden Verbandsgemeinde sehen sich die Mitarbeiter vor der im Land einzigartigen Aufgabe, drei bisher getrennte Verwaltungen zusammenzuführen. Dafür müssen unzählige Formulare und Arbeitsabläufe vereinheitlicht werden – und natürlich die Gebühren. Schließlich kann es nicht sein, dass Bürger für eine Eheschließung oder einen Bauantrag in Neuhofen einen anderen Betrag zahlen müssen als in Altrip oder Waldsee. Mehrere aus Verwaltungsmitarbeitern gebildete Arbeitsgruppen kümmern sich derzeit um die einzelnen Punkte. Schneider betont, dass bei der künftigen Herangehensweise nicht eine, beispielsweise die Waldseer Praxis, ausschlaggebend sei. Vielmehr wollten die Verantwortlichen zur jeweils besten Lösung kommen. Er selbst habe schon einige Male festgestellt, dass manches in Neuhofen oder Altrip besser gelöst worden sei. „Wir hatten eine jahrzehntelange Routine in gewissen Dingen, das wird jetzt durchbrochen.“ Deshalb sieht Schneider, der in Otterstadt lebt, durch die Fusion auch die große Chance, „Verkrustungen aufzubrechen, innovative Ideen zu fördern“. Der 48-Jährige macht gleichwohl deutlich, dass es Jahre dauern werde, bis der Zusammenschluss bis ins letzte Detail vollendet ist. Denn: „Wir dürfen die Bürger und Mitarbeiter mit Änderungen auch nicht überfrachten.“ Was für ihn weit oben auf der Agenda steht, ist die Computertechnik. „Eine funktionierende EDV ist die Lebensader einer Verwaltung“, macht er klar. Ein dicker Brocken, der den Verantwortlichen bevorsteht, ist die Verteilung des Personals. Das wird in den nächsten Wochen und Monaten geklärt. Früher war es auch nicht möglich, denn bei den Verhandlungen zur Fusion sei allen schnell klar geworden, dass man die Wahl des neuen Verbandsbürgermeisters abwarten sollte, sagt Schneider. Der neu gewählte Verwaltungschef, also Otto Reiland (CDU), sollte sich die Fachbereichsleiter aussuchen können. Diese Posten sind seit 15. Juli besetzt (wir berichteten). Jetzt müssen die Teams darunter gebildet werden. Dabei komme es auf eine gute Personaldurchmischung an, sagt der Büroleiter. Beispielsweise müsse in der Bauverwaltung Kompetenz aus allen Orten versammelt sein. „Es kann nicht sein, dass da jemand im Nebel stochert.“ Ein Alptraum wäre für ihn, wenn ein Bürger einen Bauantrag abgibt und der Mitarbeiter erst überlegen müsste, in welchem Ort die Straße ist. „Das macht keinen guten Eindruck auf den Bürger.“ Schneider weiß, dass viele Mitarbeiter klare Präferenzen haben, was Tätigkeitsfeld und möglicherweise auch Dienstort betrifft. Er sei bereit, sich das alles anzuhören und natürlich auch soziale Härten zu berücksichtigen. Aber letztlich müsse die Funktionsfähigkeit der Verwaltung gewährleistet sein. Gerade in den Bürgerbüros müssten sehr gute Leute sitzen. „Die haben schließlich den meisten Kontakt zu den Bürgern.“ 79 Mitarbeiter der Kernverwaltung müssen auf 71 Stellen verteilt werden, was möglich ist, weil manche ja Teilzeit arbeiten. Die Stellenanzahl ist dabei nicht in Stein gemeißelt. In einem Jahr will die Verwaltungsleitung Bilanz ziehen und schauen, ob daran was geändert werden muss. Denn laut Schneider gibt es keine Erfahrungswerte bei der Zusammenführung von drei Verwaltungen. Die 71 Stellen sind demnach eine Schätzung. Alle Mitarbeiter – auch die Fachbereichsleiter – sind daher bis zum 1. Januar 2016 lediglich auf Probe in ihrem jeweiligen Einsatzgebiet. Bis dahin wird die Fusion noch einige Überraschungen für die Verwaltung bereithalten, denn mit solchen ist Schneider eigener Aussage zufolge täglich konfrontiert. Eine liegt gerade vor ihm auf dem Schreibtisch. „Daran habe ich am 1. Juli überhaupt nicht gedacht“, murmelt er, während er ein paar Papiere anhebt. Darin geht es um einen möglichen Migrationsbeirat für die Verbandsgemeinde. Laut Gesetz muss jede Kommune einen solchen einrichten, wenn innerhalb ihrer Grenzen mehr als 1000 Ausländer leben. Die bisherige Verbandsgemeinde Waldsee lag ebenso unter dieser Marke wie Neuhofen und Altrip. Doch gemeinsam ist die Grenze überschritten. Verbandsgemeinden haben in dieser Frage allerdings einen Ermessensspielraum, der Verbandsgemeinderat muss entscheiden, ob es einen Migrationsbeirat geben soll. „Es ist schon spannend, aber halt auch viel Arbeit“, sagt Schneider. Gerade nach der auch für die Verwaltung aufwendigen Kommunalwahl. Dennoch ist der Büroleiter zuversichtlich, dass der Zusammenschluss gut klappt. „Ich bin da optimistisch“, sagt er zum Abschluss des Gesprächs. Nach einer kurzen Pause fügt er an: „Aber eigentlich bin ich immer ein optimistischer Mensch.“ Ob das als Einschränkung gemeint ist, bleibt in dem Moment offen.