Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Im Geschichtsbuch geblättert: Frühlingshafte Weihnachten und Bodenschätze in Lingenfeld

Eine Karte aus dem Jahr 1835: Sie zeigt den Verlauf des Rheins vor der Begradigung auf Höhe der Gemeinde Lingenfeld.
Eine Karte aus dem Jahr 1835: Sie zeigt den Verlauf des Rheins vor der Begradigung auf Höhe der Gemeinde Lingenfeld. repro: Ludwig Hans

Kein Schnee zu Weihnachten, dafür jedoch viel zu milde Temperaturen und anhaltende Trockenheit: Wetterphänomene, die aus der Gegenwart stammen könnten, hätte sie nicht schon die „Pfälzer Zeitung“ am Ende des Jahres 1857 für die Vorderpfalz überliefert. Eine weitere Schlagzeile damals: Goldfunde in Lingenfeld!

Über die ungewöhnlichen Launen des Wetters meldete das Blatt im Anschluss an die Weihnachtstage: „In den Gärten findet man wohlriechende Veilchen, Rosen, Levkojen, Primeln, Aurikeln und andere Kinder des Lenzes (Frühlings) in üppigstem Flor, Bäume und Gesträuche beginnen zu treiben und der Rasen prangt in dunklem Grün.“

Gleichzeitig wurde aber beklagt, dass es in „unserer wasserarmen Pfalz“ noch immer in Flüssen, Bächen und Brunnen an Wasser mangele. Auch der Rhein hatte während des gesamten Spätjahrs 1857 einen außerordentlich niedrigen Wasserstand aufgewiesen, sehr zum Nachteil von Schiffern und Kaufleuten. Mit dem eingeengten Flussbett und zahllosen Sandbänken, die nun zu den Ufern hin sichtbar zu Tage traten, bot er den damaligen Zeitgenossen einen trostlosen Anblick. Und auch Müller und Fabrikanten, die die Kraft von Bächen zum Antrieb ihrer Produktionsanlagen nutzten, hatten kaum noch das dazu notwendige Wasser.

Aus Lingenfeld erreichte in den letzten Tagen des Jahres 1857 die Redaktion eine Meldung, wonach der dortige „Rote Hamm“ einer neuen „Berühmtheit“ entgegen gehen könnte. Der Grund hierfür waren „Goldseifen“ (goldhaltige Schichten), die man am Fuß des Hochufers entdeckt hatte.

Auch August Becker, Verfasser der Volkskunde „Die Pfalz und die Pfälzer“, hatte in seinem 1857 erschienenen Werk schon die in „jüngster Zeit“ an dieser Stelle entdeckten Goldadern erwähnt. Der „Rote Hamm“ war Teil des „Hochufers des Altrheins, das sich steil in die Tiefe senkt und einen schauerlichen Anblick gewährt“. Ohne die Rheinbegradigung wäre die Gemeinde Lingenfeld im Lauf der Zeit vermutlich durch die unaufhaltsam abgetragene Erde an diesem Prallhang des alten Rheinstroms existenziell bedroht gewesen. Nicht umsonst hatten die Bewohner Lingenfelds bei der Durchreise König Ludwigs I. im Jahr 1829 dem Monarchen überschwänglich gedankt, der mit dem Abschluss eines Staatsvertrages zwischen dem Königreich Bayern und dem Großherzogtum Baden im Jahr 1825 erst die Grundlage zur Ausführung des für Lingenfeld so wichtigen Rheindurchstichs bei Rheinsheim gelegt hatte.

„Pfälzisches Californien“

„Vor Zeiten“, so die „Pfälzer Zeitung“, „war dieses unheimliche Hochufer bei dem Dorfe Lingenfeld der Schrecken der Fuhrleute. Es hatte eine Berühmtheit, die ich fast jener der Lurleiwand (gemeint ist der Loreley-Felsen am Mittelrhein) vergleichen möchte. Wie an jenem schon manches Schiff gescheitert ist, so ward am rothen Hamm zuweilen ein Mann mit Roß und Wagen in dunkler Nacht in die tief unten strömende Fluth des Rheines hinabgezogen.“

Nach dem Abschluss der Rheinregulierung hatte der „Rote Hamm“ zwar den einstigen Schrecken verloren, doch fand er nun aufgrund der dort entdeckten goldhaltigen Schichten erneut allgemeine Aufmerksamkeit, zumal die Bodenproben nach Einschätzung der „Pfälzer Zeitung“, eine bessere Ausbeute als die Goldwäscherei an anderen Stellen des Stroms versprachen. Schon bald, so mutmaßte das Blatt, „dürfte Lingenfeld unser pfälzisches Californien werden“ und der ehedem gefürchtete „Rote Hamm“ werde zu hohen Ehren kommen.

Lingenfeld wurde allerdings nicht von einem Goldrausch nach kalifornischem Vorbild heimgesucht, weil die Goldwäscherei am Rhein nach der Rheinkorrektur nach und nach zum Erliegen kam und 1864 vollends eingestellt wurde. Vorbei waren damit auch die Zeiten, in denen Dukaten aus Rheingold mit der Aufschrift „Sic fulgent littora Rheni“ (So glänzen die Gestade des Rheins), wie unter dem pfälzischen Kurfürsten Karl Theodor, oder „Ex auro Rheni“ (Aus dem Gold des Rheins), wie unter den bayerischen Königen Max I. Joseph, Ludwig I. und dessen Sohn Max Joseph II., geprägt worden waren.

Gold-Dukat aus dem Jahr 1850: der bayerische König Max II. Joseph auf der Vorder- und der Speyerer Dom auf der Rückseite.
Gold-Dukat aus dem Jahr 1850: der bayerische König Max II. Joseph auf der Vorder- und der Speyerer Dom auf der Rückseite. repro: lh
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