Speyer Geschichten ums Geläut

Eine ökumenische Fahrradtour der katholischen und evangelischen Kirchengemeinde von Otterstadt und Waldsee hat am Dienstagabend zu den Kirchenglocken der beiden Orte geführt.
Sie geben den Dörfern eine Stimme: Seit Jahrhunderten rufen sie zu Gottesdienst und Gebet, sagten aber auch die Tageszeit an, weckten die Langschläfer – letzteres führt heute manchmal zu Schwierigkeiten. Sie verkündeten auch den Tod von Dorfgenossen, sogar, ob Mann, Frau oder Kind. Viele Geschichten zu ihren Glocken hörten die zahlreichen Teilnehmer der Radtour. Erste Station war an der katholischen Kirche von Otterstadt. Deren Glocken feiern in diesem Jahr ihren 90. Geburtstag; so hatte Frank Berthold zusammen mit den Messdienern eine kleine Ausstellung von Fotos und Dokumenten auf Stellwänden vorbereitet. Die heutigen Glocken, sie heißen Jesus, St. Maria und St. Josef, sind aus Stahlguss und wurden am 9. Januar 1924 geweiht. Stahl deshalb, weil ihre Vorgänger aus Bronze mit Namen Maria, Pantaleon und Nepomuk, 1917 im Ersten Weltkrieg zu Kriegszwecken abgeliefert werden mussten. Das wollten die Otterstadter nicht noch einmal riskieren, und so überstand das Geläut auch den Zweiten Weltkrieg, im Unterschied zu den Waldseer Bronzeglocken. Das Otterstadter Geläut war musikalisch auf das von Ketsch auf der anderen Rheinseite abgestimmt, zusammen ein sechsstimmiges „Domgeläut“. Heutzutage gehen die Uhren funkgesteuert genau, aber früher gingen die Turmuhren zwischen Waldsee und Otterstadt hörbar um mehrere Minuten ungenau. Die Geschichte der beiden Glocken im evangelischen Gemeindezentrum in Otterstadt, die Paul Dötschel erzählte, reicht nicht so weit zurück; das Haus wurde erst 1967/68 erbaut. Sie hängen im Dachreiter über dem Eingang, finanziert durch Spenden und mit dem Verkauf von kleinen Handglöckchen. 1987 hatte man das Geld zusammen, und in Karlsruhe wurde für Otterstadt das in der Tonlage höchste Geläut der Pfalz gegossen. Nächste Station war die protestantische Kirche von Waldsee. Ihre einzelne Glocke ist älter als die Kirche. Pfarrer Andreas Buchholz erzählte: Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen als Flüchtlinge und Heimatvertriebene etwa 500 Protestanten in das bis dahin fast rein katholische Dorf. Selbst noch in Notunterkünften wohnend, bauten sie 1954 die kleine Kirche. Seelsorglich betreut wurden sie vom Pfarrer in Neuhofen. Die Neuhofener evangelische Gemeinde schenkte ihnen auch die Glocke, 1794 in Heidelberg von Anselm Speck gegossen, wie die Inschrift sagt. Sie wurde am Buß- und Bettag 1954 in feierlichem Zug von Neuhofen durch – auch von den Katholiken – geschmückte Straßen zur Kirche geführt. Letzte Station war die katholische Kirche in Waldsee, in der Norbert Keller von den Waldseer Glocken berichtete. Ursprünglich hingen in der 1839/42 erbauten Kirche drei Bronzeglocken, von denen die beiden großen 1942 zu Kriegszwecken abgeliefert werden mussten. Ab 1949 fing der damalige Pfarrer Josef Knecht an, für neue Glocken zu sammeln. Ein Geläut von vier sollte es sein. 20.000 D-Mark sollte es kosten, und im Juni 1950 konnte der Auftrag an eine Gießerei in Westfalen erteilt werden – die Tabak-Ernte war gut gewesen, die Leute spendeten. Am 3. September 1950 wurden die Glocken in Waldsee geweiht, Christ-König, St. Josef, St. Martin und St. Maria heißen sie. Wo aber war die kleine, alte Glocke St. Nepomuk verblieben, die 1942 nicht eingeschmolzen worden war? Der Pfarrer hatte sie der Gießerei in Zahlung gegeben, sie war aber nie abgeholt worden. Sie wanderte in die 1961 erbaute Einsegnungshalle auf den Friedhof, konnte aber technisch nicht geläutet werden und geriet bei den meisten im Dorf in Vergessenheit, bis Norbert Keller die Initiative ergriff. Seit 2002 läutet sie nun bei Beerdigungen und täglich um 18 Uhr. (adö)