Speyer
Gästeführer müssen „selbstständiger“ werden
Selbstständig – im Sinne von nicht fest angestellt – waren sie schon, die rund 85 Gästeführer, die offizielle Stadtführungen in Speyer anbieten. Sie sollen „selbstständiger“ werden, wie es Annika Siebert, Pressesprecherin der Stadtverwaltung, auf Anfrage ausdrückt. Die städtische Tourist-Info schränkt sei Neujahr die Dienstleistungen ein, die sie bisher für die Speyer-Experten übernahm. Sie müsse das tun, erklärt Siebert: Das städtische Controlling habe die Abläufe neu bewertet und festgestellt, dass es mit Rechtsverstößen verbunden sein könnte, wenn weitergearbeitet würde wie bisher.
„Scheinselbstständigkeit“ heißt das Schreckgespenst, das seit Jahren auch im Tourismus und Veranstaltungsmanagement für Aufregung sorgt. Wenn die Tourist-Info wie bisher für die Gästeführer die komplette Abwicklung von Buchungen inklusive Rechnungsstellung übernähme, könnte vom Finanzamt eine abhängige Beschäftigung angenommen und die Nachzahlung von Steuern und Sozialabgaben fällig werden. Anderen Anbietern ist es schon so ergangen. Die Stadt hat deshalb laut Siebert auf ein Verfahren umgestellt, „wie das mittlerweile bundesweit in nahezu allen touristischen Destinationen gehandhabt wird“.
Tourist-Info vermittelt
Die Tourist-Info übernehme zwar weiterhin die schriftliche Bestätigung der gebuchten Stadtführung, so Siebert. Die Rechnungstellung an die Kunden und Verbuchung müssten jedoch die Führer danach selbst abwickeln. Die Stadt stelle wie bisher ein Internet-Portal bereit, in dem die Gästeführer ihre freien Termine hinterlegten und ihnen Anfragen zugeordnet würden. Auch die Interessengemeinschaft der Gästeführer Speyer (IGS) als Sprachrohr der Betroffenen befürworte den Schritt in die Selbstständigkeit.
Cornelia Benz ist seit deren Gründung 2013 die Sprecherin der IGS. Sie wägt ihre Worte, wenn sie auf die Reform angesprochen wird. Sie bestätigt die städtische Darstellung, dass die Gruppe einbezogen worden und einverstanden sei. Begeistert seien die Mitglieder aber nicht. „Wir haben keine andere Wahl“, ordnet Benz ein. Und: „Es ist natürlich ein Nachteil für die Gästeführer, aber er ist zu verkraften.“ Sie hätten sich für die Belange der Betroffenen eingesetzt und eine andere Abwicklung vorgeschlagen, die die Stadt aber aus juristischen Gründen abgelehnt habe. Bei den 65 Mitgliedern sei das unterschiedlich angekommen.
Es gebe einzelne Gästeführer, die Probleme mit der technischen Abwicklung der Zusatzaufgaben hätten, so Benz. Einer habe deshalb aufgehört und die IG verlassen, bei zwei weiteren sei fraglich, ob sie weitermachen. Letztlich müsse der neue Weg aber akzeptiert werden, zumal die Tourist-Info mehr übernommen habe als andere Städte. Benz: „Das ist ganz gut gelungen, auch wenn es unterschiedliche Meinungen gibt.“ Auch in der mit einer Honorarerhöhung verbundenen Reform, die der Gesamtgruppe erst Ende November vorgestellt worden sei, bleibe die Stadt kooperativ: Sie habe das Computerprogramm so angepasst, dass der Aufwand für die private Rechnungserstellung gering sei.
Vertretungen selbst buchen
Eine weitere Herausforderung neben dem Rechnungsthema sei das Thema Krankheitsvertretung, sagt Benz: Bislang habe die Tourist-Info beim Ausfall eines Gästeführers Ersatz gesucht, künftig müssten das die Gebuchten selbst machen. Der Grundsatz bleibe unverändert: Die Führer melden ihre Verfügbarkeit, die Tourist-Info teilt ihnen Aufträge zu und versucht dabei, sämtliche Interessenten gerecht zu bedenken.
50 bis 60 Führungen hat alleine Cornelia Benz nach eigener Erinnerung im vergangenen Jahr angeboten. Wie viele es in diesem Jahr werden, kann sie angesichts der jetzigen Unterbrechung nicht prognostizieren. Selbst wenn die Stadt die Führungen zuließe, würden die Corona-Auflagen maximal zehn geimpfte Teilnehmer zulassen, interpretiert sie die aktuellen Regelungen. Spätestens im April werde die Nachfrage wieder steigen, erwartet sie. Im Vorjahr habe ab Juni massives Interesse von Kreuzfahrt-Touristen vor allem aus den USA eingesetzt. Busreisen hätten jedoch nicht die Rolle wie vor der Pandemie gespielt.
RHEINPFALZ-Kommentar von Patrick Seiler
So wäre die Kröte besser verdaubar
Es ist den Gästeführern zu wünschen, dass sie mit der selbstständigen Rechnungserstellung zurechtkommen. Ein Wunsch ist noch dringlicher.
Bei den Gästeführern kann sich Speyer wie bei so vielem glücklich schätzen: Die Stadt hat engagierte Bürger, die stolz sind, Touristen ihre Heimat näherbringen zu können. Sie tun dies fachlich gut, humorvoll, in verschiedenen Sprachen und für Aufwandsentschädigungen, die sie nicht reich machen. Nun müssen sie einen rechtlich wohl unvermeidlichen Zusatzaufwand hinnehmen.
Ein Faktor würde ihnen die Verdaubarkeit dieser „Kröte“ gewiss erleichtern: wenn endlich wieder „richtiges“ Reisen möglich wäre, wenn sie unbeschwert wie einst viele Gruppen begrüßen dürften.