Speyer
Frauenhaus: Mehr als nur Zuflucht
„Begonnen haben wir vor 34 Jahren in einer Zufluchtswohnung auf Matratzen“, erzählt Silvia Bürger vom improvisierten Anfang in der Domstadt. Seit dem Einzug in das erste Frauenhaus 2005 in der Kutschergasse mit 125 Quadratmetern sei jeder der fünf Plätze permanent belegt worden. Letztlich hätten jeder Frau sieben bis 15 Quadratmeter ohne Außengelände zur Verfügung gestanden. Der Bedarf sei – auch im neuen Domizil, das im Sommer bezogen wurde – hoch. „Das hat sich auch seit dem Umzug in Appartements mit sieben Plätzen für betroffene Frauen und bis zu zehn Kinder nicht geändert“, betont Bürger.
Zwei 26-Quadratmeter-Appartements seien barrierearm und somit für Frauen mit Rollator oder im Rollstuhl geeignet, erläutert sie wichtige Vorteile. 17 Betten stehen im neuen Frauenhaus somit zur Verfügung, zehn Kinder können mit aufgenommen werden. Drei Zimmer mit jeweils 27 Quadratmetern Fläche seien Frauen mit älteren Söhnen, mit psychischen Problemen oder Suchterkrankungen vorbehalten. In zwei weiteren Appartements à 40 Quadratmeter könnten Frauen mit vier und mehr Kindern einziehen, so Bürger. Die Wohnverhältnisse seien im Vergleich zu früher positiv.
60 Quadratmeter umfasst das Außengelände. Es begeistere die Kinder ebenso wie das voll ausgestattete Spiel- und Hausaufgabenzimmer. Somit sei Einzel- und Gruppenbetreuung möglich. Zwei Multifunktionsräume stünden im Gebäude mit aus Sicherheitsgründen nicht veröffentlichter Adresse zudem bereit.
Frauen aus allen Schichten von Gewalt betroffen
Rund 1000 Frauen hat Bürger in 30 Jahren geholfen und begleitet. Bis zu 140 Frauen nimmt das Frauenhaus jährlich auf, einige hundert Beratungen stehen in jedem Jahr an. „Am liebsten würden wir auch das alte Frauenhaus in der Kutschergasse behalten“, sagt sie. Für Beratungen nach dem Aufenthalt im Frauenhaus sei etwa im neuen Haus kein Platz, auch nicht für die wichtigen Ehemaligen-Treffen. „Wir sind deshalb mit dem Vermieter im Gespräch.“ Auch die Anmietung zusätzlicher Wohnungen in der Stadt würde helfen, sagt die Leiterin. Gerade zur Vermeidung stationärer Aufnahmen sei die ambulante Beratung wichtig. Sie auszubauen, sei oberstes Ziel des Trägervereins.
Inzwischen meldeten sich vermehrt Seniorinnen mit Gewalterfahrungen. Hinzu kämen Opfer psychischer und physischer Gewalt, Betroffene von Stalking und Zwangsverheiratete. Rund 40 Anrufe täglich seien üblich. Eine lange vorbereitete Kinder-Interventionsstelle ist demnach in diesem Monat an den Start gegangen. An dem auf Spenden basierenden Projekt könnten zunächst ausschließlich Kinder hoch gefährdeter Mütter in lebensbedrohlichen Situationen teilnehmen. „Sie sollen nicht noch weitere Jahre in Gewaltsituationen leben“, erklärt Bürger.
Fünf Mitarbeiter, zwei in Vollzeit, stemmten die Arbeit im Frauenhaus, so Bürger. „Gebraucht würden mindestens zwei mehr.“ Zum Glück gebe es in Speyer ein dichtes Unterstützer-Netzwerk. Betroffen seien Frauen aller Schichten, auch Ärztinnen, Rechtsanwältinnen oder Polizistinnen. Die Anzahl von Gewalt betroffener Frauen steige, die Dunkelziffer sei hoch, sagt Bürger. Zudem beobachte sie eine „erschreckend anti-feministische Haltung“ in der Gesellschaft. „An vielen Stellen wird die Luft für Frauen enger.“
