Speyer
Frau fürs gute Klima zieht Bilanz
Es gab kurzzeitig schon vorher eine städtische Klimaschutzmanagerin, aber Fabienne Körner als Nummer zwei hat das Amt geprägt. Dass sie nun den Arbeitgeber wechselt und als Geschäftsführerin zur Energieagentur Mittelbaden in Rastatt geht, ist ein Anlass für eine Sondersitzung des Stadtrats am Dienstag, 16. März. Sie werde zurückblicken, aber vor allem aufzeigen, wie es weitergehen könne beim Thema Klimaschutz in Speyer, sagt sie. „Ich habe die Zeit genossen, war mit Herzblut dabei. Ich freue mich auf meine neue Aufgabe, gehe aber auch mit meinem weinenden Auge“, so Körner. Sie habe viel bewegt, bilanziert sie. Sie sagt aber auch: „Mir fallen hunderte Sachen mehr ein, die ich hätte machen können.“ Das habe damit zu tun, dass sie Perfektionistin sei und „mir selbst der größte Kritiker“.
Also, was sind die dicksten Punkte auf der Habenseite für die Perfektionistin? „Ich habe das Thema Klimaanpassung in der Verwaltung etabliert“, sagt sie zunächst. Anders als beim reinen Klimaschutz gehe es um den richtigen Umgang mit künftigen Veränderungen, die Speyer vor allem bei Hitze und Wasser treffen werden, wie Körner sagt. „Vor zehn Jahren gab es dieses Bewusstsein noch nicht.“ Heute berücksichtige jede Bauleitplanung Aspekte wie Dach- und Fassadenbegrünung oder Ausgleichspflanzungen.
Dauerthema Radverkehr
Zweiter Schwerpunkt: nachhaltige Mobilität. Das städtische Radverkehrskonzept von 2016 hat sie wesentlich begleitet („Wir sind im langen Prozess der Umsetzung“). Drittens: das „Nido-Projekt“ mit den Stadtwerken und japanischen Partnern, bei dem es um Speichertechnologien für energieautarke Mehrfamilienhäuser in Speyer ging, die international Vorbild sein könnten. Ihre erworbenen Kompetenzen nebenbei: interkulturelle Kompetenz und Korrespondenz auf Englisch.
Wenn es um Klimaschutz geht, werden die ganz großen Themen politischen Themen verhandelt. Das hat auch die zuständige städtische Mitarbeiterin gespürt, die zunächst dem Fachbereich Stadtentwicklung, danach der Umweltabteilung zugeordnet war. Sie hat – ohne dass sie das eigentlich wollte – Politik gemacht, als sie öffentlich über den schlechten Service rund um die in Speyer angebotenen Nextbike-Leihfahrräder schimpfte. Und sie hatte sich mit dem auf Linken-Antrag beschlossenen „Klimanotstand“ in der Domstadt auseinanderzusetzen, zu dem es aus der Stadtverwaltung nicht nur begeisterte Stimmen gab. „Ein schönes Signal“, sagt Körner über die Entscheidung an sich. Aber: „Dass damit der Auftrag verbunden ist, alle Maßnahmen im Hinblick auf ihre Klimaneutralität zu überprüfen, bereitet Probleme und zusätzlichen Verwaltungsaufwand.“
„Positiv verkaufen“
Körner war das Gesicht der beliebten Aktion „Stadtradeln“, hat nach eigener Zählung Dutzende Klimaschutz-Radtouren gestartet und gerne Öffentlichkeitsarbeit für die gute Sache gemacht. „Ich konnte gestalten, planen und das Anliegen positiv verkaufen“, betont sie. Der Kontakt zu den Bürgern sei wesentlich im Klimaschutzmanagement – und am aussichtsreichsten, „wenn man sachlich Alternativen aufzeigt, statt mit erhobenem Zeigefinger durch die Stadt zu ziehen“. Dass das öffentliche Interesse für das „Lebensthema“ der diplomierten Umweltwissenschaftlerin von Jahr zu Jahr steige, komme hoffentlich auch ihrem noch gesuchten Nachfolger zugute, sagt sie. „Es warten tolle Projekte und ganz viel Unterstützung.“
Und es wartet das Pionier-Quartier. Die Stadt will für ein neues Wohn- und Gewerbegebiet rund um die frühere Kaserne in Speyer-Nord etliche Hektar Ackerfläche „opfern“ – was bisher vor allen in der Nachbargemeinde Otterstadt umstritten ist. Kann eine Klimaschutzmanagerin das in Zeiten des Klimanotstands überhaupt mittragen? Hier muss Schnellrednerin Körner kurz überlegen. „Wir sind im urbanen Raum mit Bedarf an Wohnraum, da kann man so ein Projekt nicht durch reines Neinsagen verhindern“, sagt sie dann. Sie habe ihren Job stets „mit Augenmaß“ betrieben, um mitgestalten zu können. Wenn das neue Quartier käme, müsse es klimaverträglich gemacht werden, mit 100 Prozent regenerativer Energie. „Da kann man nicht mehr mit fossilen Energieträgern reingehen.“ Das sei dann aber eine Aufgabe für den oder die Neue, ebenso wie zum Beispiel die Ausweisung neuer Fahrradstraßen, die verstärkt werden müsse.
Pläne für die Zukunft
25 Prozent weniger CO2-Ausstoß bis 2020 – 100 Prozent erneuerbarer Strom bis 2030 – 100 Prozent erneuerbare Heizenergie bis 2040. Das sind die drei wesentlichen Klimaziele, die die Stadt vor inzwischen zehn Jahren formuliert hat. Auch darüber wird Körner in der Sondersitzung des Stadtrats referieren und einen Vorschlag vorlegen, „wie die Verwaltung das gerne weiterführen würde“. Nur so viel vorab: ein klassisches Konzept wie im Jahr 2010 solle es nicht mehr werden, das sei „nicht mehr Stand der Technik“.
Fabienne Körners Konzepte werden künftig an der Spitze eines achtköpfigen Teams entstehen, das sich um Energiefragen im badischen Bereich zwischen Karlsruhe und Bühl kümmert. Auftraggeber sind Kommunen sowie kommunale Energieversorger. Die Speyerer Stadtwerke (SWS) in ihrer Aufgeschlossenheit werde sie dabei in guter Erinnerung behalten. Und das nicht nur, weil sie in einer SWS-Kooperation ihren Gatten und Vater ihres Sohnes kennengelernt hat, mit dem sie in Dudenhofen heimisch geworden ist.
RHEINPFALZ-Kommentar von Patrick Seiler
Verdienstvoll
Kompetent und zugewandt hat es Fabienne Körner geschafft, die Speyerer Bevölkerung und Politik für Klimaschutz zu sensibilisieren. Sie war eine der bekanntesten Vertreterinnen der Verwaltung. Wenn sie im Stadtrat referiert hat, gab es Lob aus fast allen Fraktionen. Davon können andere in dem extrem zersplitterten Gremium nur träumen. „Ihrem“ Anliegen hat sie damit einen großen Dienst erwiesen.
Zur Sache: Stadt will auf Vorschlag für „Bürger*innenrat“ nicht eingehen
Speyers Stadtrat im Stress: Eine reguläre Sitzung findet am Donnerstag, 11. März, statt. Am Dienstag, 16. März, folgt eine Sondersitzung zum Thema Klimaschutz. Beginn ist jeweils um 17 Uhr, übertragen werden die digitalen Sitzungen im Gremienkanal der Stadt Speyer auf Youtube.
Klimaschutzmanagerin Fabienne Körner verabschiedet sich nach der Sondersitzung von der Stadtverwaltung. Sie zieht eine Bilanz ihrer Arbeit, mit der sie die Umsetzung des Klimaschutzkonzepts von 2010 wesentlich gesteuert hat. Das Konzept soll – Zustimmung des Rats vorausgesetzt – fortgeschrieben werden, es soll jedoch nach Auffassung der Verwaltung eine neue Methode angewandt werden. Nicht allein ein Fachbüro soll entscheiden, sondern es ist ein Mix aus einem „Meilenstein-Maßnahmenplan“ wie in der Verbandsgemeinde Birkenfeld und einem „Offenen Konzept mit politisch beschlossenem Leitbild und Steuerungsgruppe“ wie in Schifferstadt vorgesehen. Das sei zeitgemäßer, und es fiele wohl weniger als die Hälfte der bei herkömmlicher Vorgehensweise auf 50.000 bis 100.000 Euro geschätzten Kosten an.
Zweiter Vorteil wäre die Steuerungsgruppe, für die die Stadt Verwaltungsleute, Institutionen, Politiker sowie Interessengruppen vorschlägt. Den von den Grünen zu diesem Zweck beantragten „Bürger*innenrat“ mit 150 zufällig ausgewählten Bürgern ordnet sie aber als mit zu viel Aufwand verbunden und praktisch schwer umsetzbar ein.
CDU-Sprecher Axel Wilke betont in einer Mitteilung, seine Partei habe die Sitzung angeregt: „Hand-in-Hand mit der OB und der Verwaltung zu arbeiten ist uns bei diesem Thema besonders wichtig, und ich glaube wir sind da auf einem guten Weg.“ Zu Wort kommen sollen in der Sitzung in Tagesordnungspunkt 5 aber auch zwei Bürgerinnen, die das anders sehen: „Wir sind der Meinung, dass Klimaschutz in Speyer keine Rolle zu spielen scheint“, so ihr Brief an die Verwaltung.