Speyer „Entstanden in einer Mittsommernacht“

91-82195095.jpg
ALTRIP

. Als der kleine Erik mit fünf Jahren zu einer Reihenuntersuchung muss, redet ihn der Arzt mit dem Nachnamen Gulbrandsen an. Der Junge ist erstaunt, glaubte er doch, Müller zu heißen – wie Mama und Papa. Später erzählt die Mutter, dass er nicht ihr leibliches Kind ist, sondern ein Pflegekind. Und dass sie ihn als Zweijährigen aus einem Heim geholt hat. „Aber du bist und bleibst unser Sohn“, fügt sie hinzu. Das hat Erik-Lund Gulbrandsen nicht vergessen. Aufgewachsen ist er in Halle an der Saale. „In der Schule war ich immer der Erik Müller“, erinnert sich der heute 73-Jährige, der seit 1958 in Altrip lebt. Sein Abschlusszeugnis lautet auf „Erik Gulbrandsen, genannt Müller“. Er sei immer das Kind der Müllers gewesen, für Freunde, Lehrer und Verwandte. In Wirklichkeit ist Erik jedoch das uneheliche Kind einer Norwegerin – Thora Gulbrandsen – und eines deutschen Besatzungssoldaten – Franz Nassian. „Entstanden in einer Mittsommernacht“, wie Gulbrandsen sagt. Der Vater, gut katholisch und verheiratet, wollte das Kind nie. Für die Mutter, die in Scheidung lebte und bereits einen Sohn hatte, war die Schwangerschaft eine Schande. Frauen, die sich mit den Besatzern einließen, wurden verachtet und diskriminiert. So kam Erik, der am 27. März 1942 in Norwegens Hauptstadt Oslo das Licht der Welt erblickte, nach der Geburt in das nahe gelegene „Lebensborn“-Heim „Godthaab“. Doch all dies erfährt Gulbrandsen erst Jahre später, als er sich auf die Suche nach seinen Wurzeln macht. Seine Pflegeeltern konnten ihm nur sagen, dass er das Kind einer Norwegerin und eines deutschen Soldaten ist, und dass er mit anderen norwegischen Kindern schließlich ins Heim „Sonnenwiese“ nach Kohren-Sahlis – etwa 40 Kilometer von Chemnitz entfernt – kam, wo die Müllers ihn am Nikolaustag 1944 abholten. Was Gulbrandsen auch erst Jahre später erfährt, ist, dass der norwegische Staat die „Lebensborn“-Kinder norwegischer Mütter nach Kriegsende zurückforderte. Von etwa 250 Jungen und Mädchen, die zur Pflege nach Deutschland kamen oder dort adoptiert wurden, kehren 170 nach 1945 in die Heimat zurück. 80 bleiben in Deutschland. Erik Gulbrandsen ist einer davon. „Ich weiß nicht, wie es mein Vater geschafft hat, dass ich bei ihnen bleiben konnte“, sagt der 73-Jährige. Er wisse weder, was sein Vater im Dritten Reich noch was er zu DDR-Zeiten gemacht habe. „Ich will es vielleicht auch gar nicht wissen“, gibt er zu. Wichtig für ihn sei nur, dass seine Eltern ihn geliebt und immer gut für ihn gesorgt hätten. 1958 fliehen die Müllers aus der DDR. Im Übergangslager Marienfelde ist Erik eine Kuriosität. Denn anders als seine Eltern hat er keinen DDR-Pass, sondern einen norwegischen. Den hat er bis heute behalten, auch wenn er kein Norwegisch spricht. Das Land seiner Geburt hat der 73-Jährige einige Male besucht – auf den Spuren seiner Herkunft. 1967 fand er im Heimatort seiner Mutter, in Fredrikstad, mit Hilfe des Dorfpfarrers seine Großmutter. Gulbrandsen erfuhr, dass er noch einen älteren Halbbruder hat, der in Oslo lebt. Der Oma, die er damals mit dem Pfarrer besucht habe, sei die Begegnung offenbar nicht sonderlich angenehm gewesen, erinnert er sich. Sein Bruder habe es sogar rundheraus abgelehnt, sich mit ihm zu treffen. Seine leibliche Mutter, die wieder geheiratet hatte und mit Mann und Tochter in Österreich lebte, hatte nie nach ihm gesucht. Und sie hatte auch ihrem Ehemann nie etwas von Erik erzählt. Als der sich dann bei ihr meldete, wollte die Mutter ihn nicht sehen. Er habe sie nur gesucht, um zu erben, habe sie einer Freundin erzählt, berichtet Gulbrandsen. Und ja, wehgetan habe das schon. „Aber ich hatte zum Glück gute Eltern, die Müllers“, betont der 73-Jährige. Da habe es ihm nie an Liebe gefehlt. Gulbrandsen gab dennoch nicht auf. Er machte sich auf die Suche nach seinem leiblichen Vater – nach dem Mann, der seiner Mutter zufolge im Krieg gefallen war. Das war gelogen, fand der Altriper heraus. Denn der Obergefreite Nassian war nach dem Krieg ziemlich lebendig zu seiner Frau nach Österreich heimgekehrt. Mit der hatte er einen weiteren Sohn, nur wenig jünger als Gulbrandsen. Diesen Halbbruder machte der Altriper ausfindig – da war der Vater allerdings schon gestorben. Die Hoffnung, Kontakt zu leiblichen Verwandten aufbauen zu können, wurde auch hier enttäuscht. Den Bruder hat er bis heute nicht gesehen. „Seit vier Jahren zögert er ein Treffen hinaus“, berichtet der 73-Jährige. Mit der Ehefrau des Bruders stehe er allerdings in regem Kontakt. „An ihr liegt es sicher nicht“, sagt Gulbrandsen. So sind die Versuche Gulbrandsens, Kontakt zu seiner leiblichen Familie aufzunehmen, mehr oder weniger im Sand verlaufen. Schade sei es schon, sagt der 73-Jährige, aber auch keine Tragödie. Er hat sich in Altrip eine Existenz aufgebaut, ist verheiratet, hat zwei Töchter und eine Enkelin. Seine Frau hat ihn bei seiner mühsamen Suche nach den Wurzeln stets unterstützt. Sie selbst hat ihren Vater ebenfalls nie kennengelernt. Er war ein US-Soldat, erzählt sie. Und er habe sich, als er von der Schwangerschaft ihrer Mutter erfuhr, schnell versetzen lassen. Im Gegensatz zu Erik Gulbrandsen hat seine Ehefrau aber nie nach ihrem Vater gesucht.

x