Speyer
Ensemble La Rosa Enflorece bei SchUM-Kulturtagen
Die Liebe ist ein zeitloses Thema. Sie hat viele Formen und Ausdrucksmöglichkeiten. Das gilt für alle Künste, aber insbesondere für die musikalische Tradition in Europa, in der sich schon immer gerne große Emotionen ausgedrückt haben. Mit ihrem Programm „Liebelei und Techtelmechtel“ spannte das Ensemble La Rosa Enflorece einen weiten und gleichermaßen unterhaltsamen wie nachdenklichen musikalischen Bogen, der sich in fünf thematisch zusammengefassten Kapiteln mit dem Thema „Liebe“ auseinandersetzte.
Gelungen war bereits der Auftakt des Konzertes unter dem Motto „Im Dunkeln ist gut munkeln“. Die vier Musiker von La Rosa Enflorece erzeugten mit ihren barocken Instrumenten, darunter auch ein Bassflötenkopf, die typischen Geräusche der Nacht, um so das Publikum in die passende Stimmung zu versetzen. Zwei traditionelle sephardische Lieder und Joseph Rumshinskys „Shein wi di Lewone“ (Schön wie der Mond) haben dieses Kapitel passend beleuchtet.
„Lust und Verlust“
Zum Thema „Lust und Verlust“ folgten Lieder von Claudio Monteverdi und Salomone Rossi, die ein tief empfundenes Verlustgefühl zum Ausdruck brachten, aber auch die pure Lust („Die Kunst des Küssens“ von Andreas Hammerschmidt) und gelegentlich auch frivolere Töne aufblitzen ließen, zum Beispiel im Renaissance-Madrigal „Frais et Gaillard“, das zudem mit virtuosen Diminutionen versehen wurde.
Im titelgebenden Abschnitt ihres Programmes „Liebelei und Techtelmechtel“ dominierten traditionelle englische Folksongs, aber auch Lieder von Kurt Weill („Surabaya Johnny“) und Alexander Olshanetsky („Ich hob dich tsufil lieb“), in denen die spielerische oder auch unerlaubte Liebe zum Thema wird.
Auch der englische Komponist Henry Purcell hat sich ausführlich mit dem Thema „Liebe“ beschäftigt („If Music be the Food of Love“). Er kam im Kapitel „Liebesweisheit“ mit zwei Liedern zum Zuge, ergänzt durch eine zeitgenössische Komposition von Winfried Michel über Liebe und Hass („Odi et Amo“).
„Liebessehnsucht der Vögel“
Im letzten Abschnitt des Programms, der „Liebessehnsucht der Vögel“, präsentierte La Rosa Enflorece auch eine Hommage an den Speyerer Komponisten Alfred Cahn (1922-2016). Als Jude war Cahn 1938 in die USA ausgewandert. Zuvor hatte er als Zwangsarbeiter im Lager Gurs das Lied „Wir sind ganz junge Bäumchen“ komponiert. Er formuliert darin die Enttäuschung von Juden, die ihre Heimat verloren haben. Damit war auch die gegenwärtige Sehnsucht nach Frieden angesprochen, ein Wunsch, der angesichts der gegenwärtigen Lage in Nahost und in der Ukraine aktueller nicht sein kann.
Wunderschön interpretierten die vier Musiker von La Rosa Enflorece die Arie „Du angenehme Nachtigall“ der Penelope aus der Oper „Ulysses“ von Reinhard Keiser. Almut Werner an der Blockflöte trat dabei in eine musikalische Konversation mit der von Daniel Spektor gespielten Barockvioline ein. Die beiden erzeugten ein außergewöhnliches Klangerlebnis im Historischen Ratssaal, bei dem Daniel Spektor den Saal verließ und im benachbarten Ältestenratszimmer bei offener Tür den Nachtigallengesang der Flöte als Echo auf der Violine erklingen ließ.
Spannende Arrangements
Von der kunstvollen Barockarie über jiddische und sephardische Lieder, alte englische Lieder und moderne populäre Songs von Kurt Weill bis hin zu einer zeitgenössischen Komposition war dieses Konzert prall gefüllt mit Liedern zum immer wieder spannenden Thema „Liebe“. Dabei gelang es Sängerin Almut Fingerle, der Blockflötistin Almut Werner, dem Barockgeiger Daniel Spektor und dem Lautenisten Johannes Vogt souverän musikalische Welten aus verschiedenen Jahrhunderten zusammenzufügen. Die Lieder, Musikstücke und spannenden Arrangements von La Rosa Enflorece wurden nicht nur nebeneinandergestellt, sondern musikalisch und inhaltlich miteinander verwoben und verschmolzen, informativ und heiter moderiert von den beiden Frauen.
Mit zwei Zugaben, einem jiddischen und einem türkischen Lied, verabschiedete sich das Quartett vom begeisterten Publikum.
Termin
Zum Abschluss der SchUM-Kulturtage 2023 zeigt die Stadt am Sonntag, 12. November um 16 Uhr im Vortragssaal der Villa Ecarius den Dokumentarfilm „Three Insights into Shum“ zum Stipendienprogramm SchUM Artist in Residence. 2022 realisierten die SchUM-Städte erstmals ein Artist in Residence Programm. Wie sehr die mittelalterlichen SchUM-Stätten noch heute eine Faszination auf Künstlerinnen und Künstler weltweit ausüben, wird in dem Dokumentarfilm herausgearbeitet. Internationale Kunstschaffende waren aufgefordert, sich in einem sechswöchigen Arbeitsaufenthalt mit der reichen Tradition des jüdischen Gemeindebunds SchUM zu befassen. Die Jury entschied sich für Avery Gosfield, die Kompositionen auf der Grundlage jüdischer Text- und Musiküberlieferungen aus dem Mittelalter schuf, für Katya Oicherman, die mit Handstickereien das Wormser „Minhagbuch“ von Juspa Schammes illustrierte, und Germán Morales, der mit Zeichnungen und Fotos das architektonische Erbe der drei Städte erfasste. Das Kamerateam Visualkey Filmproduktion Mainz begleitete die Arbeit der Stipendiaten. Nachdem die Filmdokumentation in Mainz ihre Premiere feiert, wird diese in Speyer und Worms erstmals am 12. November von Günter Minas vorgestellt. Darüber hinaus gibt der künstlerische Leiter des Projekts einen Ausblick über das Stipendienprogramm SchUM-Artist in Residence, das 2024 wieder stattfindet. Der Eintritt ist frei.