Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Die zwei Welterbestätten

Welterbe verbindet: Kapitel an der Zwerggalerie des Doms und Ornament am Fenster der Mikwe in Speyer (Fotomontage). Beides im St
Welterbe verbindet: Kapitel an der Zwerggalerie des Doms und Ornament am Fenster der Mikwe in Speyer (Fotomontage). Beides im Stil des 11. Jahrhunderts.

Es ist der 27. Juli 2021, 15.47 Uhr in Europa und kurz vor zehn Uhr vor Ort in China, Sitz der Unesco-Tagung. Da fällt der Hammer von Chairman Tian Xuejun, die eben getroffene Entscheidung bestätigend: Die SchUM-Städte sind Weltkulturerbe.

Es war schon spannend. Seit über zehn Jahren arbeiten Speyer, Mainz und Worms darauf hin, dass ihre Zeugnisse der jüdischen Hochkultur des Mittelalters, die für das jüdische Leben in Mittel- und Osteuropa prägend waren und sind, zum Weltkulturerbe ernannt werden. Die Anträge werden erarbeitet und eingereicht. Wenige Tage nach dem auch in Speyer am Dom – der ist seit 40 Jahren Weltkulturerbe – gefeierten Welterbetag erreicht Speyer die Meldung, dass das Beratergremium Icomos die Ernennung empfiehlt. Das sei, so wird betont, keine Vorentscheidung. Es ist aber schon mal nicht schlecht.

Dann heißt es warten bis zum Tag der Entscheidung bei der Tagung der Unesco-Welterbe-Komitees. Dann, das belegt der Live-Stream, geht alles ganz entspannt und unaufgeregt. Alle stimmen zu: Speyer hat eine zweite eigenständige Welterbestätte. Das gibt es in Deutschland nur noch in Berlin und in Dessau.

Große Freude

Die Freude ist groß. Zeugnisse jüdischer Kultur sind in der Welterbeliste bis dato eher unterrepräsentiert. Auch sonst ist die Ernennung der SchUM-Städte ein wichtiges Zeichen.

In den folgenden Wochen steigt das Interesse am Besuch des Speyerer Judenhofs rasch und deutlich an.

Es gibt jetzt natürlich einiges zu tun: Ein Besucherzentrum zu den SchUM-Stätten in Speyer soll entstehen, auch die Besucherströme zum, im und vom Judenhof müssen neu gelenkt werden.

Am Dom, der seit vier Jahrzehnten Welterbe ist, wird in diesem Jahr das Jubiläum gebührend gefeiert. Vor allem Ende Oktober mit einem Festwochenende, genau zu dem Zeitpunkt, an dem vor 40 Jahren die Ernennung offiziell wurde. Bei einem Festakt spricht Mechtild Rössler, die aus Speyer stammende ehemalige Direktorin des Unesco-Welterbezentrums.

„Himmlisches Jerusalem“

Am Tag zuvor klingt der Dom beim Festkonzert unter dem Motto „Himmlisches Jerusalem“. Bei diesem Konzert der 2021 auch in „stillen Zeiten“ immer regen und Hoffnung gebenden Dommusik werden drei Auftragswerke des bekannten Komponisten Enjott Schneider uraufgeführt.

Wenige Tage später spricht im Rahmen der Jahrestagung der Europäischen Stiftung Kaiserdom zu Speyer der renommierte Historiker Bernd Schneidmüller über den „Dom zu Speyer und seine tausend Jahre. Vom Nutzen einer Kathedrale für die Sehnsüchte der Menschen“.

Es gab also trotz Corona viel zu erfahren und zu erleben im und über den Dom – und viel über das jüdische Leben gestern und heute – nicht nur in Speyer. Und das in ganz unterschiedlichen Medien und Formaten.

SchUM-Kulturtage

In den anderen SchUM-Städten Worms und Mainz gibt es SchUM-Kulturtage schon länger. Die ersten in Speyer im Herbst 2020 mussten des Lockdowns wegen abgebrochen werden. In diesem Jahr finden sie im Prinzip nach Plan statt, holen einiges nach und bringen sehr interessante Veranstaltungen mit jüdischen Künstlern und zur jüdischen Kultur.

Da 2021 auch die Veranstaltungsreihe zum Jubiläum „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ läuft, ergeben sich gleichsam Synergieeffekte. Beide Reihen werden in Speyer am 14. November im Dom mit einem Konzert des Leipziger Synagogalchors eindrucksvoll beendet. Jüdischen Synagogalmusik erklingt im Dom schon am 6. Juni, dem erwähnten Unesco-Welterbetag, bei einem Online-Konzert des Deutschen Kammerchors.

Stipendium, App, Film

Beim neuen Projektstipendium „SchUM Artist in Residence“ wird Avery Gosfield, in Italien lebende Amerikanerin, für Speyer ausgewählt. Die Musikerin, Spezialistin für Alte Musik, wird mit ihrer Gruppe „Ensemble Lucidarium“ eine Komposition erarbeiten, die auf jüdischen Text- und Musiküberlieferungen beruht, aber auch Neukompositionen und Improvisation enthält. Die Mikwe in Speyer wird dabei Inspirationsquelle und Aufführungsort.

Es gibt seit 2021 auch eine App zur SchUM-Stadt Speyer – und unter dem Titel „Was sind schon 1000 Jahre?“ hat der Berliner Rapper Ben Salomo einen neuen Film über die SchUM-Städte auch in Speyer gedreht.

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