Speyer Der König der Grimassen – RHEINPFALZ-Autoren kramen im Gedächtnis

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Es war vielleicht nicht alles lustig in den 70er Jahren, aber der Fernseh-Humor war richtig gut. Zwar wurde man als Kind vor „Klimbim“ ins Bett geschickt und konnte höchstens mal durchs Schlüsselloch sehen, wie sich Ingrid Steeger einen Schlitz ins Kleid machte. Aber es gab ja noch „Ekel Alfred“, Didi Hallervorden, Otto, Loriot und vor allem eben: Louis de Funès. Das waren Späße, die auch ein Kind verstand. Keiner konnte so tolle Grimassen schneiden wie der sympathische Unsympath in St. Tropez. Herrlich, wie der Jagd auf Nudisten und Hippies machte, wie der nach oben kuschte und nach unten piesackte und zuhause meist den Kürzeren zog. Und das alles mit viel südfranzösischem Flair. Die ungezählten Wiederholungen bescherten jedenfalls immer wieder unvergesslich lustige Fernsehabende mit der ganzen Familie. „Mama, wo ist denn jetzt der Louis?“: Auch im Rückblick scheint die Frage nicht unberechtigt – zumal aus dem Mund eines Zehnjährigen, der gerade mit seinen Eltern bei brütender Hitze durch dieses verschnarchte Kaff St. Tropez trottet. Zum ersten Mal war’s mit dem Wohnwagen nach Südfrankreich gegangen – jene Gegend also, in der dieser Film mit dem lustigen Mann in der Polizeiuniform spielt, über den der Kleine neulich so gelacht hatte und der auch noch den gleichen Vornamen hatte wie dessen Opa. Sogar ein Ausflug nach St. Tropez, wo die Gendarmen zu schmissiger Musik durch die Straßen marschierten, war drin. Und nun das: laaaangweilig, überhaupt nichts los hier – jedenfalls für den jungen Besucher, dem sich der Reiz des gepflegten Müßiggangs auf all den großen Booten im Hafen noch nicht einmal ansatzweise erschloss. Von Louis de Funès schon mal gar keine Spur. Dann lieber wieder zurück in den eigentlichen Urlaubsort Port Grimaud an der Côte d’Azur. Dort sah’s ein bisschen aus wie in Venedig – das war viel spannender. Fantômas oder Inspektor Clouseau – Hauptsache Louis de Funès: Frei nach dem großen Philosophen Andy Möller macht sich die intime Kennerin des französischen Arthouse-Kinos ans Werk, um über ihre Erinnerungen an Louis de Funès und seine Komödien zu schreiben. Tatsächlich erinnert sie sich noch lebhaft an folgende Szene: Chefinspektor Dreyfus – von Clouseau in den Wahnsinn getrieben – bricht aus einer Irrenanstalt aus und entführt einen Wissenschaftler, der eine Weltuntergangswaffe entwickelt. Dreyfus droht, die Waffe einzusetzen, wenn Clouseau nicht gekillt wird. Doch das ist gar nicht so leicht – ebenso wenig wie das Überwinden eines Burggrabens. Clouseau versucht es – mit einem Enterhaken, einem Boot, einem langen Stab ... Erst mal vergeblich! Eine geniale Choreografie des Scheiterns, die alles dekonstruiert, was mit cineastischem Heldentum zu tun hat, die kichern, prusten und Lachtränen über die Wangen kullern lässt – noch Jahre später beim bloßen Gedanken daran. Und irgendwann merkt sogar die Kinokennerin, dass es sich gar nicht um de Funès handelt, sondern um Peter Sellers in der Folge „Inspektor Clouseau, der ,beste’ Mann bei Interpol“ aus der Serie „Der rosarote Panther“. Kurz: So unzuverlässig ist das Gedächtnis, so trügerisch können Erinnerungen – auch empfindlicher Intellektueller – sein. „Nein!“ „Doch!“ „Oooh!“ – es ist an der Zeit, die Wahrheit zu gestehen: Zitate aus Filmkomödien mit Louis de Funès zählen bis heute zu den Geheimcodes in der Familie – jenen kleinen Bemerkungen also, die Außenstehende meist ratlos zurücklassen, bei denen aber innerhalb eines eingeweihten Personenkreises jeder sofort weiß, was gemeint ist, und ein komplizenhaft wissendes Grinsen die Runde macht. Als wertvollste Quelle dafür erwies sich „Oscar“ – die Verfilmung eines Theaterstücks, in dessen Hauptrolle de Funès zuvor auf Frankreichs Bühnen Triumphe gefeiert hatte. Jahrelang sorgte das Video stets aufs Neue für ungetrübtes Vergnügen, wenn der Komiker als überforderter Firmenchef versucht, sein aus dem Ruder laufendes Familienleben zu regeln und zugleich noch alle Welt finanziell übers Ohr zu hauen. Besonders ergiebig: die Szenen, in denen der Franzose seine Cholerik an seinem bedauernswert begriffsstutzigen Masseur auslebt („Sie sind doch total vernagelt: Bretter! Bretter! Bretter!“). Der Werbeslogan auf der Kassettenhülle lautete damals: „Ein Film, wie ihn nur die Franzosen drehen können! Eine Rolle, wie sie nur Louis de Funès spielen konnte!“ Wohl wahr. Eigentlich sind so hyperaktive Grimassen-Akrobaten ja immer ein bisschen suspekt. Nie wird bei ihnen klar, wo der „normale“ Wahnsinn sein Adjektiv verliert. Trotzdem ist eine winzige Szene mit Louis de Funès, vor Jahrzehnten beim Zappen im Fernsehprogramm gesehen, in Erinnerung geblieben: Der Komödiant ist darin nicht mehr – wie so oft – Gendarm, sondern Kommissar, und verheiratet ist er auch. Madame weiß, was sie der neuen gesellschaftlichen Stellung ihres Mannes schuldig ist, und hat einen Kochkurs in gehobener französischer Küche belegt. Mit der Ankündigung eines exquisiten selbst gekochten Abendessens versucht sie ihn über eine missglückte Verbrecherjagd hinweg zu trösten. Funès strahlt. Dann sagt sie, was es geben soll: Auflauf von Schweinsfüßen – vielleicht waren es auch andere Füße. Als Vorspeise etwas ähnlich Schreckliches, vielleicht Salat von Nacktschnecken. Das Strahlen auf de Funès’ Gesicht verblasst langsam, es schleicht sich quasi davon, und ein Ausdruck hilflosen Ekels erscheint – ohne dass er einen einzigen Gesichtsmuskel bewegt. Die Mundwinkel bleiben starr auf „Lächeln“ festgezurrt, obwohl keins mehr da ist. Ein magischer Moment, dann setzen die Grimassen wieder ein.

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