Speyer Beim Graben Engel gefunden
«Römerberg.»Wie kommt ein von Bildhauer Gottfried Renn gefertigter Sandsteinengel in den Garten eines Anwesens in der Mechtersheimer Holzgasse? Diese Frage beschäftigt seit vielen Jahren Erich Miller, der die Figur bei der Neugestaltung des Gartens in der Erde fand. Miller, in Mechtersheim quasi bekannt wie ein bunter Hund, ist stolz auf seinen Fund, von dem nur die wenigsten im Dorf etwas wissen. Blickt man in seinen Garten, so fallen einem sofort alte Grabsteine ins Auge. „Die hat die Voreigentümerin, Alma Ball (sie verstarb 2003), hierher bringen lassen“, ist sich Miller sicher. Warum sie es tat, ist ihm allerdings nicht bekannt. Vielleicht hatte sie ein Faible für alte originelle Grabsteine? Der Mechtersheimer erwarb das Anwesen im Jahr 2006. „Ich musste erst einmal den Garten freischneiden, der teilweise mit Dornen zugewuchert war“, sagt er im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Bei diesen Arbeiten fand er auch die Engelsfigur, deren Gesicht stark lädiert war. Doch Miller wusste sich schnell zu helfen. Seine Tochter Xenia, die ihn regelmäßig aus Berlin besucht, ist nämlich Steinbildhauermeisterin. Aktuell studiert die Künstlerin Psychologie. Sie restaurierte mit viel Liebe und Geschick die Renn’sche Figur. Und so steht das 1,5 Meter hohe Prachtexemplar seit geraumer Zeit im großzügigen Eingangsbereich des Hauses. Und darauf ist Erich Miller mächtig stolz … Gottfried Renns Wirken in den Kirchen im Speyerer Umland Es ist bekannt, dass Gottfried Renn für zahlreiche Kirchen Altäre und Bildhauerarbeiten schuf. In Mechtersheim blieben die vier Evangelisten der Kanzel erhalten, obwohl der Kirchenschmuck reduziert wurde. Auch der ursprüngliche Hochaltar der katholischen Kirche (Baubeginn: 1892) stammt von ihm. Eine andere Quelle nennt für das Jahr 1893 seinen Sohn Gustav als Künstler, der „den Altar bestehend aus Altartisch, Predellen, Tabernakel, Seitenteilen mit Nischen, Aufsatz und Kreuz“ fertigte. In Berghausen gestaltete Renn 1861 den Hochaltar der im Jahr 1841 neuerbauten Kirche um. Von ihm heißt es: „Dieser Altar, der einzige in der Kirche, besteht nämlich aus einem Tische von Stein und einem Aufsatz aus Eichenholz. Das Ganze ist roh, geschmacklos (...) der hölzerne Aufsatz, welcher ganz das Aussehen einer Bretterwand hat (...)“. Der Fabrikrat beauftragte daraufhin den Speyerer Künstler mit einer Umgestaltung, die mit 1004 Gulden veranschlagt wurde. Aufgrund der bescheidenen finanziellen Mittel der Pfarrei wurde der Plan dahingehend verändert, dass Renn für einen Preis von 469 Gulden den Hochaltar in „geschmack- und prachtvoller Weise“ gestaltete. Gottfried Renn hat in vielen Kirchen der Pfalz auch Skulpturen geschaffen. So beispielsweise in Harthausen das Tympanonrelief „Jesus segnet die Kinder“. Mit dem Relief in Harthausen schuf Renn ein für die Bildhauerei im religiösen Bereich charakteristisches Werk. In der katholischen Kirche St. Sigismund in Heiligenstein stammten auch die beiden 1971 im Zuge der großen Kirchenrenovierung herausgenommenen Seitenaltäre von Renn. 1854 fertigte er zudem eine Marienstatue, die bis 1971 den linken Seitenaltar zierte. Die Figur fand nach der Renovierung des Gotteshauses einen Platz im Schwesternhaus. Noch erhalten sind die Kreuzigungsgruppe des ehemaligen im Jahre 1866 gefertigten Hochaltars, die jetzt im rechten Querschiff der Kirche hängt, sowie die Figur des heiligen Antonius von Padua. Der verstorbene Kunsthistoriker Clemens Jöckle (1950 bis 2014) beschreibt Gottfried Renn „im allgemeinen als einen Bildhauer, der sich an spätgotischen und renaissance-italienischen Vorbildern orientierte und der in der Gestaltung der Gesichter die Isokephalie (samt einer intensiven Gebärdensprache) bevorzugte“. Die Isokephalie ist ein Stilprinzip aus der bildenden Kunst, das besagt, dass die Köpfe der Figuren einer dargestellten Gruppe in gleicher Höhe angeordnet sein sollten. Was die in Mechtersheim gefundene Engelsfigur betrifft, so dürfte diese nicht von der örtlichen katholischen Kirche stammen, sondern wohl eher vom alten Mechtersheimer Friedhof, der 1892 aufgelassen wurde und von dem überliefert ist, dass dort noch in den 1920er-Jahren vereinzelte Grabsteine standen. Nicht auszuschließen, dass die Engelsfigur dort einmal eine Grabstätte zierte. Denn von Renn ist überliefert, dass sich noch heute zahlreiche Grabsteine von seiner Hand, auf dem Hauptfriedhof Speyer befinden. Denkbar ist deshalb, dass er auch für den Mechtersheimer Friedhof bildhauerisch tätig war.