Speyer
Avery Gosfield ist SchUM-Artist in Residence
Die Amerikanerin Avery Gosfield lebt in der Nähe von Mailand. Mit ihrem Ensemble Lucidarium tritt sie bei den großen Festivals für alte und jüdische Musik in Europa und Nordamerika auf und gehört zu den renommierten Musikerinnen im Bereich der Alten Musik aus dem Mittelalter und frühen Neuzeit.
Ihr Projekt für die SchUM-Stadt Speyer trägt den Titel „Ritual echoes“ (Echo der Rituale). Es ist inspiriert von dem Ort, von der Mikwe, dem rituellen Bad, das in Speyer nun Welterbestätte und in seiner Art einmalig ist.
Dass die mit der Mikwe in der SchUM-Stadt Speyer verbundenen Rituale bis heute relevant sind und weiterwirken, verdeutlichte bei einem Besuch in Speyer in diesem Frühjahr die Wissenschaftlerin Neta Bodmer von der „Open University Jerusalem“, die zusammen mit Avery Gosfield gleichsam auf Spurensuche in Speyer war. Sie machte in ihren fundierten Ausführungen klar, dass die Mikwe ein besonderer spiritueller Ort ist – und dass der Geist der vor rund 800 Jahren in den SchUM-Städten und damit auch in Speyer entstandenen Rituale noch heute einen großen Wert hat. Diese Rituale sind, so Neta Bodmer, Tradition und doch eingebunden in einen dynamischen Prozess. Sie stehen für wichtige soziale Prozesse im jüdischen Leben.
Der Geist von SchUM
Es ist ja das Ziel von Avery Gosfield, diesen lebendigen Geist von SchUM in ihrem Musikstück gleichsam einzufangen und für uns heute erfahrbar werden zu lassen.
Im Gespräch mit ihr und Neta Bodmer wird spürbar, wie sehr beide von der Aura des Ortes beeindruckt sind. Und so wird das rund 20-minütige Musikstück für vier Musikerinnen (Avery Gosfield selbst auf der Flöte, eine Sängerin, eine Spielerin von Streichinstrumenten und eine Tamburin-Spielerin) gezielt für Speyer komponiert und es wird einen deutlichen Bezug nehmen auf die besondere Akustik des Ortes, der einen ganz eigenen obertonreichen Klang entfalten kann.
Zugleich greift Avery Gosfield in ihrem Projekt ja auch die jüdische Poesie des Mittelalters auf, in der auch die negativen Erfahrungen, denen die Juden damals ausgesetzt waren, ihren Widerschein finden. Auch diese politische Dimension gehört zu Gosfields „Ritual echoes“. Es gibt auch Momente kulturellen Austauschs. Da die Texte aus der jüdischen Welt des Mittelalters, die gesungen wurden, ohne Melodien überliefert sind, sucht die SchUM-Stipendiatin in christlichen Stücken der Zeit, zu denen es Noten gibt, passende Melodien, die auf die Form der jüdischen Texte passen.