Speyer
Auf Speyers Feldern Krieg gespielt
Als Historiker Jan Mohnhaupt kürzlich seine Forschungsergebnisse im Buch „Tiere im Nationalsozialismus“ veröffentlichte, ging es nicht nur um Adolf Hitlers Schäferhund Blondie. Es ging auch um die Speyerer Kartoffelkäfer. Sie sollen in einem Feldversuch im Oktober 1943 im Bereich der Domstadt per Flugzeug aus 8000 Meter Höhe abgeworfen worden sein. Anlass: Tests, ob sie den Aufprall überleben – und damit im Krieg als biologische Waffe über den Feldern des Feindes eingesetzt werden könnten.
1400 Tiere sollen es gewesen sein, auch wenn heute in einzelnen Berichten – wohl fälschlich – von 14.000 die Rede ist. Ergebnis des Versuchs: Die Viecher sind zäh. „57 Käfer wurden wiedergefunden, den Rest hoffte man im Zuge der allgemeinen Kartoffelkäfer-Überwachung wieder einzusammeln“, schreibt Gustav-Adolf Langenbruch 1997 in seinem Bericht „100 Jahre Pflanzenschutzforschung“.
Waffen bleiben im Schrank
Im Krieg seien die Insekten aber dennoch nicht zum Einsatz gekommen. Vielleicht, weil Diktator Hitler selbst 1942 Vorbereitungen für den Einsatz biologischer Waffen verboten haben soll. Warum die Wehrmacht die Tiere trotzdem züchtete und bei Speyer abwarf, bleibt somit etwas im Dunkeln – und wurde wohl nicht an die große Glocke gehängt. Christiane Pfanz-Sponagel, Leiterin des Speyerer Stadtarchivs, kennt dazu keine Originalquellen. Sie hat auf Anfrage die Monatsberichte des Oberbürgermeisters durchforstet, die aus der damaligen Zeit erhalten sind, aber darin ebenso wenig Hinweise auf den Test gefunden wie in den Akten zur Kartoffelkäfer-Bekämpfung in der NS-Zeit.
Die Akten waren aber in anderer Hinsicht ergiebig, so Pfanz-Sponagel: „Ihr überdurchschnittlicher Umfang zeigt die Bedeutung des Kartoffelkäfer-Problems.“ Schon in den Jahren vor dem Krieg hatte die Plage – womöglich aus Frankreich kommend – Deutschland erreicht. Der Kampf dagegen wurde von den Nazis als „ernährungspolitisch wichtige Maßnahme“ eingeordnet. Er war so wichtig, dass selbst im Krieg mangels anderer Arbeitskräfte Soldaten auf die Speyerer Felder geschickt wurden, um etwa arsenhaltige Mittel zu spritzen. „Chemische Superbomben“, ordnet Pfanz-Sponagel ein, die Berichte kennt, dass auch nützliche Tiere wie Bienen und Wild den „Schutzspritzungen“ zum Opfer fielen. Die sich schnell vermehrenden Käfer wurden bekämpft, weil sie das Laub ganzer Kartoffelfelder binnen kurzer Zeit abfressen können, so dass die Pflanzen absterben.
Schüler im Suchdienst
Hauptmaßnahme seien damals die „Suchaktionen“ der Speyerer Schüler gewesen, so Pfanz-Sponagel: Es habe einen wöchentlichen Suchtag gegeben, an dem sich die Schulen abwechselnd beteiligen mussten. So sollte ein übermäßiger „Verschleiß an Kleidern und Schuhen bei dem allwöchentlichen Begehen der Felder“ vermieden werden. In einem einzigen Bezirk waren demnach drei Klassen der Zeppelinschule, 160 Schülerinnen der Mädchen-Oberschule und 50 Jungen der sogenannten Aufbauschule eingeteilt. Besonders Fleißige wurden geehrt. Im Stadtarchiv finden sich umfangreiche Verwendungsnachweise, berichtet die Leiterin. Für das Jahr 1943 seien Kosten der Aktion von 3362 Euro aufgeführt. Und: „Vor der Verwechslung der Kartoffelkäferlarven mit Marienkäferlarven wurde gewarnt.“
Käfer als Propagandatier
Die Nazis verfolgten im Zusammenhang mit den Kartoffelkäfern durchaus eine perfide Strategie: Neben der Praxis auf den Feldern wurde den Kindern in der Theorie anhand dieser Tiere erklärt, was ein „Volksschädling“ sei. Ein schwacher Trost: Auch in anderen Zusammenhängen war der Kartoffelkäfer ein Propaganda-Tier. Schon im Ersten Weltkrieg gab es das Gerücht, Frankreich schicke die Wuseltiere, um den Deutschen die Ernte zu vermasseln. Im Zweiten Weltkrieg beschuldigten sich dann England und Deutschland gegenseitig, dies zu tun. Schließlich gab es auch noch in DDR-Zeiten ein entsprechendes Scharmützel mit den USA. In der DDR sammelten Schulkinder übrigens bis in die 1960er Jahre, während in Speyer solche Einsätze damals nur im privaten Rahmen, nicht mehr staatlich angeordnet stattfanden. In der Erinnerung sind sie älteren Speyerern bis heute.