Speyer „Alles war eine Weltreise“

Klassentreffen im Pfälzer Hof: der Mechtersheimer Schülerjahrgang 1947/48.
Klassentreffen im Pfälzer Hof: der Mechtersheimer Schülerjahrgang 1947/48.

Sie kennen sich seit 50, 60 oder 70 Jahren: Zahlreiche Schülerjahrgänge treffen sich bis heute regelmäßig. Was hält sie nach so langer Zeit noch zusammen? Sind es die Kindheitserinnerungen? Haben sich die Träume von damals erfüllt? Heute: Der Jahrgang 1947/48 aus Mechtersheim.

Die Geräuschkulisse in der Volksschulklasse des Jahrgangs 1947/48 muss 1954 ähnlich der im Mechtersheimer „Pfälzer Hof“ gewesen sein. Zwölf Schulfreunde sind zum Wiedersehen ins Restaurant gekommen. Paul Eichstetter organisiert Treffen und Ausflüge der „Ehemaligen“ schon seit 1972. Viele Male hat sich der Jahrgang seitdem getroffen, ein Ende ist nicht abzusehen. Auch die „Evangelischen“ Renate Stroh und Rita Deubig sind zugelassen. In der Schule wurden sie nach Konfession getrennt unterrichtet. „Wir hatten sogar einen extra Pausenhof“, erzählt Traudel Roos. Ihrer Meinung nach war ihr Jahrgang ohnehin übel dran: „Eine Turnhalle gab es nicht für uns“, sagt sie. „Wer Durst hatte, musste aus dem Wasserhahn trinken“, setzt Christa Mayer noch einen drauf. „Viele Talente blieben unentdeckt“, ist Eichstetter überzeugt. Noten fürs Fach Musik seien nach Vorsingen vergeben worden, „ob du heiser warst oder nicht“. Das Schülerradio hat der Jahrgang in guter Erinnerung behalten. „Der Sender war immer auf Lernen eingestellt“, sagt Benedikt Weindel. Die Mehrzahl der so gebeutelten Schulkinder hat inzwischen den 70. Geburtstag gefeiert, manche haben ihn in den nächsten Wochen und Monaten noch vor sich. Veronika Hitzensauer ist schon Uroma. Alfons Huwe ist der Jüngste der Klasse. Mit fünf sei er eingeschult worden, erzählt er. Seine alte Dorfschule am Lindenplatz hat er nur vier Schuljahre lang besucht. Als einziger sei er ins Gymnasium gewechselt, sagt er. „Ich war immerhin in der Realschule“, sagt Stroh stolz. Davon hätte Bäckertochter Mayer nur träumen können. Säuglingsschwester habe sie werden wollen, berichtet sie vom guten Anfang und jähen Ende dieser Karriere. „Als meine Mutter krank wurde, hat mich mein Vater aus dem Internat in Bad Bergzabern abgeholt“, erzählt sie. Gefragt habe sie keiner, ob sie hinter der Bäckerei-Theke stehen wolle. Die meisten der 36 Erstklässler auf dem 64 Jahre alten Schwarz-Weiß-Foto sind in Mechtersheim geblieben und haben sich nie ganz aus den Augen verloren. Christel Heil hat den Kontakt von Böhl-Iggelheim aus gepflegt. Fünf seien bereits gestorben. Dass auf dem Bild auch die Protestanten zu sehen sind, hält Huwe für ein „zartes Pflänzchen der Ökumene“. Dass er bis über beide Ohren in die Lehrerin auf dem alten Foto verliebt war, bekennt er freimütig. „Wer sie anschaut, wird es verstehen“, betont er. Einer anderen Lehrerin hat Eichstetter zu Ostern einen lebendigen Hasen aus dem elterlichen Stall geschenkt. Sie habe sich einen gewünscht, erklärt er. Angenommen habe sie das Tier nicht, ihn aber mitsamt dem Hasen im Auto nach Hause gefahren. Freizeitbeschäftigungen waren nach Angaben des Jahrgangs Schlitten Fahren im Winter, im Baggersee Baden im Sommer. Viele erinnern sich noch an Filme wie „Prinz Eisenherz“ oder „Vom Winde verweht“, die sie im „Adler“-Saal gesehen hätten. „Das nächste Kino war in Berghausen“, sagt Manfred Volandt. Er erzählt vom Fußballspielen, regem Vereinsleben, Fasnacht, Rübenziehen und Kartoffelernte. „Wir sind in den Kirchenchor oder den MGV eingetreten, um aus dem Haus zu kommen“, erinnert sich Heil. Weiter als bis Speyer seien sie damals nicht gekommen. „Alles war eine Weltreise“, sagt Gerd Alter. Jeder Verein habe Bälle veranstaltet, berichtet Günter Regler. „Tanzen gelernt haben wir hier“, weist Hitzensauer auf den Boden im Pfälzer Hof. Eiskunstlauf mit dem deutschen Paar Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler hätten sie Anfang der 1960-er Jahre im Fernseher bei Huwe oder Hitzensauer verfolgt, erinnert sich Mayer. Huwe weiß die Ergebnisse seiner ersten TV-Fußballweltmeisterschaft 1958 heute noch. In den Kindergarten sei sie nicht gerne gegangen, räumt Heil Sehnsucht nach Zuhause ein. Auch den anderen fallen Prügelstrafen, Strenge und Disziplin in der Volksschule ein. In seiner Kindergartenzeit hätten die Franzosen noch ihre Fahne neben dem Dorfbrunnen gehisst, erzählt Eichstetter. Auf die Aufforderung „Grüßt die Trikolore“ hätten die Mechtersheimer Kinder geantwortet: „Mir hawwe nichts verlore“. Auch Huwe lässt das Gedächtnis nicht im Stich: „Ein gut` Gericht ist Frauenpflicht“, habe auf einem Küchenhandtuch seiner Schwiegermutter gestanden. „Lange ist`s her.“

Sogar die Protestanten durften mit aufs Bild: der Jahrgang in der ersten Klasse 1954.
Sogar die Protestanten durften mit aufs Bild: der Jahrgang in der ersten Klasse 1954.
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