Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Ab Juli sechs schwerbehinderte Mitarbeiter auf dem Friedhof

Einiges an Arbeit: Der Friedhof ist mit 19 Hektar die größte Grünanlage in Speyer.
Einiges an Arbeit: Der Friedhof ist mit 19 Hektar die größte Grünanlage in Speyer.

Sie sollen „ganz normale“ Bedienstete der Stadtverwaltung sein, aber sie sind doch etwas Besonderes: die sechs neuen Mitarbeiter des städtischen Inklusionsbetriebs auf dem Friedhof. Zum 1. Juli geht dieser an den Start. Er bietet Menschen mit Behinderungen Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt – und auch die Friedhofsbesucher sollen davon profitieren.

Die Idee stammt von 2017, der Verwaltungsaufwand zur Vorbereitung war „extrem hoch“, wie die zuständige Beigeordnete Irmgard Münch-Weinmann (Grüne) sagt. Die ersten Arbeitstage auf dem Friedhof sollen nun konzentriert und ohne öffentlichen Rummel über die Bühne gehen: Erst für August ist ein Termin geplant, bei dem die neuen Mitarbeiter vorgestellt werden. Fünf junge Männer und eine Frau im Alter von 19 bis Mitte 30 sind künftig in der Grünpflege und Bewässerung tätig. „Jobs auf dem ersten Arbeitsmarkt, die ansonsten für sie schwer zu finden wären“, so Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler (SPD).

Andy Englert und Heike Bregler sind die Chefs vor Ort. Englert ist seit 2015 auf dem Friedhof tätig, leitet den Bereich Grünpflege und Technik als Ganzes. Bregler ist seit Jahresbeginn speziell für den Inklusionsbetrieb hinzugekommen. Hauptaufgabe der Sozialpädagogin mit weiteren Ausbildungen als Gärtnerin und Bürokauffrau ist die psychosoziale Betreuung der Inklusionsmitarbeiter. „Ohne die beiden hätte das alles nicht geklappt“, lobt OB Seiler.

Viel Arbeit auf 19 Hektar

Englert hat den Ausbilderschein gemacht und will nun genau prüfen, wie er die neuen Kräfte gut einsetzt. „Es gibt Arbeiten, die sie super machen können.“ Bei den „diffizileren“ Tätigkeiten wie Heckenschnitt oder Bepflanzung müsse von Fall zu Fall hingeschaut werden. Gerade bei der Grünpflege und beim Zustand der Wege sollten die Bürger aber künftig Verbesserungen sehen, kündigt er an. Klar ist: Der Friedhof mit seinen 19 Hektar samt drei Ehrenabteilungen sowie Urnengemeinschaftsgräbern und circa 250 Vermächtnisgräbern, für die die Stadt zuständig ist, biete genügend Arbeit für alle.

Die neuen Kollegen hätten ganz unterschiedliche, vorwiegend geistige Behinderungen, so Englert. Sie seien aus ungefähr doppelt so vielen Bewerbern ausgewählt worden. „Sie werden wissen, was sie abends gemacht haben, und das wird öffentlich wahrgenommen werden“, sagt Englert. Die Anzahl der Friedhofsmitarbeiter steige damit auf 20. Die meisten Kollegen freuten sich auf die Neuen, betont der Betriebsleiter. Das Personal wird – anders als bisher – in zwei Teams aufgeteilt, die jeweils feste Vorarbeiter hätten.

Hilfe auf dem Jobmarkt

„Der Fokus liegt auf den Fähigkeiten der Mitarbeiter, nicht auf ihren Defiziten“ – das ist das Leitkonzept des Inklusionsbetriebs. „Es geht um die Menschen“, so Münch-Weinmann. Seiler betont, dass einer Zielgruppe geholfen werde, die nach der Betreuung durch Förderschulen im Alter von 25 Jahren oft einen schwierigen Übergang auf den Arbeitsmarkt habe. Im früheren Hotel „1635“ in der Rheintorstraße hatte es einst einen solchen Betrieb mit guten Erfahrungen gegeben, bis er aus wirtschaftlichen Gründen schließen musste. Die Stadt will jetzt ein, zwei Jahre Erfahrungen sammeln und dann entscheiden, ob sie zusätzliche Stellen einrichtet und das Konzept zum Beispiel auf die Stadtgärtnerei ausgeweitet werden kann.

Zu den Lohnkosten für die sechs Teilzeit-Mitarbeiter auf etwas mehr als vier Stellen gibt es laut Stadt in Einzelfällen von der Arbeitsagentur und dem Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung. Das Landesamt habe zudem die Investitionskosten – 196.000 Euro für Werkzeug, Kleidung und den Umbau des früheren Friedhofsverwalterhauses – mit 127.500 Euro bezuschusst.

RHEINPFALZ-Kommentar von Patrick Seiler

Vorreiterrolle

Viele schwerbehinderte Menschen haben es schwer, Jobs zu finden. Wenn die Stadt diese jetzt auf dem Friedhof anbietet und in gemischten Teams mit Nichtbehinderten die riesige Anlage in Schuss hält, kommt ihr eine Vorreiterrolle zu. Sie will auch für sich selbst Vorbild sein und diesen Sektor womöglich ausbauen. Auf dem Weg dahin hat es deutliche Verzögerungen gegeben, die nicht nur mit Corona zu tun haben. Es dauerte über zwei Jahre, obwohl sich politisch alle einig waren. Ein Problem: die Kostenträger unter einen Hut zu bringen. Wenn es hierbei Erleichterungen oder Erfahrungsgewinne gäbe, könnten sich mehr Arbeitgeber an das Thema Inklusionsbetrieb wagen. Nötig wäre es.

Zuständig für die Betreuung der neuen Mitarbeiter: Heike Bregler und Andy Englert.
Zuständig für die Betreuung der neuen Mitarbeiter: Heike Bregler und Andy Englert.
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