Saarbrücken
Unter der Stadt: Was verrät eine alte Mauer über Saarbrückens Geschichte
Die alte Mauer ist der noch heute erhaltene Teil des „Roten Turms“ in der unterirdischen Saarbrücker Burg. Es ist ein Ort mit besonderer historischer Atmosphäre inmitten der Landeshauptstadt. Bislang galt stets die Annahme, dass der Turm wegen seines Alters zu den ältesten Bauwerken der Burg gehört. Studenten der Saar-Universität sind zusammen mit dem historischen Museum, dem Landesdenkmalamt und der Archäologie-Professorin Sabine Hornung nun der Frage nachgegangen, ob diese Annahme tatsächlich stimmt.
Urkundlich belegt ist, dass die erste Burg schon im Jahr 999 nach Christus stand. Auf dem Saarfels wurde im Verlauf der Geschichte immer wieder gebaut, abgerissen, umgebaut, zerstört, wiedererrichtet und verändert. Das Terrain war einst Grafschaft im Mittelalter. Heinrich der Zweite, Herzog der Normandie und von Aquitanien, Graf von Anjou und König von England, richtete 1009 Schäden an der Burg an. Staufer-Kaiser Friedrich Barbarossa schleifte die Burg im Jahr 1168. Es ist nicht wirklich bekannt, wie viel er tatsächlich zerstörte. Später stand die Burg unter nassauischer Herrschaft, ab dem sechzehnten Jahrhundert lag sie mitten im beständig umkämpften Grenzgebiet, ab 1602 wurde aus der Burg ein Renaissanceschloss, das noch im selben Jahrhundert zerstört und im achtzehnten wieder aufgebaut wurde.
An der Turm-Mauer stimmt etwas nicht
Laut Simon Matzerath und Matthias Paulke vom Landesdenkmalamt passt die Bauart des Roten Turmes geschichtlich nicht zur Zeit des Mittelalters. „So hätte im Mittelalter kein Baumeister gebaut. Da liegen etwa Fugen in gleicher Flucht − das bedeutet eine Einbuße an Stabilität und wäre Schwachstelle bei jedem Angriff gewesen“, sagt Paulke. Die Steine der Turmruine sind laut Matzerath sogenannte Buckelquader mit einem sauber abgeschlagenen Randschlag. Das Material sei typisch für die Mitte des zwölften Jahrhunderts.
Für die beiden Männer vom Landesdenkmalamt ist daher unklar, aus welcher Zeit der Turm genau datiert. Sie kontaktierten die Uni-Archäologin Sabine Hornung. „Es geht uns darum, wissenschaftlich vorzugehen“, sagt Matzerath. Die Annahme: Die Steine könnten aus einem Vorgängerbau stammen, waren im zwölften oder dreizehnten Jahrhundert womöglich in einem rechteckigen Turm verbaut und wurden dann für den runden Roten Turm wiederverwendet.
Material für Lehrstunde mit Studenten
Hornung hat den Auftrag, die Geschichte des Turmes zu untersuchen, mit ihrer Lehre an der Uni verbunden. „Die Bauaufnahme des Turms ist für meine Studierenden eine hervorragende Übung“, kommentiert sie. Hornung untersuchte mit fünf Studenten den Turm, nach einer theoretischen Einführung gingen die Studis ans Werk. Zunächst erstellten sie am Computer ein 3D-Modell. Dafür wurde die Mauer von allen Seiten systematisch abfotografiert, die Bilder wurden dann am Computer zusammengesetzt. Bei so einer Arbeit ist laut Hornung Detailarbeit angesagt. Jede Fuge, jeder Stein müsse untersucht werden, weil jeder Zentimeter Hinweise zur Geschichte des Bauwerkes geben kann: die Breite der Fugen, das Fehlen von Zangenlöchern, die zu machen Zeiten verwendet wurden, um die Steine zu bewegen, das Fehlen von Steinmetzzeichen oder sogar römische Siegel, die verbaut wurden. „Wir haben 92 Steinmetzzeichen in unserer unterirdischen Bauanlage, die wir alle einer nur sechsjährigen Baumaßnahme im 16. Jahrhundert zuordnen können. Am Roten Turm fehlen sie“, kommentiert Matzerath.
Das 3D-Modell und die Zeichnung bilden nun als wissenschaftliche Dokumentation die Grundlage für die weitere Forschung. Das Ziel Hornungs ist es, zusammen mit den Studenten das Rätsel um die Turm-Ruine zu lösen. So soll ein Stück der Saarbrücker Stadtgeschichte aus dem Dunkel der Vergangenheit ans Licht geholt werden.