Homburg Jahrbuch 2022: Gutes und Böses aus der Saarpfalz
Zwar hat sich die Schnapszahl rein zufällig eingestellt. Trotzdem ist es bemerkenswert, dass das Saarpfalz-Jahrbuch 2022 exakt 222 Seiten stark ist. Der St. Ingberter Martin Luckas, Ende September nach knapp 30 Jahren aus dem Amt als Geschäftsführer des Landkreistages Saarland ausgeschieden, wertete die Neuerscheinung am Dienstag, 16. November, als Beweis, „wie lebendig die Region des heutigen Saarpfalz-Kreises war und ist“. Die lokalhistorischen Artikel, Gedichte und Aufsätze im Buch, verfasst von 27 Autoren aus der Saar- und Westpfalz, zeigen nach Luckas’ Ansicht, „woher wir in dieser Region kommen und auch, wie wir wurden, was wir sind. Das ist zuweilen vergnüglich, manches Mal aber auch bedrückend.“
Letzteres gilt ganz besonders für den Artikel des Einöder Journalisten Jürgen Karl Neumann. Weit davon entfernt, ein regionalgeschichtliches Jahrbuch schlicht als betulich-heimattümelndes Wohlfühlbändchen aufzufassen, hält Jürgen K. Neumann das Erinnern an Franz Ehrmanntraut wach: Jener gefürchtete Nazi-Scherge und SS-Mann aus Wörschweiler wurde als unfassbar brutaler Aufseher der Konzentrationslager Mauthausen und Natzweiler-Struthof zum Massenmörder. Nach dem Krieg in den Kriegsverbrecherprozessen in Rastatt und Metz von der französischen Justiz zunächst zum Tode verurteilt, dann aber 1962 aus der Haft entlassen, ließ Ehrmanntraut sich in St. Ingbert nieder, wo er 1973 als Privatier starb.
Gipsindustrie in Altheim
Wer hätte heute noch gewusst, dass vom 18. bis ins 19. Jahrhundert im Bliesgau Gips abgebaut wurde? Bei Breitfurt, vor allem aber in der „Gebkaul“ und auf der „Warte“ zwischen Altheim und Böckweiler wurde einst das begehrte Mineral aus dem Boden geholt, das als Düngemittel eine bedeutsame Rolle spielte. Der Rohstoff wurde bereits 1754 im herzoglichen Zweibrücken gebrannt und in der dortigen Schlossmühle gemahlen. In seinem Aufsatz zum Thema schlägt der Altheimer Heimatkundler Helmut Lambert einen überraschenden Bogen zur heutigen Pandemie: Einer der Eigentümer der beiden Altheimer Gipsgruben war der Arzt Friedrich Christian Boecking (1750 bis 1830), der ab 1794 als „Oberamtsphysikus“ in Zweibrücken wirkte – sprich, als früher Vorgänger des heutigen Gesundheitsamtsleiters. In dieser verantwortungsvollen Position war Boecking einer der ersten deutschen Ärzte, die im Kampf gegen die seit 1802 grassierende Pocken-Epidemie konsequent aufs Impfen setzten. Damals steckte das Thema Schutzimpfung noch in den Kinderschuhen.
Seit eh und je einer der umtriebigsten Textlieferanten für die Saarpfalz-Jahrbücher ist Heinz Weinkauf aus Zweibrücken. Wie Redaktionsleiter Martin Baus von der Homburger Kreisverwaltung am Dienstag erzählte, arbeitet Weinkauf schon an seinem Beitrag für den Band des Jahres 2025: Die Artikel für 2023 und 2024 hat er bereits fix und fertig eingereicht. Heinz Weinkaufs Aufsatz für den 2022er-Band beschäftigt sich mit dem Bau der Kuppelkirche St. Fronleichnam in der Homburger Ringstraße vor 60 Jahren. Der ortsansässige Architekt Herbert Lück (1907 bis 1970) hatte das sehr ungewöhnliche, halbkugelförmige Gotteshaus konzipiert, dessen Erscheinungsbild bis heute weit und breit einzigartig ist.
„Paul’s Eiernudeln“ aus Rohrbach
Der Rohrbacher Karl Abel erinnert in seinem Beitrag „Täglich wurden 5000 Eier frisch aufgeschlagen“ an die Teigwarenfabrik Paul aus seinem Heimatort. Das Rohrbacher Unternehmen, am Markt von 1932 bis 1984, war den Saarländern mit seinem Vorzeigeprodukt „Paul’s Eiernudeln“ ein fester Begriff. Deren Markenzeichen, ein properes Männchen, Nudeln schmausend und gezeichnet im Stil der 1950er-Jahre, dürfte wohl jeder Saarpfälzer im vorigen Jahrhundert irgendwann einmal gesehen haben.
Saarpfalz-Jahrbuch 2022
Das Taschenbuch mit Kalendarium, Jahresrückblick 2021 und 36 Artikeln und Gedichten auf 222 farbigen Seiten, gedruckt von der Ottweiler Druckerei, ist für sechs Euro im Buchhandel erhältlich. ISSN 1869-764X