Homburg
Existenzangst bei 1500 Bosch-Mitarbeitern: Betriebsratschef macht Konzern Vorwürfe
„Zukunft statt Kahlschlag!“, oder „Bosch bleibt“ – das steht auf den großen Bannern, die im Sitzungssaal des Homburger Rathauses hängen. Der Homburger Bosch-Betriebsratschef Oliver Simon hat am Donnerstagabend etwa 30 Bosch-Mitarbeiter im Schlepptau, die sich anhören wollen, was er bei der Stadtratssitzung zum geplanten Stellenabbau berichtet.
1500 Beschäftigte werden in Homburg laut den Plänen der Konzernspitze innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre ihren Job verlieren – das sei die Hälfte der jetzigen Belegschaft und für Simon deshalb besonders schlimm. Das komplette Werk West soll dichtgemacht werden. Insgesamt seien in Deutschland sogar mehr als 20.000 Mitarbeiter betroffen. „Und wir glauben, das ist auch noch nicht Ende der Fahnenstange. Das ist schon heftig, was da grade passiert.“
„Die Profitgier finde ich ziemlich heftig“
Viele der 3000 Homburger Mitarbeiter hätten Angst um ihren Arbeitsplatz. „Wir brauchen eine Perspektive, dass Leute abends schlafen gehen, morgens aufstehen und keine Angst haben müssen, dass sie ihre Arbeit verlieren und damit ihr Leben und ihre Zukunft.“ Dass so viele Stellen gestrichen werden, hätte gar nicht sein müssen, sagt Simon, der an Zeiten erinnert, als vor 24 Jahren noch mehr als 7000 Menschen in den Bosch-Werken in Homburg gearbeitet hatten.
Der Stellenabbau in Homburg „hat mit Transformation nichts zu tun“. Die Produkte, die in Homburg in Zukunft nicht mehr produziert werden, werden noch gebraucht und hergestellt – nur eben in der Türkei und in Tschechien. „Weil man dort einfach kostengünstiger produzieren kann. Das ist das einzige Argument, das im Raum steht“, betont Simon. Denn Autos und Lastwagen, die mit Diesel fahren, gebe es immer noch. Er wirft dem Unternehmen vor, es wolle schlicht „in kurzer Zeit sehr viel Geld verdienen“ – ohne viel investieren zu müssen. „Die Profitgier finde ich schon ziemlich heftig.“ Wenn es einem Unternehmen gut gehe, haben normalerweise auch die Mitarbeiter etwas davon – dieses Verhältnis sei bei Bosch mittlerweile eher einseitig.
Vorwurf: Keine neuen Produkte in Homburg
Der Konzern „ist überhaupt nicht bereit, mit uns über Perspektiven und Zukunft zu reden“, wirft der Betriebsratsvorsitzende den Konzernchefs vor. Immer, wenn man vorschlage, neue Produkte in Homburg anzusiedeln, „kommt diese große Klatsche von wegen: unwirtschaftlich, geht nicht. Und dann wird nicht mehr drüber geredet. Das zieht sich durch wie so ein roter Faden. Und das macht es für uns so schwer, eine Lösung zu finden.“ Auskünfte zu weiteren Gründen gebe es nicht. Laut Simon brauche man aber Zukunftsprodukte am Standort Homburg. Das Unternehmen selbst sagte, es gebe keine Alternativen zum Stellenabbau.
Es gehe auch um fehlende Perspektiven für viele Mitarbeiter, es fehle nämlich an Ersatzarbeitsplätzen, an „guten Jobs, die gutes Geld“ bringen. „Das ist Kaufkraft für unsere Region, das ist Wohlstand.“ All das leide ebenfalls unter dem Jobabbau. Gespräche zu künftigen, vernünftigen Perspektiven seien bislang erfolglos geblieben.
Betriebsratschef: Es geht auch um Zweibrücken und die Region
Auch die Politik müsse für die Rahmenbedingungen sorgen, „dass wir langfristig hier in der Region gut bezahlte, vernünftige Arbeitsplätze bei Bosch haben“. Es gehe aber auch um die Region – „um Waldmohr, Neunkirchen, Zweibrücken. Das ist unsere Region. Und wenn das so weitergeht, wird die Region sehr wenig Industriearbeitsplätze haben.“ Auch die Ratsmitglieder sind sich einig, dass man versuchen müsse, Lösungen zu finden. „Hinter jeder Stelle stehen Menschen, Familien, ganze Existenzen“, sagt etwa SPD-Fraktionschef Pascal Conigliaro. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Michael Rippel sagt: „Die jetzige Situation ist ernst. Aber sie ist kein Schicksal. Wenn Unternehmen, Arbeitnehmer und Politik an einem Strang ziehen“, könne man dem Stellenabbau entgegenwirken.
Auch der Homburger Oberbürgermeister Michael Forster (CDU) verspricht in der Ratssitzung, den Beschäftigten zur Seite zu stehen. Er führe schon seit Jahren Gespräche mit dem Konzern, die er auch in Zukunft fortsetzen wolle. Der Stellenabbau sei ein „harter Schlag“ für Homburg und besonders für die Mitarbeiter. Die Entwicklung habe aber „nicht sonderlich überrascht“ – wohl aber in dieser Dimension. „Wir kämpfen dafür, dass ein Stellenabbau in dieser Form nicht passieren wird.“
Stadtrat: Um jeden Arbeitsplatz kämpfen
Um das zu untermauern, haben die Fraktionen von CDU, SPD und der Linken eine gemeinsame Resolution in den Stadtrat eingebracht, die die Ratsmitglieder einstimmig verabschiedet haben. Darin steht unter anderem, dass der gesamte Stadtrat um jeden Arbeitsplatz bei Bosch kämpfen werde. „Menschen dürfen niemals nur als bloßer Kostenfaktor gesehen werden! Der Verlust der Arbeitsplätze hat gravierende soziale Folgen für ganze Familien und unsere gesamte Region“, heißt es in der Resolution.