Speyerer Umland
Rückblick 2023: Eine Schlammflut, ein Kita-Streit und Abschiede
Wasser und Schlamm fließen durch Mechtersheim
Es ist der 7. Mai, ein Sonntag, als am frühen Abend ein extremes Starkregen-Ereignis in Mechtersheim schwere Schäden anrichtet. Keller und Wohnungen laufen nicht nur mit Wasser, sondern auch mit Schlamm voll, der von den Feldern am Hang mitgeschwemmt wird. Weinende Menschen stehen knietief im Matsch, ihr Hab und Gut ist zerstört. Weil es nicht das erste Mal ist, dass ein schweres Unwetter solche Folgen hat, wird Kritik an der Gemeinde, den Landwirten und übergeordneten Behörden laut. Es folgen Bürgerversammlungen in Mechtersheim und Heiligenstein, das ebenfalls von dem Starkregen-Ereignis betroffen ist. Römerbergs Ortsbürgermeister Matthias Hoffmann (Grüne) stellt mit einem Ingenieurbüro Maßnahmen zur Gefahrenabwehr vor. In Mechtersheim ist unter anderem ein Muldensystem am Hang angedacht, in dem das Wasser abgeleitet werden soll. In Heiligenstein soll auf einem gemeindeeigenen Grundstück ein naturnahes Regenrückhaltebecken entstehen. Bis gebaut werden kann, dauert es aber noch: In Heiligenstein verzögert ein Rechtsstreit den Baustart, in Mechtersheim braucht es erst einmal viele Gespräche und Abstimmungen mit übergeordneten Behörden und vor allem den Eigentümern, die ihre Grundstücke für das Muldensystem zur Verfügung stellen müssen. Hoffmann ist guter Dinge, dass im kommenden Jahr erste Arbeiten starten können.
Eskalation im Kindergarten
Ein seit langem schwelender Konflikt zwischen Teilen der Schwegenheimer Kita-Belegschaft und Ortsbürgermeister Bodo Lutzke (FWG) eskaliert Ende März: Es steht der Vorwurf im Raum, dass der Bürgermeister Kita-Leiter Oliver Klar tätlich angegriffen hat. Außerdem werfen etliche Kita-Erzieherinnen Lutzke vor, sie eingeschüchtert und ein toxisches Klima in der Einrichtung verbreitet zu haben. In den folgenden Monaten muss sich die Staatsanwaltschaft mit dem Thema beschäftigen, denn Bürgermeister und Kita-Leiter verklagen sich gegenseitig: Wegen Körperverletzung soll sich der eine, wegen falscher Verdächtigung und versuchter Nötigung der andere schuldig gemacht haben. Doch im September teilt die Staatsanwaltschaft mit, dass die Ermittlungen abgeschlossen sind und kein Verfahren eingeleitet wird, das Geschehen lässt sich mangels Zeugen nicht rekonstruieren. Folgen hat die Affäre dennoch: Die Zuständigkeit für die Schwegenheimer Kita geht vom Bürgermeister auf den Ersten Beigeordneten über.
Protest für den Erhalt der Dorffeste
Es ist bisher einzigartig in Römerberg: Anfang Oktober demonstrieren rund 500 Menschen vor der katholischen Kirche in Berghausen für den Erhalt der Dorffeste. Initiator Andreas Ruhnke und seine Mitstreiter befürchten, dass immer mehr Bürokratie und verschärfte Vorgaben das gemeinschaftliche Zusammenleben lähmen.
Dass es auch anders geht, zeigt die Verbandsgemeinde Rheinauen: Während im Frühjahr andernorts reihum die Fasnachtsumzüge abgesagt werden, feiern in Altrip, Neuhofen und Waldsee die Narren mit Umzügen auf den Straßen. Allein in Waldsee kommen etwa 14.000 Menschen zusammen und vergnügen sich friedlich und ausgelassen. Grundlage ist ein 25-seitiges Sicherheitskonzept, dass das Ordnungsamt der Verbandsgemeinde mit dem Karnevalverein ausgearbeitet und damit das Feiern ermöglicht hat.
Sorgenkinder Campinggebiete
Die Zukunft des Dauercampingplatzes in Lingenfeld steht 2023 auf Messers Schneide. Dem von rund 260 Dauercampern genutzten Platz droht das Aus, weil er nie genehmigt wurde und die Kreisverwaltung Brandschutzmängel feststellte. Der Verbandsgemeinde wird eine Frist gesetzt, um das Gebiet zu überplanen. Im März spricht sich der Verbandsgemeinderat einstimmig dafür aus, den Campingplatz zu erhalten. Allerdings gibt es neben den hohen Kosten weitere Probleme. So fällt die erste Planung bei Kreisverwaltung durch, nicht alle Camper räumen fristgemäß ihre Parzelle und zu guter Letzt werden auch noch geschützte Zauneidechsen gefunden, die umgesiedelt werden müssen.
Auch im Campinggebiet „Auf der Au“ bei Waldsee gibt es Probleme: Der Rückbau der aufgegebenen Parzellen verzögert sich und ist erst Ende des Jahres „weitgehend abgeschlossen“. Dabei hätten die Grundstücke eigentlich schon vor zwei Jahren an die Besitzer zurückgegeben werden müssen. Immerhin: Die mehrheitlich dem Rhein-Pfalz-Kreis gehörenden Naherholung-in-den-Rheinauen-GmbH kündigt Investitionen in das Gebiet an.
Schulen und Kindergärten am Limit
Fehlende Betreuungsplätze in Kitas, Unterrichtsausfall in Schulen – das sind Themen, die nicht nur 2023 viele Eltern im Speyerer Umland beschäftigen. An der Dudenhofener Clemens-Beck-Grundschule ist die Personalsituation zeitweise so verheerend, dass Eltern einen Brandbrief an das Bildungsministerium schreiben. Weil ein großer Teil des Kollegiums und auch die Schulleitung über Wochen erkrankt sind, fürchten die Eltern um die Bildung ihrer Kinder. Auch die Kommunalpolitik mischt sich ein und beschließt eine Resolution. Immerhin: Die Schulleiterstelle soll in Kürze wieder besetzt werden.
Ähnlich dramatisch ist die Situation für manche Eltern kleinerer Kinder, wenn sie keinen Kita-Platz für ihren Nachwuchs bekommen. Die Lage in Römerberg verbessert sich im September etwas: Dort eröffnet mit der Naturkita am Tafelsbrunnen eine neue Einrichtung. So weit ist man in Harthausen, wo ebenfalls rund 40 Betreuungsplätze fehlen noch nicht, aber es gibt konkrete Pläne für eine provisorische Kita im Pfarrheim.
Im Schneckentempo auf die Datenautobahn
Schnelleres Internet wünschen sich viele Menschen. In Harthausen, Hanhofen und Dudenhofen droht der Glasfaser-Ausbau dieses Jahr zu scheitern, weil die vom Unternehmen Deutsche Glasfaser angepeilte Zielmarke an Vertragsabschlüssen zunächst deutlich verfehlt wurde. Nach einer Fristverlängerung vermeldet die Firma dann doch: Der Ausbau kommt. Welche Probleme bevorstehen können, zeigt sich andernorts. In Lingenfeld gehen die Arbeiten nicht voran, weil das Unternehmen keine zuverlässige Baufirma findet. Und solange das so ist, kann auch Schwegenheim, wo der Ausbau bereits abgeschlossen ist, nicht mit schnellerem Internet versorgt werden.
Ottermarkt-Aus sorgt für Wehmut
Diese Nachricht verbreitet sich zum Jahresanfang wie ein Lauffeuer: Der Ottermarkt in Otterstadt schließt nach fast 50 Jahren seine Türen. Das Gebäude im Ortszentrum war mehr als nur ein Supermarkt, es war Treffpunkt und Kommunikationszentrum zugleich. Inhaber Franz Mühleisen begründet die Schließung mit den gestiegenen Energie- und Personalkosten, dem Kaufkraftverlust der Kunden und der zunehmenden Schwierigkeit, Personal zu finden. Eine Nachfolgelösung ist nicht in Sicht.
Auch anderswo gibt es Veränderungen: In Dudenhofen macht die Metzgerei Ballreich Mitte Juni zu. Allerdings führt Mitarbeiter Boris Schlosser die Tradition fort – nur in anderer Form. Er verkauft seit September Fleisch- und Wurstwaren aus einem Wagen heraus auf Märkten in Speyer und donnerstags in Dudenhofen. In Schwegenheim floriert der Einzelhandel dagegen: Nach Penny, Rewe und dm eröffnet im November ein Aldi. Die gute Verkehrsanbindung sowie Synergieeffekte durch die anderen Märkte sprechen für das Dorf als Einzelhandelsstandort.
Idee der Bahn stößt auf Widerstand
Noch ist nichts entschieden und vieles spricht auch dagegen: Aber in Speyer und den Umlandgemeinden hat sich in diesem Jahr schon mal großer Protest formiert. Es geht um Pläne der Deutschen Bahn, eine weitere Güterbahntrasse zwischen Mannheim und Karlsruhe zu bauen. Es gibt mehrere Varianten, zwei davon laufen durch die Vorderpfalz. Da dafür die Stadt Ludwigshafen untertunnelt werden müsste, halten einige diese Pläne angesichts der Kosten und des Aufwands für utopisch. Nichtsdestotrotz macht eine Bürgerinitiative mobil gegen die Pläne, die Kommunalpolitik aus Speyer und dem Umland spricht sich ebenfalls dagegen aus. Mit einer Entscheidung wird 2024 gerechnet.