Ratekrimi Palzki und der zwielichtige Erbe
Es hätte so ein schöner Tag werden können. Nicht immer gelingt es uns Kriminalbeamten, ein Kapitalverbrechen in 90 Minuten aufzuklären, wie es uns die vielen Kino- und Spielfilme glauben machen wollen. Der Fall Egon Habermann war ein besonders kniffliger Fall, der meine Kollegen und mich tagelang beschäftigte und zu erheblichen Überstunden führte. Dabei fing alles ganz harmlos an.
Egon Habermann, 79 Jahre alt, wurde von der Mitarbeiterin eines Pflegedienstes tot in seiner Villa in Fußgönheim aufgefunden. Stark gehbehindert und seit einem Jahr in Pflegegrad 3, konnte er sein stattliches Anwesen nicht mehr ohne fremde Hilfe verlassen. Dem herbeigerufenen Hausarzt kam die Auffindesituation merkwürdig vor, sodass er uns pflichtbewusst den Todesfall meldete.
Nur wenige Kilometer nordwestlich von der Dienststelle in Schifferstadt liegt Fußgönheim. Fast in Luftlinie musste man der Länge nach durch die Doppelgemeinde Dannstadt-Schauernheim quälen, die gefühlt 100-mal so lang wie breit ist. Und wenn man das Pech hatte, hinter einem Traktor herfahren zu müssen, verlor man sowieso jeden Lebensmut. Überholen war auf dieser Strecke weder inner- noch außerorts möglich. Einige der Wagemutigen, die es dennoch versuchten, haben seither ihren festen Liegeplatz in Mutter Erde.
Verschroben und weltfremd
Die Fußgönheimer Wohnadresse „Im Versuchsfeld“ empfand ich als grenzwertig und hoffte, dass hier keine gesundheitsgefährdenden Experimente durchgeführt wurden oder werden. Habermanns Villa hatte, zumindest von außen betrachtet, ihre besten Zeiten längst hinter sich. Ich betrat ein verstaubtes Museum mit Einrichtungsgegenständen aus den 1960er-Jahren des letzten Jahrhunderts. „Der Verstorbene lebte völlig isoliert und hatte keine mir bekannten Angehörigen“, erklärte mir der anwesende Hausarzt. „Nach der gründlichen Leichenschau gehe ich zwar von einer natürlichen Todesursache aus. Merkwürdig ist nur, dass auf dem Tisch mehrere gebrauchte Cognacgläser stehen. Meines Wissens hatte er schon lange keinen Besuch mehr. Er galt als sehr verschroben und weltfremd“, fuhr der Arzt fort. „Zweimal hat meine Praxis für ihn einen neuen Pflegedienst organisiert, weil er das Personal tyrannisierte.“
Aufgrund der unklaren Situation informierte ich die Spurensicherung, die die Cognacgläser mit der halbleeren Flasche und andere Gegenstände mitnahm. Ich selbst befragte die Nachbarschaft, nachdem ich mit meinem Handy das grüne Wählscheibentelefon, den Plattenspieler und die längst vergilbten Prilblumen-Aufkleber auf den Küchenfliesen fotografiert hatte. Meine Kinder würden sich über diese Schnappschüsse freuen.
„Ne, de Eschon hot schunn lang kenn Besuch mehr ghabt“, erklärte mir ein Nachbar. „Mir wohne schunn seit Jahrzehnte newweähnanner. Domols war er ähn ziemliche Hallodri mit Frauegschichte noch unn nöcher. Awwer inzwische is er nur noch ähn alte verbidderte Mann. Zwee Cousine hodder, die waren awwer schunn lang nimmi do.“
Freude bei den Hinterbliebenen
Am nächsten Tag hatten wir die beiden Cousinen des Verstorbenen ausfindig gemacht. Zuerst fuhr ich nach Maxdorf zu Erna Hypokrite. Sie kam sofort zur Sache, ohne eine einzige Krokodilsträne zu vergießen. Sie behauptete, vorletzte Weihnachten das letzte Mal bei ihrem Cousin gewesen zu sein. „Ich weiß, dass ich zusammen mit Patricia erben werde“, sagte sie mit einem strahlenden Lächeln. „Die alte Villa in Fußgönheim wird natürlich sofort abgerissen, ein Bauträger hat mir vor ein paar Jahren eine Riesensumme für das Grundstück geboten, aber Egon hat sich standhaft geweigert, ins Altersheim zu ziehen. Steht eigentlich noch der goldene Porzellan-Dalmatiner im Wohnzimmer? Den will ich unbedingt haben.“
Die zweite Cousine, Patricia Mentör, erreichte ich an ihrem Arbeitsplatz in einer Arztpraxis in Limburgerhof. „Erna hat mich schon angerufen“, erzählte sie mir freudestrahlend. „Hoffentlich dauert es nicht zu lange mit dem Hausverkauf, ich möchte so schnell wie möglich auf Teilzeit umsteigen.“ Auch hier kein Wort der Trauer, stattdessen zückte sie ihr Handy und zeigte mir eine Buchung für eine siebentägige Reise nach Hamburg, genau in der Zeit, in der ihr Cousin gestorben war.
Der Enkel aus Argentinien
Zurück auf der Dienststelle erwartete mich eine Überraschung. Eigentlich sogar zwei. Die Untersuchung ergab, dass Egon Habermann eines natürlichen Todes gestorben war. Die Reste in den Cognacgläsern wiesen keinerlei Gift auf. Außerdem fanden sich auf allen Gläsern nur die Fingerabdrücke des Toten. „Er war nur zu bequem, die benutzten Gläser in die Küche zu bringen“, meinte Jutta. „Der Arzt hat trotzdem richtig reagiert, auch wenn es kein Fall für uns ist. Habgier allein ist kein Straftatbestand. Ansonsten haben die Kollegen nur ein paar alte Rechnungen und Briefe gefunden, das Haus scheint schuldenfrei zu sein, außerdem gibt es ein dickes Sparbuch.“
Ich wollte gerade die Akte schließen, als ein junger Mann am Empfang erschien und mich sprechen wollte. „Ich heiße Ricardo Alvarez“, begann er atemlos und reichte mir seinen Ausweis. „Ich komme direkt aus Argentinien.“ Ich bot ihm einen Platz an, woraufhin er mir einen Umschlag überreichte. „Das ist das Testament meines Großvaters.“ „Welcher Großvater?“, fragte ich überrascht. Er rollte mit den Augen. „Opa Egon natürlich. Haben Egons Cousins nicht von mir erzählt?“ Als er meinen ungläubigen Blick bemerkte, fuhr er fort: „Ich kann natürlich nachweisen, dass ich der uneheliche Enkel von Egon Habermann bin. Das ist amtlich festgestellt; Erna und Patricia wissen das. Wollen die sich das Erbe unter den Nagel reißen, nur weil ich seit vielen Jahren in Südamerika lebe? Ich stehe in der Erbfolge eindeutig an erster Stelle, ich erbe alles. Außerdem habe ich das Testament. Schauen Sie in den Umschlag.“
Alles hieb- und stichfest?
Völlig fassungslos las ich das handschriftliche Testament vom 15. März 1995. Darin vermachte Egon Habermann seinem Enkel Ricardo Alvarez das Haus und ein Vermögen von rund 200.000 Euro. Ich schaute ihm in die Augen. „Ich nehme an, die beiden Damen werden versuchen, das anzufechten“, sagte ich. „Aber mit uns hat das nichts mehr zu tun.“ „Die beiden werden schon sehen“, sagte er trotzig und stand auf. „Ich werde mir gleich morgen einen Anwalt nehmen.“ Nachdem er gegangen war, lächelte ich. Irgendetwas war faul an der ganzen Geschichte, und ich wusste, was es war. Jedenfalls konnte ich die Akte noch nicht schließen.
Lösen Sie den Fall?
Wissen Sie, wie Palzki den Erben überführen konnte? Schicken Sie die Lösung mit Ihrem Namen und Ihrer Anschrift per E-Mail an redrpk@rheinpfalz.de. Einsendeschluss ist am Donnerstag, 8. November. Zu gewinnen gibt es einen signierten Krimi von Harald Schneider.
Auflösung
In unserem Fall „Palzki und der betrügerische Juwelier“ untersuchte Kommissar Palzki einen Einbruch. Dem Juwelier Goldfinger sind Goldbarren aus dem Tresor gestohlen worden – angeblich waren diese „aus 25-karätigem Gold“. Dumm nur, dass in Karat die Reinheit von Gold gemessen wird. Reines Gold besitzt 24 Karat, mehr geht also nicht. Goldfinger hatte gelogen. Das haben auch Adelheid Eckrich aus Ludwigshafen und Günter Handwerker aus Böhl-Iggelheim gewusst und den Fall gelöst. Herzlichen Glückwunsch!