Römerberg
In NS-Zeit verfolgt: Mit lila Winkel im Konzentrationslager
Die Familie von Alois Bühl und seiner Frau Susanne lebte mit ihren beiden Söhnen Helmut und Reinhold in Heiligenstein in der Horst-Wessel-Straße, der heutigen Viehtriftstraße. Alois, Jahrgang 1902, war in Berghausen geboren, seine um ein Jahr ältere Frau stammte aus einer Heiligensteiner Familie. Nach der Machtübernahme der NSDAP im Januar 1933 erklärte Alois Bühl am 1. April des gleichen Jahres den Austritt der Söhne aus der katholischen Kirche, weil er „seine Kinder in religiöser Hinsicht selbst erziehen wolle“. Die Familie gehörte den Ernsten Bibelforschern an, wie sich die Glaubensgemeinschaft damals nannte. Auch die Schwester der Ehefrau, Anna, war Zeugin Jehovas.
Mit der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht im März 1935 begannen die staatlichen Repressionen für die Gemeindeglieder, da sie jeglichen Militärdienst verweigerten und die staatliche Autorität nicht anerkennen wollten. Auch den Hitlergruß lehnten sie ab, nahmen an keinen Wahlen teil und ließen ihre Kinder nicht in die Hitlerjugend. Der damalige Bürgermeister des Dorfes, Josef Schultz, meldete die Familie Bühl an die Geheime Staatspolizei mit dem Hinweis, dass die Kinder „unter einem verderblichen Einfluss der Eltern stehen“. Ihm erschien es zweckmäßig, die beiden Jungs in einer anderen Familie unterzubringen, „jedoch ziemlich weit weg von hier“.
Im Dezember 1936 wurde das Ehepaar zum ersten Mal verhaftet, doch bereits einen Monat später wurde das Verfahren von der Staatsanwaltschaft Frankenthal eingestellt. Auch die Schwester von Susanne Bühl, die als Näherin tätig war, kam in sogenannte Schutzhaft und erst nach Abgabe einer schriftlichen Erklärung, dass sie sich jeglicher Bibelforscher-Tätigkeit enthalten wolle, wieder frei.
Der Reichssicherheitsdienst der SS, dessen Aufgabe es war, gezielt politische Gegner zu bekämpfen, registrierte weiterhin die religiöse Betätigung der Familie. Bei einer Durchsuchung wurden in den Betten Schriften der Bibelforscher entdeckt. Als das Ehepaar im April 1938 nicht an der Reichstagswahl und der Volksabstimmung über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich teilnahm, wurde dies an den Arbeitgeber von Alois Bühl gemeldet, der den Fabrikarbeiter am nächsten Tag fristlos entließ.
Geheime Versammlungen
Nun versuchte sich die Familie mit dem Sammeln und Verkauf von Kräutern über Wasser zu halten, was den Heiligensteiner Bürgermeister zu der Meldung veranlasste, dass Alois Bühl „deshalb nicht mehr seiner Unterhaltspflicht nachkommen kann“. Beobachtet wurde, dass das Ehepaar und die Schwester wohl zu geheimen Versammlungen mit dem Fahrrad ins benachbarte Baden fuhren. Bei einer Versammlung in Brühl im April 1939 nahm man dann die drei Heiligensteiner fest. Von dem Mannheimer Sondergericht wurden Alois und Susanne Bühl zu je fünf Monaten Gefängnisstrafe verurteilt. Die Schwester, die acht Monate Gefängnis erhielt, kam nach der Haft ins Konzentrationslager Auschwitz, wo sie am 20. Oktober 1942 verstarb.
Hinsichtlich der Bühl-Söhne, die zu diesem Zeitpunkt elf und neun Jahre alt waren, sollte „zunächst versucht werden, die Kinder einer nationalsozialistischen Jugendorganisation zuzuführen“. Das Bezirksamt Speyer meldete dann im November: „Die beiden Söhne der Eheleute Bühl sind nach übereinstimmenden Urteil der Lehrkräfte gut begabt, gehorsam und von Haus aus wohl erzogen. An den schulischen Veranstaltungen, insbesondere auch an nationalen Kundgebungen, nehmen sie oft regeren Anteil als andere Kinder und erweisen freimütig und ungezwungen den deutschen Gruß.“ Allerdings weigere sich der Vater, eine Beitrittserklärung zur Hitlerjugend zu unterschreiben.
Die NSDAP-Gauleitung – Abteilung Wohlfahrt – urteilte, dass „durch die Art der Erziehung die Gefahr der sittlichen Verwahrlosung“ besteht. Der Heiligensteiner NSDAP-Ortsgruppenleiter Helfrich meldete im November 1937 an die Gestapo in Neustadt, dass er es für zweckmäßig halte, „die Kinder aus der Erziehung der Eltern zu nehmen“, was das Vormundschaftsgericht im September 1938 in die Tat umsetzte. Begründet wurde dies aber vordergründig damit, dass die beiden einen unterernährten Eindruck machten. Untergebracht wurden sie in einem bayerischen Kinderheim, wo man auf die „Pflege und Erziehung von Kindern der Bibelforschervereinigung“ spezialisiert war.
Nach der Haft unterschrieb Alois Bühl eine Erklärung mit der Aussage, dass die Gemeinschaft der Bibelforscher „unter dem Deckmantel religiöser Betätigung lediglich staatsfeindliche Ziele verfolgt“ und dass er sich deshalb ganz von deren Lehre abwende. Er fand nach der Entlassung eine Beschäftigung im Sägewerk Michel in Speyer, hatte Gelegenheit, seine Söhne in München zu besuchen, und wollte, dass diese zu seiner Schwägerin nach Otterstadt kommen sollten. Er wurde weiterhin „vertraulich nachüberwacht“, was allerdings zu keinerlei Beanstandungen führte.
Von Frau getrennt
Ehefrau Susanne hatte offensichtlich die Erklärung nicht unterschrieben. Den örtlichen Behörden teilte man mit, dass sie sich im Anschluss an ihre Haftzeit „in einem Frauenheim“ befinde. Den amtlichen Unterlagen ist jedoch zu entnehmen, dass sie ins Konzentrationslager Ravensbrück eingeliefert worden war. Sie wurde im Haushalt des Lagerkommandanten tätig.
Das Unheil für Alois Bühl setzte sich im Juli 1940 fort, als sein Jahrgang zur Musterung aufgefordert wurde. Dieser kam er nicht nach, sondern versuchte bei seiner Schwägerin in Otterstadt unterzutauchen. Dort wurde er jedoch bereits am nächsten Tag festgenommen, da sein Schwiegervater seinen Aufenthaltsort verriet. Bei der Vernehmung durch die Speyerer Kripo gab er an, der Aufforderung keine Folge geleistet zu haben, weil dies mit seiner Auffassung als Ernster Bibelforscher nicht vereinbar sei. Und weiter: „Ich habe meine frühere Erklärung nur daher abgegeben, weil ich hoffte, damit meine Familie wieder zusammenzubringen.“
Daraufhin wurde für Alois Bühl per Fernschreiben aus dem Reichssicherheitshauptquartier die Überführung ins KZ Dachau angewiesen. In den Konzentrationslagern waren Zeugen Jehovas an einem lila Winkel zu erkennen. Im Januar 1941 wurde Bühl ins KZ Neuengamme überführt. Dort hatte man im Vorjahr eine Angorakaninchenzucht aufgebaut, die Wolle zur Herstellung besonders wärmender Kleidung liefern sollte. Im Unterschied zu den Holzbaracken der Häftlinge waren die Hasenställe in einem Steinhaus untergebracht. Da Alois Bühl Erfahrung im Schlachten von Hasen mitbrachte, wurde er für diese Aufgabe herangezogen.
Die beiden Söhne kamen Ende 1940 als Pflegekinder in die Holzschuhmacherfamilie Bachhuber in Töging in Bayern. Helmut wurde 1942 in die Familie seiner Tante in Otterstadt aufgenommen und 1944 zum Militärdienst eingezogen. Nach Kriegende geriet er in englische Gefangenschaft. Der jüngere Bruder Reinhold kam nach dem Reichsarbeitsdienst (RAD) noch am 30. März 1945 zur Wehrmacht. Er ging schließlich wieder für vier Jahre nach Töging, ergriff den Holzschuhmacherberuf und lernte dort seine Frau Paula kennen.
Der mit 98 Jahren noch lebende Helmut wurde Maschinenschlosser bei den Speyerer Flugzeugwerken und bekennt noch immer: „Diese seelische Grausamkeit von damals habe ich bis heute nicht überwunden.“ Das Ehepaar Bühl überlebte die Zeit des Nationalsozialismus und kam anschließend wieder zurück nach Heiligenstein. Alois verstarb 1976, Susanne 1985.