Rhein-Pfalz Kreis Haufenweise Empörung

Placeholder-Image

Dannstadt-Schauernheim. So mancher Landwirt im Rhein-Pfalz-Kreis ist dieser Tage verwundert, als er Post von der Verbandsgemeinde Dannstadt-Schauernheim in seinem Briefkasten findet. Vor allem, weil aus dem Umschlag ein Aufkleber fällt: hellgrüner Hintergrund, dunkelgrüner Traktor. Darunter steht: „Ich bleibe sauber.“ Die runden Sticker sind keine lustige Zugabe für Kinder, die einem Verwaltungsschreiben beiliegen. Wer auf dem Rand liest „Aktion Saubere Straße in der VG Dannstadt-Schauernheim“ ahnt, dass es um ein großes Thema geht. Was nicht heißt, dass er versteht, was er mit dem Aufkleber machen soll. „Mich haben als Vorstand des Ackerbauvereins gleich mehrere Kollegen angerufen und sich aufgeregt: ,Das Ding soll hintendrauf, wie sieht das denn aus?’.“ Uwe Beutelmann war erst selbst erstaunt, dass er das Traktorbildchen auf seinem Auto oder einem landwirtschaftlichen Gefährt anbringen soll. „Sie können sich vorstellen, wie unsere Fahrzeuge aussehen. Schlammspritzer überall. Und dann steht da was von ,Ich bleibe sauber’. Die Leute lachen sich kaputt – oder schlimmer, empfinden es als Provokation.“ Erst als der Hochdorf-Assenheimer Landwirt Verbandsbürgermeister Stefan Veth (CDU) trifft, klärt sich auf, was die Gemeinde mit dem Aufkleber bezweckt. Er soll in den Traktor geklebt werden. Dahin, wo ihn der Fahrer sieht – zur Erinnerung, dass Erde von Achse und Räder geklopft wird, bevor es vom Feld auf die Straße geht. Beziehungsweise der Wirtschaftsweg nach der Arbeit gereinigt wird. Zu dem Aufkleber gibt es ein Flugblatt in verschiedenen Sprachen, das die Erntehelfer informiert. „Wir bekommen regelmäßig Beschwerden – einige formulieren sie schriftlich, die meisten erreichen uns mündlich: Straßen und Wirtschaftswege sind zu verdreckt“, sagt Veth. Das große Thema, um das es geht, ist also zusammengefasst der Erdklumpenärger. Der überall dort aufploppt, wo die Interessen von arbeitenden Landwirten und Erholung suchenden Bürgern aufeinanderprallen. Im Rhein-Pfalz-Kreis passiert das immer wieder. Mit steigender Frequenz: Denn die Äcker werden heutzutage intensiver bearbeitet. „Fortschritte in der Agrartechnik und der Einsatz modernster Schlepperfahrzeuge ermöglichen mittlerweile eine Bewirtschaftung der Felder durchs ganze Jahr hindurch“, sagt Veth. Die Folge: Gefahren wird auch, wenn die Felder nass und schlammig sind. So erreicht der Erdklumpenärger im regenreichen November 2013 einen vorläufigen Höhepunkt. Veth schreibt daraufhin 45 landwirtschaftliche Betriebe an, die in der Verbandsgemeinde sesshaft sind oder hier Felder bewirtschaften. Ziel: ein Treffen. 27 Inhaber kommen. „Ich habe sie mit der Situation konfrontiert und um Lösungsvorschläge gebeten“, berichtet der Verbandsbürgermeister. Aus der Ideensammlung: Nicht schneller als 25 Stundenkilometer fahren, damit der Dreck nicht abfällt. Einen Umweg im Feld nehmen, erst dann in den Ort rollen. Oder: Die Verwaltung soll Verursacher ermitteln und verfolgen. Stefan Veth ist mit der Ausbeute nicht sehr zufrieden. „Es ist unklar geblieben, wie die Situation in den Griff zu kriegen ist. Zumal wir bestimmt niemanden abstellen können, der den ganzen Tag draußen im Feld für Recht und Ordnung sorgt.“ Regeln aber gibt es. Festgehalten sind sie in der „Satzung über die Benutzung der gemeindlichen Feldwege“. Paragraf sechs, Absatz 1, Nummer vier spricht eine eindeutige Sprache: „Es ist unzulässig, Fahrzeuge und Geräte auf den Wegen von Ackerboden zu befreien und diesen auf den Wegen liegenzulassen.“ Veth sagt, oft werde das Säubern der Wege auf später verschoben, dann ganz vergessen. Bei Joggern, Spaziergängern und Fahrradfahrern keimt Erdklumpenärger auf. Doch haben sie ein Recht, sich aufzuregen? „Gemüseanbau ist ein wichtiger Standortfaktor in der Region. Deshalb sind die Wirtschaftswege vorrangig für Landwirte da. Eigentümer der anliegenden Flächen müssen sich auch am Unterhalt beteiligen“, sagt Veth. Dennoch: Betreten darf sie jeder. Der Bürgermeister plädiert deshalb dafür, gegenseitig Rücksicht zu nehmen. Er weiß auch, dass er die Bauern nicht zwingen kann, die Aufkleber anzubringen. „Es ist ein ernst gemeinter Versuch. Ich experimentiere in der Hoffnung, dass es was bringt. Auch aus Gründen der Verkehrssicherheit.“ „Den brutal nassen Herbst“ macht auch Johannes Zehfuß dafür verantwortlich, dass die vor sich hin brodelnde Diskussion um verschmutzte Wege und Straßen neu hochgekocht ist. Der Landwirt und Vorsitzende des Bauern- und Winzerverbands Rhein-Pfalz-Kreis versteht den Ärger, nimmt seine Kollegen aber in Schutz: „Selbst mit dem Wegehobel ist man der Lage nicht mehr Herr geworden.“ Und: Dreck auf den Hauptstraßen wegmachen dürften Landwirte nicht selbst. „Da müssen wir mit dem Landesbetrieb Mobilität eine Lösung suchen. Reifenwaschanlagen aufs Feld stellen, können wir jedenfalls nicht.“ Für Zehfuß stellt es ein besonderes Problem dar, dass Wirtschaftswege in Radwanderkarten zu Teilen offizieller Routen werden. Damit würde suggeriert, dass es sich um ausgewiesene Radwege handelt. Das wecke Erwartungen und führe zu Frust und Intoleranz. „Der Bauer stört darauf. Dabei sind es Wege, die Radfahrer lediglich nutzen dürfen.“ Zehfuß stimmt Veth grundsätzlich zu, dass gegenseitige Rücksichtnahme und Toleranz das Konfliktpotenzial entschärfen. „Die Betonung liegt auf gegenseitig“, sagt der Böhl-Iggelheimer. Denn Bauern freuten sich schließlich auch nicht, wenn Hunde Folien zerreißen oder Haufen neben das Gemüse setzen. Werner Jotter, Landwirt in Dannstadt-Schauernheim und Vorsitzender des örtlichen Bauernvereins, versteht, dass die Verwaltung handeln muss, weil der Druck auf die Gemeinde wächst. Er kann sich aber auch vorstellen, dass die Post mit dem grünen Aufkleber nicht bei allen Kollegen gut ankommt. „Ich aber würde sagen, die Aktion ist in Ordnung, sie kann ja nur für alle Beteiligten zum Vorteil sein.“ Andreas Fischer hat sich „noch keinen Kopf gemacht“, wie er die Saubere-Straßen-Initiative findet, „weil wir sowieso immer darauf achten, die Wege so sauber wie möglich zu halten.“ Der Dannstadt-Schauernheimer Landwirt verweist ebenfalls darauf, dass es Ende 2013 extrem nass war. „Und Sie kennen es doch selbst: Wenn Sie bei Regenwetter durchs Feld gehen, bleibt der Dreck hartnäckig an den Schuhen kleben.“ Der schwere Boden hätte es zudem schwierig gemacht, die Ernte überhaupt einzufahren, Zeitpläne, die der Lebensmittelhandel vorgebe, einzuhalten. „Der Druck steigt“, sagt auch Beutelmann. Wenn es einer Supermarktkette oder einem Discounter gefalle, von heute auf morgen die Werbestrategie zu ändern, „ernten wir Rucola und zackern den Eisbergsalat unter“. Er wirbt um Verständnis, dass es Landwirten manchmal einfach an Zeit fehle, ständig mit der Schippe auf den Feldwegen parat zu stehen. Wichtiger sei – für die Sicherheit – Straßen weitestgehend sauber zu halten. „Dazu müssen wir Verbindungen über die Felder schaffen von einer Gemeinde zur anderen.“ Das Stichwort laute: Pfalzmarktweg. Das Vorhaben komme voran. „Doch die Leute sind ungeduldig, wollen nicht warten.“ Und was macht Beutelmann jetzt mit dem dunkelgrünen Traktor auf hellgrünem Aufkleberrund? Der Landwirt überlegt, lacht und sagt: „Ich bringe ihn an, wenn mir der erste Hund entgegenkommt, der auch einen Ich-bleibe-sauber-Aufdruck trägt – als Versprechen nicht mehr in den Feldern sein Geschäft zu verrichten.“

x