Rhein-Pfalz-Kreis RHEINPFALZ Plus Artikel Gemeindeschwester plus: „Manchmal fehlt nur ein kleiner Anschub“

„Zuhause sterben die Leute“: Die Gemeindeschwestern wollen mit ihren Hilfen unter anderem der sozialen Vereinsamung von Senioren
»Zuhause sterben die Leute«: Die Gemeindeschwestern wollen mit ihren Hilfen unter anderem der sozialen Vereinsamung von Senioren entgegenwirken.

Tammy Goff war die erste Gemeindeschwester plus, die im Rhein-Pfalz-Kreis aktiv geworden ist. Und das sei einerseits ungewohnt, aber auch spannend gewesen. Vielen Senioren konnte geholfen, Angebote publik gemacht und neue initiiert werden. Gebe es die Gemeindeschwestern nicht, müssten sie erfunden werden, so ihr Fazit nach den ersten Monaten im Amt.

Im Juli vergangenen Jahres hat Tammy Goff offiziell ihren Dienst aufgenommen – und war erst einmal allein. Nach und nach sind dann ihre Kolleginnen Maren Schneider und Sabrina Rech dazugestoßen, zusammen decken sie das gesamte Kreisgebiet ab. Tammy Goff ist die Gemeindeschwester für die Verbandsgemeinden Lambsheim-Heßheim, Maxdorf und Dannstadt-Schauernheim sowie für die Gemeinde Bobenheim-Roxheim. Und nach nun mehr als einem halben Jahr kann die 37-Jährige sagen: „Mit dieser Aufgabe bin ich sehr glücklich.“

Tammy Goff ist eine von drei Gemeindeschwestern im Rhein-Pfalz-Kreis.
Tammy Goff ist eine von drei Gemeindeschwestern im Rhein-Pfalz-Kreis.

Dass sie eine „soziale Ader“ hat und sich beruflich gern um Menschen kümmert, die Hilfe brauchen, das habe sie schnell nach ihrer ersten Berufsausbildung gemerkt. Mit dem Job der Zahnarzthelferin war sie nicht so glücklich. Sie ließ sich zur Krankenpflegerin ausbilden und arbeitete in der Notaufnahme im Städtischen Klinikum und im Marienkrankenhaus in Ludwigshafen. Woanders wollte sie nicht arbeiten – die besonderen Anforderungen in der Notaufnahme haben sie gereizt. „Man hat unterschiedliche Patienten und bekommt viele verschiedene Kompetenzen“, erzählt sie. Um auf die Bedürfnisse der Patienten besser eingehen zu können, hat sie sich zur Pain Nurse (Schmerztherapie-Expertin) und zur Pflegeexpertin für Demenz-Patienten weiterbilden lassen.

Musste erst googeln

Dann ist Tammy Goff Mutter geworden, ihre Zwillingssöhne sind heute fünf Jahre alt, ihre jüngste Tochter ist drei. 2021 ist sie wieder in ihren Beruf zurückgekehrt, hatte aber auch Lust auf eine berufliche Veränderung. Die Stellenanzeige des Rhein-Pfalz-Kreises hat ihr Mann entdeckt. „Ehrlich gesagt - ich musste erst einmal googeln, was eine Gemeindeschwester genau macht“. Als sie eine erste Vorstellung hatte, war sie neugierig geworden und bewarb sich.

Die Gemeindeschwestern werden derzeit noch vom Land finanziert über das Programm „Gemeindeschwester plus“. Mit diesem sollen, kurz gesagt, Senioren unterstützt werden. Dabei geht es nicht um konkrete Hilfsangebote, sondern vielmehr darum, Kontakt zu Senioren zu halten und zu vermitteln, damit Senioren möglichst lang ein eigenständiges Leben führen können. Wie das im Einzelnen umgesetzt wird, das war für Tammy Goff und ihre Kolleginnen zu Beginn ihrer Arbeit völlig offen.

Darum hieß es in den ersten Wochen erst einmal viel recherchieren, „netzwerken“ und Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Sie mussten zusammentragen, welche Angebote oder Interessenvertretungen, wie Seniorenbeiräte, es bereits für die Älteren gibt. „Und die Senioren mussten überhaupt erst einmal wissen, dass es uns gibt und für was wir da sind“, sagt sie. So habe sich Tammy Goff zum Beispiel bei Vereinen wie den Landfrauen und Verwaltungen vorgestellt und sei zu den bereits bestehenden Angeboten wie zum Seniorencafé gegangen. „Und ich habe mich mit den Bürgermeistern im Amtsblatt ablichten lassen, in der Hoffnung, dass das Vertrauen bei den Senioren schafft“, erzählt sie.

Auch für „junge“ Senioren

Nicht ganz so glücklich ist sie mit dem Begriff Gemeindeschwester plus. Eine Gemeindeschwester kennen manche Senioren vielleicht noch aus ihrer Kindheit. Tammy Goff habe die Erfahrung gemacht, dass sich wegen der Bezeichnung viele jüngere Senioren von dem Angebot nicht angesprochen fühlen. „Sie denken, dass das nur was für sehr betagte Menschen ist.“ Doch das sei nicht der Fall: „Die jungen Senioren sind die vereinsamten Betagten von morgen“, sagt sie. Vor allem die ältere Generation, die heute noch fit ist, könne jetzt die Angebote nutzen und so Kontakte knüpfen, oder gar fehlende und gewünschte Angebote mit auf die Beine stellen. „Vielleicht wollen sie dann später, wenn das Rentenalter erreicht ist, sich in dem Bereich ehrenamtlich engagieren“, sagt sie. Auch dabei möchten die Gemeindeschwestern unterstützen, um Stück für Stück die Möglichkeiten und Angebote für die Senioren auszubauen.

Nach mehr als einem halben Jahr habe Tammy Goff schon einen guten Überblick und viele Kontakte knüpfen können. Viele Angebote seien „versteckt“ oder werden im Amtsblatt an verschiedenen Stellen annonciert. Darum haben sie und ihre Kolleginnen mittlerweile viele Listen geschrieben und die Angebote nach Senioreninteressen sortiert. Auch habe sie festgestellt, dass in manchen Gemeinden viel für Senioren angeboten werde, in anderen wiederum fehle noch einiges. So gebe es in Dannstadt noch keinen Seniorenbeirat, ein Umstand, den Tammy Goff gern ändern möchte und schon erste Hebel in Bewegung gesetzt hat. Und es gebe Gemeinden, in denen sei es schwierig, an die Senioren heranzukommen, etwa in Birkenheide.

Doch die viele Öffentlichkeitsarbeit habe sich schon gelohnt: „Mittlerweile wissen viele Senioren, wie sie uns Gemeindeschwestern kontaktieren“, sagt Tammy Goff. Bis zu 15 Kontakte habe sie in der Woche, telefonisch oder persönlich. „Die Senioren können mich in jeder Lebenslage anrufen, nicht nur wenn es ihnen schlecht geht oder sie Hilfe brachen, auch wenn sie etwas in ihrer Gemeinde vermissen“, sagt sie.

Als Gemeindeschwester möchte sie Sprachrohr in alle Richtungen und auch Impulsgeber sein. Ganz allgemein versteht sie sich als Kümmerin: So sieht sie einen großen Bedarf bei der Aufklärung der Senioren in puncto Sicherheit. „Ich spreche zum Beispiel mit all meinen Senioren über die vielen Betrugsmaschen, wie den Enkeltrick, die Betrüger lassen sich immer neue Maschen einfallen“, erzählt sie. Sie habe sich diesbezüglich Rat bei der Polizei geholt.

Hilfe zur Selbsthilfe

Bei ihren persönlichen Besuchen konnte sie schon in vielen Bereichen helfen: Etwa der älteren Dame, deren Mann und Kinder verstorben waren und die heillos mit dem Papierkram überfordert war. Hier konnte sie Hilfe vermitteln und ein Betreuungsverfahren anregen. „Manchmal hängt es an kleinen Dingen oder ein Anruf genügt“, erzählt sie. In einer anderen Familie habe sich der Sohn, der noch berufstätig ist, um die Eltern gekümmert. „Mit ihnen habe ich so etwas wie einen Notfallplan besprochen, wenn mal wirklich niemand da ist, der sich um sie kümmert.“ Genau für diese Hilfe zur Selbsthilfe seien die Gemeindeschwestern da.

Und dann war da noch die Dame, die sich zunächst an keinem Angebot erfreuen konnte. Tammy Goff habe alles versucht. Dann sei sie doch zum Seniorencafé gekommen, und das nicht nur einmal. „Manche Menschen brauchen einfach einen kleinen Anschub“, sagt sie. Eine Ausrede der Seniorin sei gewesen, dass die Nachbarn sie nicht mit dem Rollator laufen sehen sollten.

„Diese Scham ist leider kein Einzelfall“, sagt die Gemeindeschwester. Auch darum habe sie zusammen mit einer Ergotherapeutin den Kurs „Fit mit und ohne Rollator“ angestoßen. Der soll einmal im Monat in Lambsheim stattfinden, der nächste ist am Mittwoch, 20. März, 10 Uhr dort im Lamundisstift. „Der erste Kurs war sehr gut besucht, etwa elf war da“, freut sich die Gemeindeschwester. Weitere Ideen hat sie auch schon im Kopf: Sie würde gern eine Nachbarschaftshilfe initiieren, dafür möchte sie gern die Verbandsgemeinde Maxdorf mit ins Boot holen. Es gebe noch viel zu tun. Gebe es Gemeindeschwestern nicht, müssten sie erfunden werden, so ihr Fazit.

Kontakt

  • Tammy Goff (Bobenheim-Roxheim, Verbandsgemeinden Lambsheim-Heßheim, Maxdorf und Dannstadt-Schauernheim): Telefon: 0621 59092022 oder 0151 25084332; E-Mail: tammy.goff@rheinpfalzkreis.de.
  • Maren Schneider (VG Rheinauen, Mutterstadt, Limburgerhof, Böhl-Iggelheim): Telefon: 0621 59092023 oder 0151 25081646; E-Mail: maren.schneider@rheinpfalzkreis.de.
  • Sabrina Rech (Schifferstadt, Verbandsgemeinde Römerberg-Dudenhofen): Telefon 0621 59092021 oder 0151 22897861; E-Mail: sabrina.rech@rheinpfalzkreis.de.
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