Rhein-Pfalz Kreis 25 Tabletten pro Tag

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Dannstadt-Schauernheim. Wie geht’s Ihnen? Eine einfache Frage, in der Regel eher aus Höflichkeit gestellt. Doch Marisa Wagner-Willand kann sie langsam nicht mehr hören. Auch wenn sie weiß, dass es die Leute gut meinen. „Mir geht’s gut“, sagt die junge Frau mit den kurzen dunkelblonden Haaren. Genauer gesagt: Zurzeit geht es ihr gut. Sie bekomme viel Cortison, erzählt sie. Dazu noch die Immunsuppresiva. Vor ungefähr acht Monaten bekam die heute 28-Jährige die Diagnose Leukämie. Im Referendariat am Haßlocher Hannah-Arendt-Gymnasium sei es damals gerade etwas stressig gewesen. Eines Tages sei sie umgefallen. Bei einer Routinekontrolle habe der Hausarzt zunächst Vitamin-B12-Mangel festgestellt. Dann sei der Leukozytenwert, die Anzahl der weißen Blutkörperchen, immer weiter gefallen. Schließlich seien im Blut Vorläuferkrebszellen festgestellt worden. „Das war ein Schock. Ich war fertig mit dem Referendariat“, erinnert sie sich. Eigentlich wollte sie am Haßlocher Gymnasium weiter unterrichten. Ende August kam der endgültige Befund und sie in die Heidelberger Uniklinik. „Und dann ging auch gleich die Chemotherapie los.“ So schnell wie möglich habe sie es „durchziehen“ wollen. „Ich wollte so schnell wie möglich wieder zu meinen Tieren.“ Doch Hund, Katzen und Pferd mussten sich erst mal gedulden. Nach Chemotherapien mit „heftigen Nebenwirkungen“, Stammzellenübertragung, einer Woche im künstlichen Koma, unzähligen Tabletten, Spritzen und hohem Fieber ist der Kontakt zu den Vierbeinern auch nur eingeschränkt möglich. Der Hund darf zwar wieder ins Haus, anfassen darf sie ihn jedoch noch nicht. Die Katzen dürfen gar nicht in die Wohnräume. Generell kann sie das Haus nur mit Mundschutz verlassen. Und wenn Marisa Wagner-Willand ihr Pferd besucht, muss sie eine spezielle Maske tragen, um sich vor Feinstaub und vor allem Schimmelsporen zu schützen. Nur noch selten werde sie darauf angesprochen, wenn sie mit einer Atemschutzmaske ins Dorf geht. Das alleine ist schon selten: „Ich gehe im Grunde gar nicht aus dem Haus.“ Einkaufen? Nur mit Mundschutz. „Hän Sie ä asteckendie Krankheit, hat eine Frau vor Kurzem gesagt“, erzählt Marisa Wagner-Willand. Sonderlich gewürdigt habe sie das nicht. Krankheit ja, aber das Hilfsmittel dient ausschließlich ihrem eigenen Schutz. „Ein Schnupfen kann derzeit noch tödlich sein für mich. Nach acht Monaten Kampf will ich das nicht versauen“, erklärt sie. Nach der Stammzellenspende hat ihr Körper kein Immunsystem. Das muss erst wieder aufgebaut werden. Und auch der Impfschutz ist nicht mehr vorhanden, wodurch die üblichen Kinderkrankheiten für sie ebenfalls lebensbedrohlich werden können. Besuche bei Freunden sind vorerst noch nicht drin. Beim Essen muss sie sich stark einschränken. Ausschließlich keimfreie Kost steht auf dem Speiseplan. Heißt: keine Nüsse, kein Salat, Gemüse nur „total ausgelutscht“, wenn Milch, dann H-Milch, Käse ausschließlich pasteurisiert. „Eine kleine Delle im Apfel ist eine Pforte für Keime oder Schimmel“, erzählt sie. Der Hintergrund: Durch ihr angeschlagenes Immunsystem wären die Sporen auf den Lebensmitteln fatal für die junge Frau. „Ich würde so gerne mal wieder einen Salat essen.“ Fast Food ist ebenfalls gestrichen. „Ich hätte schon Bock auf einen Burger“, macht sie keinen Hehl daraus, dass sie die Speisekarte gerne etwas ausdehnen würde. Auch auf Steak muss sie verzichten. „Habe ich immer gerne gegessen – medium.“ Ihr Ehemann André Wagner sagt: „Sie hält sich sehr gut dran.“ Am 20. März habe sie die kritischen ersten 100 Tage nach der Stammzellenübertragung überstanden, erzählt der 39-jährige Chirurg. Im Haushalt hat er die Aufgaben übernommen, die für seine Frau noch zu gefährlich wären: Staubsaugen, die Spülmaschine ein- und ausräumen, den Gang zum Mülleimer. „André war in jeder freien Minute an meiner Seite, hat mich unterstützt und mir Rückhalt gegeben, wo es ging. Ohne ihn hätte ich das alles niemals geschafft. Auch für meine Eltern war das eine riesige Entlastung.“ Aber auch ihre Freunde und „die Mädels aus dem Stall“ hätten immer zu ihr gestanden. Pünktlich um 7 Uhr klingelt jeden Morgen der Wecker. Dann muss die 28-Jährige die ersten von insgesamt 25 Tabletten pro Tag nehmen. „Der Tagesablauf ist komplett auf die Einnahme der Tabletten ausgerichtet. Das ist schon ein bisschen nervig“, sagt sie. So ein bisschen fällt ihr auch inzwischen die Decke auf den Kopf. „Ich habe gerade meine erste Steuererklärung gemacht“, erzählt sie und lacht. Voller Tatendrang sei sie, früher eigentlich immer an der frischen Luft gewesen. Viel Sport habe sie gemacht. Und langsam kommt die Energie wieder zurück. „Manchmal muss man sie wirklich bremsen“, sagt André Wagner und lächelt. „Ich will auch so schnell wie möglich wieder arbeiten gehen. Unheimlich gerne wieder in Haßloch“, sagt Marisa Wagner-Willand. Wenn’s gut laufe, könne das vielleicht schon zum nächsten Schuljahr klappen. Der späte Sommerferien-Termin käme ihr da zupass. „Ansonsten würde ich wohl durchdrehen“, sagt sie und lacht herzlich. Wie sehr sie die Krankheit verändert hat? „Ich weiß nicht, ich hätte gedacht, dass es mich mehr verändert“, sagt sie. Einige Dinge sehe sie gelassener, steigere sich nicht mehr so in Kleinigkeiten rein. Die Haare wachsen wieder. „Es gibt Tage, da vergesse ich, dass ich krank war. Es gibt sogar ein paar Tage am Stück, da sprechen wir nicht über die Krankheit“, sagt Marisa Wagner-Willand und schaut zu ihrem Mann André. Als geheilt gelte sie trotz allem noch nicht. Ein- bis zweimal pro Woche muss sie noch zur Kontrolle an die Heidelberger Uniklinik. „Die ersten ein bis zwei Jahre sind kritisch. Danach kann man eigentlich wieder normal leben“, erzählt die 28-Jährige. Den Status „geheilt“ gebe es erst nach fünf Jahren – ohne Rückfall.

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