Pirmasens „Wir wollen wenigstens ein Spiel gewinnen“

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Pirmasens. Pirmasens goes American Football. Wer schon lange ein Fable für die Nationalsportart aus Übersee hatte, ist bei den Pirmasens Praetorians genau richtig. Trainiert wird immer dienstags ab 20 Uhr in der Kirchberghalle und samstags ab 13 Uhr im Sportpark Husterhöhe. Obwohl die Footballer eine Abteilung des FK Pirmasens sind, ist sie finanziell unabhängig vom FKP.

„Der Mitgliederzuwachs in den letzten Monaten war enorm“, freut sich Headcoach Andreas Baur. Der 28-Jährige studierte Informatiker fungiert bei dem im vergangenen Frühjahr gegründeten Pirmasenser Football-Team als Teammanager und bestimmt die Spieltaktik der Mannschaft. Er schaut sich im Training die Spieler an und verteilt sie ihren Stärken und Schwächen entsprechend auf die Positionen Offense, Defense und die sogenannten Special-Teams, die nur in bestimmten Spielsituationen antreten. Dort werden sie dann von Spezialisten ausgebildet. Baur hatte sich sein fundiertes Football-Wissen in den letzten 15 Jahren durch die Lektüre von Fachliteratur und das regelmäßige Verfolgen von NFL-Spielen selbst angeeignet. „Wir sind in kürzester Zeit zu einer echten Familie zusammengewachsen, Streitigkeiten blieben bislang völlig aus“, beschreibt Matthias Schaufler, zunächst Coach, inzwischen Abteilungsleiter und zuständig für das Management sowie die Koordination der Trainingszeiten, den starken Teamgeist der Praetorians. Besonders stolz ist der 26-jährige BWL-Absolvent auf die Disziplin auch bei ungeliebten Trainingseinheiten. Hier sieht sich Defensive-Coordinator Kim Müller in der Verantwortung: „Ein gesundes Maß an Strenge ist wichtig, es darf aber nicht unter die Gürtellinie gehen.“ Müller weiß, wovon er spricht: Gerade 30 Jahre geworden, hat er bereits sechs Jahre Zweitliga-Erfahrung bei den Fighting Farmers aus Montabaur vorzuweisen. Der Taktiktüftler, gemeinsam mit Baur und Offensive-Coordinator Charles Barlow verantwortlich für die Koordination vorgefertigter Spielzüge, beschreibt American Football als „extrem strategische Intervallsportart“. Es gebe explosive Momente, in diesen sei bei allen Spielern jeder einzelne Muskel angespannt. Schnelligkeit, Beweglichkeit und Kraft seien die wichtigsten Spielerattribute. Offensivspezialist Andreas Baur spricht auch gerne von „Schach für Erwachsene auf dem Rasen“. Und sieht Football als absoluten Mannschaftssport: „Individuelle Fehler schaden direkt dem gesamten Team, wir müssen uns 100-prozentig auf unsere Mitspieler verlassen können.“ Schon beim ersten Blick auf die knapp 40 Trainingsteilnehmer fällt auf, wie heterogen der Kader bezüglich der Körpertypen aufgestellt ist. Dazu Schaufler: „Das Tolle am Football ist, dass wirklich jeder, ob dick oder dünn, groß oder klein, mitspielen kann.“ Kim Müller ergänzt: „Es gibt in unserer Sportart keinen falschen Körper, nur die falsche Position für einen bestimmten Körper.“ Auch die Altersstruktur strotzt vor Unterschiedlichkeit. Zwischen dem mit 14 Jahren jüngsten Spieler und Athletiktrainer Mike Mangold liegen ganze 42 Jahre. Die meisten Spieler kommen bislang aus Pirmasens und der näheren Umgebung. Einige davon sind Studenten, manche haben ihr Studium bereits abgeschlossen, wiederum andere sind einfache Angestellte. Ab März oder April starten die Praetorians in ihre erste Saison in der Verbandsliga. Die Heimspiele dürfen im Stadion in der Spesbach ausgetragen werden, das hat die Stadt mittlerweile bestätigt. Darauf hatten die Verantwortlichen gepocht, da auf dem Rasen weniger Brand- und Schürfwunden zu befürchten seien als auf dem Kunstrasen des Sportparks Husterhöhe. Das Verletzungsrisiko sei übrigens nicht höher als beim deutschen Nationalsport Nummer eins: „Es treten nicht mehr Verletzungen als beim Fußball auf, diese können aber schlimmer ausfallen und sie verteilen sich über den ganzen Körper“, verdeutlicht Kim Müller. Andererseits härte der Sport aber auch unheimlich ab. Außerdem, so Müller weiter, habe man einen Ausrüster, der für hohe Qualität und somit optimalen Schutz stehe. Das gesamte benötigte Equipment-Paket erhalten angemeldete Mitglieder vergünstigt für etwa 400 bis 450 Euro. Zu Beginn – mehrere Probetrainings sind ohne Probleme möglich – reiche aber einfache Sportkleidung. „Wir wollen nicht der Boxsack sein und wenigstens ein Spiel gewinnen“, erklärt Kim Müller das angestrebte Saisonziel. Schließlich bestehe der größte Teil des Teams aus Football-Anfängern, die zunächst einmal die theoretischen und praktischen Grundlagen vermittelt bekommen mussten. Neue Gesichter sind übrigens jederzeit willkommen: „Ob als Spieler oder einfach nur als interessierter Zuschauer, wir freuen uns über jede Art von Unterstützung“, stellt Baur klar. Man sei auch immer noch auf der Suche nach weiteren Sponsoren. Eine Facebook-Seite existiert bereits unter dem Suchbegriff „Pirmasens Praetorians“. Doch wie kam es eigentlich zu dem engagierten Projekt? „Ich sprach im Frühjahr mit Kim, weil ich es eine tolle Idee fand, in unserer stark von den Amerikanern geprägten Stadt ein American Football-Team zu haben. Dann kam Matthias dazu“, erinnert sich Baur. Alle drei seien sofort Feuer und Flamme gewesen. Zunächst wurden Möglichkeiten abgewogen und weitere Spieler gesucht. Am 20. Juni trainierten erstmals elf Leute auf dem Gelände vom Eisweiher. Dann begann die Suche nach Namen und Farben für das Team. Nach ausführlichen Überlegungen entschloss man sich, in Anlehnung an die Garde-Truppe der römischen Kaiser und die Tatsache, dass sowohl Rom als auch Pirmasens auf sieben Hügeln erbaut wurden, für den Namen „Pirmasens Praetorians“. Sowohl beim Trikot als auch beim Helm einigte man sich auf die Farben navy-blue und rot. Aktuell ist das Verfahren für die endgültige Spiellizenz im Gange. Auf das bisher Erreichte kann das Trainerteam schon jetzt stolz sein. Auch außerhalb des Platzes wurden bereits Freundschaften geknüpft. Zur Stärkung des Teamgeists und einfach aus Leidenschaft für den Sport treffen sich die Spieler jeden Sonntag zum gemeinsamen Schauen eines NFL-Spiels in der Sportlerklause Husterhöhe.

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