Pirmasens RHEINPFALZ Plus Artikel Tanzlehrertipp: Deshalb sollten Männer führen

Seit drei Generationen wird in der Pirmasenser Tanzschule Günauer das Tanzbein geschwungen. Für Tanzlehrer Dieter Günauer bedeut
Seit drei Generationen wird in der Pirmasenser Tanzschule Günauer das Tanzbein geschwungen. Für Tanzlehrer Dieter Günauer bedeutet das Freude, Lebenslust und ein schönes Miteinander.

Seit 1982 wird in der ganzen Welt der Tag des Tanzes gefeiert, in diesem Jahr am 29. April. Mit gutem Grund, findet Tanzlehrer Dieter Günauer. Tanzen sei nicht nur pure Lebenslust, sondern kann auch mal als Tauschware gegen Kartoffeln eingesetzt werden, wie seine Familie nach dem Krieg erfahren konnte.

Das Tanzen ist für Dieter Günauer, Inhaber der gleichnamigen Tanzschule in der Pirmasenser Kaiserstraße, nicht nur eine angenehme Ablenkung vom Alltag, sondern pure Lebenslust, Ausdruck von Freude, einfach ein schönes Miteinander mit vielen Komponenten: von der Fitnesskomponente bis hin zum Gehirnjogging. Immer wenn die Laternen vor dem Eingang seiner Tanzschule leuchten, wird drinnen getanzt: Standardtänze, aber oft auch Tango Argentino, Disco-Fox oder Rock’n’Roll. Das mit der Laterne sei Tradition, wie so vieles in der Tanzschule. Nur die Motivation zum Tanzen habe sich im Laufe der Zeit grundlegend verändert.

Jahrzehntelang gehörte es für fast alle Schüler dazu, wenigstens Grundschritte auf dem Parkett zu beherrschen und die Regeln für ein angenehmes Miteinander wurden parallel dazu gleich mitgeliefert: der Dame die Tür aufhalten, ihren Stuhl zurechtrücken und sie angemessen begrüßen. Dabei sei es nicht um steife Etikette gegangen, sondern eher darum, dem Gegenüber positiv aufzufallen, erzählt der heute 60-Jährige. Kein Wunder also, dass der Tanz im Jahr 1982 auf Anregung des Internationalen Komitee des Tanzes des Internationalen Theaterinstitutes (ITI) als universelle Sprache in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes aufgenommen wurde. Weltweit wird der Welttanztag am 29. April gefeiert, dem Geburtstag des französischen Tänzers und Choreographen Jean-Georges Noverre (1727–1810), dem Gründer des modernen Balletts.

Vorbereitung auf die Kreuzfahrtbälle an Bord

Heute sei die Motivation zum Tanzen allerdings eine ganz andere als früher. Viele würden sich wegen einer Schiffsreise zu einem Tanzkurs entscheiden, weil es an Bord so tolle Bälle gebe und sie nicht außen vor sein wollen, erzählt der Tanzlehrer. Andere würden sich mit Disco-Fox, Salsa oder Mambo zum Après-Ski wappnen, oder sie bereiten sich auf die anstehende Hochzeit vor. „So viele Brautpaare wie im letzten Jahr habe ich noch nie gehabt“, erzählt Günauer. Bis zu einem Jahr vor der Hochzeit würden die Brautpaare einen Kurs beginnen, um nicht in Zeitnot zu geraten. Dabei würden die meisten nicht einfach nur einen Walzer üben wollen, sondern hätten ganz individuelle Wünsche an Choreographien, Drehungen und Hebefiguren – oft von Walt-Disney-Filmen inspiriert.

Auch die Schlager-Sendungen im Fernsehen mit ihrem Ballett würden ihren Teil dazu beitragen, dass so viele Lust am Tanzen bekommen. Das sei eine Maschinerie für sich, da ist sich Günauer sicher. Inzwischen seien Tanzkurse bunt gemischt und generationsübergreifend geworden. Da könne es schon passieren, dass Paare von Mitte 20 bis in die 70er gemeinsam übers Tanzparkett schweben: Standard und Lateinamerikanische Tänze werden getanzt, aber auch Line Dance wollen die Teilnehmer erlernen. Den Wünschen der Tänzer stehe er stets offen gegenüber, versichert Günauer.

Geführte Damen haben es einfacher

Was er bis heute nicht wirklich verstehen kann ist das Phänomen, warum viele Frauen ihre Männer führen wollen. Das sei nicht erst seit der Genderdebatte der Fall, schmunzelt der Tanzlehrer, der selbst mit sechs Jahren den ersten Tanz mit seiner kleinen Schwester aufs Parkett gelegt hat. Dabei hätten es die Damen viel einfacher, wenn sie sich auf dem Parkett gehenlassen würden und ihrem Tanzpartner vertrauen. „Der ist meist größer und kräftiger als die Dame und sieht viel besser, wann er anderen Paaren ausweichen muss und es Sinn macht, die Tanzfigur zu wechseln“, sinniert der Tanzlehrer.

Sein erster Tanz sei der Kasatschok im Zweiviertel-Takt gewesen, der Tanz der Kosaken, für den seine Mutter ihren Kindern eigens ein schwarz-weißes Kostüm mit roter Kordel genäht habe, wie er sich gern erinnert. Als Kind habe es ihm riesigen Spaß gemacht, mit vor der Brust gekreuzten Armen und Wechselsprüngen zwischen gestreckten und angewinkelten Beinen aus der Hocke zu tanzen, die graue Fellmütze fest auf dem Kopf.

Tanzschule seit 1900 nachgewiesen

Seit 40 Jahren ist er inzwischen Tanzlehrer im Familienbetrieb, im Jahr 1997 übernahm er die Leitung. Unternehmensgründer sei sein Großvater Valentin Günauer gewesen, der bis 1928 die Tanzschule führte, die sich seit 1900 in Dokumenten nachweisen lässt. Allerdings nicht wie heute in dem denkmalgeschützten Haus in der Kaiserstraße, sondern in der Holzstraße, die heute Neufferstraße heißt. Nach Valentin übernahm Julius Günauer die Tanzschule – bis zum Kriegsausbruch, in dem er als Soldat schließlich 1945 als Kriegsgefangener nach Kalifornien kam. Als die Offiziere bemerkten, dass er Instrumente spielen konnte, musste er nicht mehr auf der Baumwollplantage arbeiten, steht in einem Nachschlagewerk geschrieben. Man habe ihm erlaubt, mit einer Band Musik zu machen. Mit Tanz und Musik als Tauschware hielt sich auch sein Vater nach dem Krieg über Wasser, denn der Tanzlehrer bekam Kartoffeln, Wein und Briketts, wenn der den Leuten Tanzschritte beigebrachte, erzählt Günauer. So wertvoll sei der Tanz gewesen.

Mehr zum Thema
x