Pirmasens Sportparkhotel trifft auf Exhibitionistin
Einen spannenden Rundgang durch Pirmasenser Projekte, die nie realisiert wurden, bietet die Ausstellung „Baukultur von der Rolle“ in der früheren Parkschenke und dem Parkkino, die gestern Abend eröffnet wurde. Bis Sonntag zeigt ein gutes Dutzend hiesige Architekten ein Pirmasens, das aus vielen Gründen nur eine Planskizze blieb – teilweise zum Glück. Ergänzt wird die Baukultur durch eine Ausstellung von 23 Künstlern und ein Kinoprogramm. Der Film „Dolores“ wird heute Abend in Anwesenheit von Regisseur Michael Rösel gezeigt.
Wie Kunst Räume verändern kann, können die Besucher in der unteren Parkschenke sehen. Die Räume der Gaststätte waren durch jahrelangen Leerstand und eine abgebrochene Sanierung in keinem ansehnlichen Zustand, bevor die Pirmasenser Architektin und Organisatorin des Baukultur-Ereignisses, Aviva Klingel, mit ihren Mitstreitern Hand anlegte. In kurzer Zeit verwandelten die Künstler und Architekten den Leerstand in eine Kunsthalle. Großformatige Gemälde des Hinterweidenthalers Peter Padubrin-Thomys empfangen den Besucher im früheren Wintergarten, vorbei geht es an Fusselobjekten von Veronika Olma aus Enkenbach-Alsenborn über die Treppe zum Schankraum. Dort stehen Modelle und Planskizzen, die zeigen, wie Pirmasens aussehen könnte, wenn die Planer das nötige Geld und die Genehmigungen bekommen hätten. Ein Sportparkhotel an der Virginia Avenue plante Hans-Peter Arnold. Zwei der früheren Kasernenblocks, die inzwischen abgerissen wurden, sollten durch einen Bau in der Mitte verbunden und zu einem Hotel umgestaltet werden. Ein Shoe-Factory-Outlet hätte es auf der Husterhöhe geben können, direkt an der B10. Überhaupt scheint das frühere Kasernenareal auf der Husterhöhe die Planer beflügelt zu haben. Ein „Grissly-Grillrestaurant“ zwischen Netto-Markt und Wasgau hatte der Pirmasenser Architekt Matthias Jung geplant. Ein Angebot, das sicher angenommen worden wäre. Auch die Aufreger der Pirmasenser Stadtplanung finden sich unter den Projekten. Das Ärztehaus „Sensanum“ beispielsweise, das eine Gruppe Ärzte auf der Husterhöhe errichten wollte. Inzwischen wurde dieser Plan mit dem Medicenter in der früheren Messehalle verwirklicht, wenngleich der Entwurf für den Neubau auf der Husterhöhe, wie auf den Plänen zu erkennen ist, optisch deutlich ansprechender war. Die Ausstellung zeigt auch ältere Entwürfe. 1976 sollte in Pirmasens ein Verwaltungshochhaus mit neun Stockwerken entstehen: Über dem Parkhaus und dem Busbahnhof in der Schäferstraße sollte sich ein terrassenförmig aufgeschichtetes Verwaltungsgebäude in die Lüfte erheben. Großstadtflair wäre da mit dem riesigen Gebäude in die Stadt gekommen. Gebaut wurde letztlich das Einkaufszentrum am Alten Markt mit Parkhaus und Busbahnhof. Alles eine Nummer kleiner, aber für die geschrumpfte Stadt wohl die bessere Lösung. Es gruselt den Betrachter, wenn er die Planungen einstiger Verkehrsexperten studiert. Das Postdreieck sollte einer mehrspurigen Straße mit Fußgängerbrücken weichen, auf denen sich die heute nur noch spärlich fahrenden Autos sicher sehr einsam vorgekommen wären. Oder der Plan von 1967, der allen Ernstes den Abriss des heutigen Carolinensaals vorgesehen hatte, um eine vierspurige Autotrasse durch den Alten Friedhof auf die Ottostraße zu führen. Die Kunstausstellung, die sich um die Architekturpläne und Modelle rankt, hat als Oberthema den Dadaismus, was in diesem Dada-Jubiläumsjahr einfach sein muss. Am besten passen zum Motto die großformatigen Bilder von Padubrin-Thomys, der in energiegeladenen Kompositionen mit expressivem Gestus eine „Exhibitionistische Königin“ auf die Leinwand brachte und in einer Radierung – extra für die Ausstellung geschaffen – den Tod der Kunst verkündet, wie es dereinst die Dadaisten im Cabaret Voltaire Hugo Balls taten. In bester Fluxus-Manier zeigt die Kaiserslauterer Künstlerin Christine Herzer ein Objekt, das aus Keksen und Schokolade geschaffen wurde und im Interesse des Betrachters wirklich nicht berührt werden sollte: Es klebt kolossal. Die Ausstellung ermöglicht Einblicke in die aktuelle Arbeit von Pirmasenser Künstlern wie Kurt Gaubatz, der immer gerne experimentiert und nun Felsenmalereien der besonderen Art auf Sandsteinbrocken gefertigt hat. Sein Kollege Matthias Strugalla ist zeichnerisch auf den Hund gekommen, während Roman Michalowski sich mit Orwellschen Visionen der totalen Überwachung auseinandergesetzt und Dutzende großer Augen mit bedrohlichem Blick auf Kugeln gemalt hat. Perfekt zum Thema passen auch die Collagen von Monika Wurmdobler, die wohl schon immer im Geiste der großen Dadaisten tätig war. Ein älteres Bild zeigt den „Pyrenäendrachen und den Morgenmantelmann“ in einer genialen Collage mit Packpapier und Malerei. Außerdem gibt es eine Serie speziell zum Cabaret Voltaire zu sehen, die das legendäre Züricher Dadanest als Kasperletheater zeigt. Die Vielzahl der 23 Künstler hat die Organisatoren zu Kompromissen gezwungen, wodurch beispielsweise starke Arbeiten wie die mit feinen Farbnuancen gefertigte Papierassemblage der Rodalberin Gudrun Klein ungerechtfertigt in eine unvorteilhafte Ecke gequetscht wurden und auch das poetische Bildquartett „Angsthase“ der Landauer Künstlerin Sylvie Anyim in einer Sackgasse platziert werden musste. Hier wäre weniger mehr gewesen. Baukultur von der Rolle Heute ist die Ausstellung ab 13 Uhr geöffnet. Der Kinofilm „Dolores“ läuft ab 19 Uhr. Morgen ist von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt, auch zum Film, ist frei.