Pirmasens
Solor bleibt auch in Krisenzeiten stabil
Kurzzeitig, räumt Matthias Birke ein, habe er schon mal Bauchweh gehabt – wegen der großen Unbekannten, die voriges Jahr mit der Pandemie in alle Lebensbereiche einzog. Doch da war ihr Projekt schon weit fortgeschritten. Aber letztendlich hatten sie es gut durchdacht. Sie wären diesen Schritt gar nicht erst gegangen, wenn sie sich nicht sicher gewesen wären, verdeutlichen Matthias Birke und seine Mutter Edith Birke, die gemeinsam das Unternehmen führen.
Dieser Schritt hat immerhin unterm Strich etwa 5,5 Millionen Euro gekostet: der Neubau auf der Husterhöhe, in den der Betrieb vor wenigen Wochen aus der Kreuzgasse umgezogen ist. Dort wurden vor allem die Schäfte für orthopädische Schuhe hergestellt, mit denen Solor Orthopädie-Schuhmacher in ganz Europa beliefert. Vervollständigt wird dieses Angebot durch Komponenten, so dass ein Kunde alles aus einer Hand erhalten kann. Daneben werden beim Schwesterunternehmen Birke Schuhhaus & Orthopädie GmbH mit Werkstatt und „Versuchslabor“ auch orthopädische Produkte komplett hergestellt – manchmal steht Geschäftsführer Matthias Birke selbst noch an der Maschine, wenn es die Zeit zulässt. Der Orthopädie-Schuhmacher-Meister führt den Familienbetrieb in dritter Generation.
Vorteil für Arbeitsprozesse
Für den Umzug hatten viele Argumente gesprochen. Einmal die zuletzt sehr eng gewordenen Arbeitsbereiche, die sich nun auf über 3200 Quadratmeter Grundfläche ausdehnen können und dort noch Platz für künftige Investitionen lassen. Ein großer Vorteil für Matthias Birke liegt darin, dass nun Arbeitsabläufe besser ineinandergreifen und auch Bereiche wie Lager oder Werkstatt direkt beim Produktionsbetrieb angesiedelt werden konnten – ein Pluspunkt in puncto Effizienz. Ein weiterer Vorteil des Standortes liegt freilich auch in der neuen Nachbarschaft: Direkt gegenüber befindet sich der Campus Pirmasens der Hochschule Kaiserslautern, wo im Sommer offiziell der neue Bachelor-Studiengang Orthopädietechnik startete, coronabedingt allerdings noch verhalten. Auch das Prüf- und Forschungsinstitut PFI, mit dem Birkes zusammenarbeiten, ist nah.
Dass der Umzug im Januar in eine ohnehin ruhige Geschäftszeit fiel, war geplant. Nicht aber, dass die Pandemie so lange anhalten würde. „Wir merken das auch“, sagt Matthias Birke, „es geht nicht spurlos an uns vorbei“. Gerade ihre älteren Endkunden mit Problemfüßen seien derzeit weniger mobil, was dann auch manche Entscheidung für einen neuen Schuh verschiebe. Der Bedarf sei jedoch da, denn gebraucht werde der Schuh dann doch – anders als bei einem modischen Saison-Schuh, dessen Anschaffung dann eher ganz gestrichen werde. Und anders als Modewaren dürfen die maßgeschneiderten Orthopädieprodukte derzeit auch verkauft werden, sofern sie auf ärztliche Verordnung gefertigt wurden.
Eine stabile Branche
Ihre Branche sei schon stabil, stellt Matthias Birke fest. Das trifft auch auf die Unternehmen Solor und Birke zu: Der Jahresumsatz mit maßgefertigten Produkten und Komponenten liegt stabil bei rund sechs Millionen Euro, die Mitarbeiterzahl bei rund 100.
Zur Stabilität trägt nicht zuletzt bei, dass Orthopädieartikel über andere Kostenträger finanziert werden, nämlich über Krankenkassen und Berufsgenossenschaften. Allerdings mag Matthias Birke sich deswegen nicht zurücklehnen. Im Gegenteil. Denn die Kosten zur Bewältigung der Pandemie müssten schließlich auch bezahlt werden, stellt er fest. Etwa für die Impfungen. Und bei anderen Dingen werde dafür der Rotstift angesetzt, befürchtet er – womöglich auch bei der Finanzierung orthopädischer Produkte.
Welche Spuren hinterlässt die Pandemie?
Damit könnten auf Versicherte höhere Eigenkosten zukommen, wenn sie sich für ein höherwertiges Material oder Produkt entschieden. Verschiedene Preiskategorien gebe es schon jetzt, aber die Nachfrage nach günstigeren Produkten könne dann steigen, meint er. Was dann folgen dürfte, möchte er eigentlich nicht erleben: ein zunehmender Kostendruck, der Hersteller bei Material oder Fertigung zu billigeren Möglichkeiten greifen lässt, der eine Abhängigkeit von ausländischen Zulieferern und Produktionsstätten schaffen oder verstärken würde. Da sehe er nun aber generell die Politik in der Pflicht, betont er – damit auch die Wertschöpfungskette hier gewahrt werden könne.
Bisher ist das für Birkes nur ein denkbar schlechtes Szenario. Denn sie produzieren ausschließlich in Pirmasens. Dort kommen auch viele Materialien her. Aus Asien kommt nichts. Und dabei soll es für sie auch bleiben.