Pirmasens RHEINPFALZ Plus Artikel Nach dem Zweiten Weltkrieg: So lief der Wiederaufbau in Pirmasens

Auch vom Alten Rathaus am Unteren Schloßplatz blieben nach dem Bombenangriff vom 15. März 1945 nur die Grundmauern stehen.
Auch vom Alten Rathaus am Unteren Schloßplatz blieben nach dem Bombenangriff vom 15. März 1945 nur die Grundmauern stehen.

Gerade mal ein Jahrzehnt brauchte es vom Kriegsende 1945 bis zur Zeit des „Wirtschaftswunders“. Wie schaffte es Pirmasens in die letzte große Blütezeit der Schuhindustrie?

Nach der Zerstörung von zwei Dritteln der Stadt war nicht ausgemacht, dass Pirmasens 1955 mehr Wohnungen und mehr Einwohner haben sollte als vor 1939. Das 1944/45 fast völlig ausradierte Zentrum war nach zehn Jahren schon wieder lebendiger Mittelpunkt der Stadt. An Kriegsruinen wartete nur noch das Alte Rathaus auf den Wiederaufbau. Die vorher schwer ausgebrannten Ruinen der Matzenberg- und der Höheren Töchterschule (heute die Landgraf-Ludwig-Realschule plus) hatte man Anfang der 1950er unter Verwendung der alten Mauern wiederhergestellt. Bei der Oberrealschule (heute das Leibniz-Gymnasium) entschied man sich angesichts schwerer struktureller Schäden und begrenzter Mittel gegen einen Wiederaufbau. Um 1950 wurden die immer noch imposanten Ruinen niedergelegt und bis 1955 ein moderner Neubau fertiggestellt.

Politik und Wirtschaft waren nach kurzer Zeit routiniert am Laufen, als hätte es die Diktatur nie gegeben. In der Politik halfen unbelastete Führungskräfte beim Neuanfang. Der erste Nachkriegs-Oberbürgermeister Jakob Schunk hatte sich als Sozialdemokrat während der NS-Zeit nicht politisch betätigen dürfen. Sein Parteigenosse Adolf Ludwig war vor politischer Verfolgung nach Frankreich geflohen. Nach seiner Rückkehr aus dem Exil wurde er erneut Führungsfigur der Arbeiter und baute die Gewerkschaften neu auf. Der erste Landrat Herbert Schohl war jüdischen Glaubens und hatte mehrere Familienmitglieder im Holocaust verloren. Er selbst war der Verfolgung nur entgangen durch seine „privilegierte Mischehe“ mit einer Protestantin und seinem Status als Kriegsveteran des Ersten Weltkriegs.

Entlastung durch „Persilschein“

Gleichzeitig gab es in Unternehmen und Verwaltungsapparat viel personelle Kontinuität zu vor 1945. Viele Leute hatten Fachkenntnisse, die für jedes politische System unverzichtbar waren. Auch sollte die Entnazifizierung nach dem Krieg vor allem die Hauptträger und -verbrecher der NS-Herrschaft identifizieren und bestrafen. Als erste Aktion zur Wiedergutmachung verpflichteten die Besatzungsmächte einst führende Nationalsozialisten zu Arbeitseinsätzen, beispielsweise ehemalige SS-Leute zum Räumen von Minen. Ab 1946 waren zivile deutsche Behörden für die Entnazifizierung verantwortlich. Spruchkammern bei der Bezirksregierung in Neustadt entschieden, wer als entlastet galt oder in vier Kategorien von Hauptschuldiger bis Mitläufer eingeteilt wurde. Jeder Erwachsene hatte ein Entnazifizierungsformular auszufüllen. Um besser eingestuft zu werden, ließen sich viele Belastete entlastende Aussagen durch Dritte ausstellen, wofür sich der Ausdruck „Persilschein“ einbürgerte. Die meisten vormaligen Mitglieder von NS-Organisationen wurden als Mitläufer eingestuft und mussten nur geringe Geldstrafen zahlen.

Der Wille zur energischen Strafverfolgung schwand schnell, auch da man alle verfügbaren Hände für den Wiederaufbau benötigte. Der wirtschaftliche Wiederaufstieg verlief nicht geradlinig. Die zwangswirtschaftliche Organisation der französischen Besatzungszone bis 1948 brachte die Pirmasenser Schuhindustrie vorerst in Nachteil zur Konkurrenz im Rest Westdeutschlands. Die französische Besatzungsmacht beschränkte etwa die Anzahl an Schuhfabriken, die produzieren durften. Doch Gustav Rheinberger als Sprecher der Schuhfabrikanten hatte einen guten Draht zum französischen Stadtkommandanten Louis Kleinmann, der in Rheinbergers eigener Villa in der Schachenstraße residierte. Mit einer Mischung aus Beziehungspflege und harten Verhandlungen gelang es Rheinberger, die Auflagen zu reduzieren. Im Nachhinein brachte die Konzentration auf weniger und dafür größere Betriebe der Pirmasenser Schuhindustrie mehr Konkurrenzfähigkeit. In den kommenden Jahren gab es immer wieder Phasen der Kurzarbeit, bevor Ende der 1950er dauerhafte Vollbeschäftigung einsetzte. Einen großen Anteil an der positiven Entwicklung hatten die von Verkehrsdirektor Ludwig Kieffer („Kieffer-Lui“) erdachten Messen, die bald ein richtiges Messegelände in der Dankelsbach und den Hans-Sachs-Hof als Messehotel erforderten.

Kultur lebt wieder auf

Ein Wiederaufleben der Kultur war nach 1945 ebenfalls möglich. Schon 1946 gründeten Kulturreferent Wolfgang Semler und der erste Leiter Theo Klan die Volkshochschule. Erste Konzerte fanden im Walhalla statt, das als einziges von einst drei Kinos den Krieg überlebt hatte. Provisorisch richtete man die alte Turnhalle des TVP für Kulturveranstaltungen her. Der Wunsch nach einem größeren, zeitgemäßen Veranstaltungshaus führte 1952 zum Bau der Festhalle am Volksgarten. Aufstieg und Blütezeit von Pirmasens sollten noch gut 15 Jahre andauern. Es wurde fleißig weitergebaut. Im Geiste des Fortschritts und des Nicht-Zurückblickens wurden zunehmend auch alte Gebäude ersetzt, die den Krieg überstanden hatten. Der „Abrisskönig“ Bossert sollte viel zu tun bekommen. In der Folge entstand das Pirmasens, wie wir es bis heute kennen.

Zum Autor

Alexander Nicolay wohnt in Lemberg. Er ist Psychologe in Neustadt und in Pirmasens unter anderem als Schauspieler beim Armen Kreativen Theater, kurz AKT, bekannt. Er verfasst in seiner Freizeit unter anderem Kurzbiografien zu historischen Persönlichkeiten bei Wikipedia, vor allem zu Personen mit Bezug zu Pirmasens.

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