Fragen und Antworten RHEINPFALZ Plus Artikel Gesundheitsamt: Ein Weihnachtsmarkt ohne G-Regeln geht nicht

Der Pirmasenser Weihnachtsmarkt im Jahr 2017 – vor Corona.
Der Pirmasenser Weihnachtsmarkt im Jahr 2017 – vor Corona.

Die Anzahl der Corona-Infizierten ist bundesweit sehr stark angestiegen. Im Bereich des Gesundheitsamtes Südwestpfalz ist das Niveau des Vorjahres noch nicht ganz erreicht. Trotzdem hat die Behörde die Kontaktnachverfolgung eingestellt.

Warum hat das Gesundheitsamt die Kontaktnachverfolgung eingestellt?
Das Gesundheitsamt verfügt über weniger Personal, muss aber mehr Kontakte nachverfolgen. „Wir hatten letztes Jahr 70 Mitarbeiter, jetzt noch 40. Wir hatten damals von überall Leute herbekommen, die wegen des Lockdowns ja mit ihren eigentlichen Tätigkeiten ausgesetzt haben“, sagt Heinz-Ulrich Koch, der Leiter des Gesundheitsamtes der Kreisverwaltung. Diese Leute stehen nicht mehr zur Verfügung. „Vor einem Jahr hatte ein Indexfall fünf Kontakte, die wir anrufen mussten. Heute sind es zehn bis 15, das schaffen wir bei 50 Fällen pro Tag und weniger Personal nicht mehr.“

Was unterscheidet die jetzige Situation von der im November 2020?
Im November 2020 wurde in Deutschland ein Teil-Lockdown verhängt, unter anderem schloss die Gastronomie. Damals war die Alpha-Variante des Coronavirus die vorherrschende Variante. Seit dem Sommer dominiert die Delta-Variante. Von ihr geht eine viel höhere Ansteckungsgefahr aus. Es gibt aber keine Kontaktbeschränkungen mehr. „Wenn sich ein Erreger ändert, kann er die Schutzstrategie unterwandern. Man sollte aber nicht in Panik verfallen, weil wir etwas dagegen im Köcher haben: die Impfung“, sagt Koch. Corona-Opfer sind überwiegend Ungeimpfte. „Wir werden die Überlastung des Gesundheitssystems noch vor Weihnachten erleben“, beschreibt er die Folgen weiterer Untätigkeit. Es sollte das Ziel aller Maßnahmen sein, die Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden.

Was steht uns noch bevor?
Sollten in der kommenden Woche Kontaktbeschränkungen beschlossen werden, dann würde es etwa 14 Tage dauern, bis sich diese Maßnahmen auswirken. „ Die Zahlen steigen so lange, bis der Erreger alle erreicht hat, die er erreichen kann. Wir müssen uns die Chancen anschauen, die der Erreger hat, um neue Opfer zu erreichen“, sagt Koch, der sich für Kontaktbeschränkungen ausspricht. „Leute, überlegt euch, wie viele Kontakte ihr braucht. Wo es möglich ist, Maske tragen, vermeidbare Kontakte vermeiden, lieber nicht zu großen Gruppen gehen“, rät Koch.

Wenn das Impfen der einzige Weg ist, um die Pandemie zu beenden, warum öffnen dann die Impfzentren nicht wieder?
Die Wiedereröffnung ist eine politische Entscheidung, bei der es darum geht, wer die Kosten trägt. Unter dem Eindruck der steigenden Infektionszahlen hat es zuletzt wieder mehr Erstimpfungen gegeben. Der Andrang an den Impfbussen ist groß. Politiker in der Region fordern die Wiedereröffnung der Impfzentren in Pirmasens und Zweibrücken. „Wenn man in einer laufenden Pandemie die Impfzentren schließt, dann muss man ein alternatives Versorgungssystem geprüft haben. Ich kann doch in einer Region, in der wir eh nur die Hälfte der medizinischen Versorgung haben und in der wir aufgrund der Altersstruktur eine kränkere Bevölkerung haben, nicht die Impfzentren zumachen“, kritisiert Koch. Die niedergelassenen Ärzte, die jetzt eingespannt sind, haben doch auch noch andere Patienten, diese Leute müssen doch auch versorgt werden. Wer hat denn in den Impfzentren gearbeitet? Das waren überwiegend Ärzte, die im Ruhestand sind oder die noch Zeit hatten“, sagt er.

Für die unter Zwölfjährigen gibt es keine Impfung. Wie ist deren Situation in der vierten Welle?
Während Kinder bei der Alpha-Variante nur eine untergeordnete Rolle spielten, hat sich das bei der Delta-Variante verändert. „Wir haben bei den unter Zwölfjährigen 125 Datensätze. 76 positiv auf Corona Getestete sind Schüler, 49 sind sogar noch jünger, sind im Kindergarten oder noch zu Hause“, berichtet Koch mit Blick auf die Daten des Gesundheitsamtes von Freitag. „Allerdings sind die Verläufe, falls überhaupt Symptome auftreten, sehr mild. Diese Altersgruppe belastet unser Gesundheitssystem nicht“, ergänzt er. Koch vermutet, dass viele Infektionen bei Kindern unentdeckt bleiben, weil sie symptomlos sind. „Der Unterschied zur Alpha-Variante ist aber, dass Kinder die Delta-Variante auch verbreiten. Sie bringen sie mit nach Hause, stecken dann ihre Liebsten an. Das ist der Weg, wie es häufig läuft“, beschreibt er die Gefahr.

Drohen bei weiter steigenden Zahlen Kindergartenschließungen und Home-Schooling?
Das Ziel aller Bildungspolitiker ist es, Schließungen zu vermeiden. Eine gemeinsame Strategie gibt es aber nicht. „Kinder haben viel gelitten. Sie brauchen die Schule. Kein Mensch will einen erneuten Schullockdown. Ich halte ein konsequentes Maskentragen im Unterricht für notwendig und zwei Tests für günstiger als einen“, sagt Koch. Seit der vergangenen Woche werden Schüler nur noch einmal die Woche auf Corona getestet.

Viele Menschen sind verunsichert, weil sich auch vollständig Geimpfte mit dem Coronavirus infizieren und an den Folgen von Covid-19 sterben.
Die Corona-Schutzimpfung bewahrt nicht vor einer Ansteckung, auch Geimpfte können das Virus weitergeben. „Die, die geimpft sind, sind aber deutlich besser geschützt. Nicht unbedingt davor, zwei oder drei Tage krank zu werden. Aber davor, auf der Intensivstation zu landen“, betont der Gesundheitsamtsleiter. 80 Prozent der Geimpften würden vor einem schweren Verlauf der Covid-19-Erkrankung geschützt, so Koch.

Auf der einen Seite steigen die Corona-Fälle, auf der anderen Seite wird Fastnacht gefeiert, Weihnachtsmärkte sollen ohne Beschränkungen stattfinden. Wie passt das zusammen?
Koch ist der Meinung, dass das überhaupt nicht zusammenpasst. „Die Fastnacht gefällt mir nicht so gut, ohne 2G (nur Geimpfte und Genesene) schon gar nicht“, sagt er. „Es ist auch nicht okay, dass man etwa in Zweibrücken den Weihnachtsmarkt ohne G-Regeln plant. Ich kann damit leben, wenn das eine 2G-Veranstaltung ist.“ Koch verweist darauf, dass in der Corona-Bekämpfungsverordnung manches nicht zusammenpasse. Auf der einen Seite könne ein Weihnachtsmarkt ohne Beschränkungen stattfinden, auf der anderen Seite müsse man an der Bushaltestelle in der Warteschlange Abstand halten und Maske tragen. „Da werden oftmals individuelle Freiheiten höher gestellt als das Allgemeinwohl.“

Heinz-Ulrich Koch leitet das Gesundheitsamt des Kreises Südwestpfalz.
Heinz-Ulrich Koch leitet das Gesundheitsamt des Kreises Südwestpfalz.
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