Pirmasens
Fahrradwerkstatt in der Fußgängerzone
Das Selbermachen steht im Vordergrund der Arbeit der „Fahrrad-Selbsthilfe-Werkstatt“, wie Michael Sester, einer der Initiatoren des Projekts betont. Die Helfer zeigen den Betroffenen, wie ein Schlauch geflickt, die Kette geölt oder getauscht und die Beleuchtung installiert wird. Das Material dazu ist vor Ort. Es muss aber mit angepackt werden. Und wer noch gar kein Fahrrad hat, kann sich recht günstig eines der revitalisierten Räder aus dem Sortiment der Fahrradwerkstatt kaufen, für maximal 30 Euro.
Die Fahrradwerkstatt gibt es seit 2016 und war zunächst als Projekt zur Mobilisierung von Flüchtlingen gedacht. Günther Andreas hatte das Projekt initiiert und ist heute immer noch dabei. Die Zielgruppe wurde schnell auf alle bedürftigen Menschen in der Stadt erweitert, wobei Michael Sester betont, dass nicht überprüft werde, ob der Betreffende tatsächlich bedürftig ist. Wer sich jedoch ein besseres Rad leisten könne, wird kaum auf die gebrauchten Drahtesel der Werkstatt zurückgreifen. Die Modelle in der Werkstatt sind doch sehr aus der Mode, wenngleich sich richtig schöne Oldtimer mit Seltenheitswert darunter finden. Es handelt sich ausschließlich um gespendete Räder, die in der Werkstatt wieder auf Vordermann gebracht wurden. Und von denen gebe es aktuell sehr viele, da die Pirmasenser sich derzeit gerne ein Pedelec mit elektrischer Unterstützung zulegen und dann den nichtmotorisierten Drahtesel ausmustern, wie Sester beobachten kann. Andere Fahrräder erhält die Werkstatt von Verwaltungen, die Fundräder für den Verein freigeben. Der Zustand der Fahrräder spielt keine Rolle. Ist ein Fahrrad nicht mehr reparierbar, kann es noch für Ersatzteile genutzt werden.
Kinder- und Jugendräder sind stark nachgefragt
Räder für Erwachsene habe die Initiative derzeit mehr als genug, betont Günther Andreas. Hier bekomme die Initiative mehr Fahrräder, als Abnehmer vorhanden seien. Wobei sportive Räder oft gleich wieder weg sind, während ältere Modelle weniger Zuspruch erfahren. Ein Mangel bestehe klar an Kinder- und Jugendfahrrädern. Die seien bei ihrer Klientel sehr gefragt. Der TuS Winzeln hat deshalb zu einer Spendenaktion für Kinder- und Jugendräder aufgerufen.
Bisher war die Initiative nur im Gebäude des Internationalen Bund (IB) in der Delaware Avenue zu finden – oder eben auch nicht zu finden, wie Sester beklagt. Der Andrang sei dort wegen der abseitigen Lage sehr bescheiden gewesen, weshalb jetzt die Filiale in der Fußgängerzone gewählt wurde, die mindestens für ein halbes Jahr dort betrieben werden soll. Das Lager und die größere Werkstatt bleiben beim IB. Im November wollen Sester und seine Helfer überlegen, ob sie weiter dort bleiben werden.
Die Initiative stützt sich rein auf ehrenamtliche Helfer mit Ausnahme von Manfred Hoffmann, der über den Bundesfreiwilligendienst zur Fahrradwerkstatt kam. Unterstützung erhält die Werkstatt von der Diakonie Pfalz und dem Begegnungszentrum „Mittendrin“, das nur wenige Meter entfernt liegt, sowie dem IB. Die Stelle von Hoffmann ist beim „Mittendrin“ angedockt.
Ziel der Initiative sei, die Mobilität bedürftiger Menschen in Pirmasens und dem Landkreis zu erhöhen mit den günstigen Rädern, die in verkehrssicherem Zustand sind und von den Nutzern nach der Anleitung durch die Werkstatt auch selbst in Schuss gehalten werden können. Für Andreas und Sester spielt dabei der Nachhaltigkeitsgedanke eine große Rolle, da ansonsten nicht mehr genutzte oder gar weggeworfene Räder weiter gefahren werden. Auf jeden Fall will der Laden keine Konkurrenz zu normalen Fahrradgeschäften sein.
Am Ostersamstag wollte die Fahrradwerkstatt eigentlich eine große Eröffnungsfeier bieten, die jedoch den Corona-Beschränkungen zum Opfer fiel. Bis mindestens November bleibt der Laden in der Hauptstraße 70 geöffnet. Weitere Helfer auch ohne Fachkenntnisse seien immer willkommen, betont Andreas.