Pirmasens und Ich
Der schönste Sonnenuntergang lässt die geklauten Nummernschilder vergessen
Es war ein ungemütlicher Novembertag, als an diesem Abend die Tür des Rheinberger hinter mir ins Schloss fiel. Ein leichter Nebel hing über der Stadt. Ich lief die Schachenstraße entlang, ehe ich nach rechts in die Poststraße abbog. Dort parkte ich oft, als ich noch Teil der Pirmasenser Lokalredaktion war. Mein Auto war eines von wenigen, das an diesem Abend noch in der Straße abgestellt war. Im schummrigen Licht der Laterne sah ich, dass der Lack mit einer Dreckkruste aus Salz und Straßenschmutz überzogen war. Die Kennzeichen sind ja nicht mal mehr zu sehen, dachte ich noch. Einige Schritte später dämmerte mir, dass es nicht am Schmutz lag, dass die Nummernschilder nicht zu erkennen waren, sie waren schlicht nicht mehr da. Statt auf den Heimweg machte ich mich auf zur Polizei. Warum ich Ihnen das erzähle? Weil viele Nicht-Pirmasenser ähnlich reagierten, wenn ich ihnen von diesem Erlebnis berichtete: „Ei klar, typisch Bärmesens.“ Das ist natürlich Unsinn. In diesem Fall übrigens umso mehr. Die Polizei konnte den Dieb nämlich ausfindig machen. Es war gar kein Pirmasenser. Leider hatte ich da bereits neue Kennzeichen. Auf den Kosten blieb ich sitzen. Beim Langfinger war nix zu holen – außer noch mehr Kennzeichen, die nicht ihm gehörten.
Ein Büro mit Ausblick
In jeder x-beliebigen Stadt hätten meine Kennzeichen wegkommen können. Aber wenn es in Pirmasens passiert, fügt es sich in ein Bild, das sich viele Menschen von der Schuhstadt gemacht haben. Da nehme ich mich nicht aus. Ehe es mich beruflich nach Pirmasens verschlug, waren meine Berührungspunkte mit der Stadt überschaubar. Die B10 führte mich an Pirmasens vorbei. Mit Mannschaften verschiedener Altersklassen spielte ich gegen den TTC Tischtennis. Nicht selten blieben die Punkte auf der Husterhöhe. Nach sechseinhalb Jahren in der Lokalredaktion Pirmasens hat sich mein Bild von der Stadt gewandelt. Es gibt dort wirklich schöne Ecken. Die Alte Post ist ein Schmuckstück. Dazu hatte ich das Glück, im Rheinberger zu arbeiten, in einem Büro mit Blick auf den Strecktalpark. Das Gebäude ist ein Paradebeispiel dafür, was aus den alten Schuhfabriken entstehen kann und auch an anderer Stelle entstanden ist.
Wer hat Angst vorm Winzler Viertel?
Dennoch halten sich manche Vorurteile hartnäckig, auch befeuert von so mancher Berichterstattung überregionaler Medien. Deren Tenor, so scheint es, steht bereits fest, ehe die Kolleginnen und Kollegen Pirmasens überhaupt besucht haben. Sie erinnern sich vielleicht noch an die RTL-II-Doku „Hartz und herzlich“ von 2019, die im Winzler Viertel spielte. Wir haben damals in der Redaktion intensiv diskutiert, ob wir das Format überhaupt aufgreifen. Schließlich haben wir uns dafür entscheiden, weil wir auf den Prüfstand stellen wollten, was da so über die TV-Bildschirme der Republik flimmerte. Muss man sich denn wirklich fürchten, abends durchs Winzler Viertel zu gehen? Gemeinsam mit Andreas Ganter und Simone Schmidt habe ich das damals ausprobiert, inklusive Einkehr in der Eckkneipe „Schlabbeflicker“. Sicher, es gibt im Winzler Viertel Ecken, die sind kein Aushängeschild für Pirmasens, aber solche Ecken gibt es in jeder anderen Stadt auch. „Früher war es besser hier“, haben uns die Leute im „Schlabbeflicker“ erzählt. Aber Angst haben? Ach, Quatsch.
„Der Meerjungfrau fehlt es an Grazie“
Die Pirmasenser mögen zuweilen etwas laut und direkt sein, aber sie sind offen und gastfreundlich. Meine ehemaligen Kolleginnen und Kollegen schwärmten stets vom Rheinland-Pfalz-Tag im Jahr 2013, den ich noch nicht als Teil der Redaktion miterleben durfte. Dafür aber das Landesturnfest 2016, zu dem mehr als 4000 Wettkämpfer und viele weitere Gäste nach Pirmasens kamen. Die Stadt präsentierte sich von ihrer besten Seite. Neben den Wettkämpfen gab es jede Menge Programm drumherum, von geführten Touren über Konzerte bis hin zu Kursangeboten. In einen Kurs schnupperte ich für meinen Sport-Kollegen Peter Brandstetter rein. Warum mir das in Erinnerung geblieben ist? Es war mein erstes und letztes Mal Pilates. „Meiner Meerjungfrau fehlt es an Grazie“, lautete die Überschrift des Textes. Damit ist wohl alles gesagt.
Der schönste Sonnenuntergang der Südwestpfalz
Mit unserer Serie Dorfspaziergang war ich damals in etlichen Landkreisgemeinden zu Gast. Die Bewohnern zeigten uns die schönen und weniger schönen Ecken ihres Ortes und erzählten so manche Anekdote aus dem Dorfleben. Teil eins der Serie führte mich Ende April 2016 nach Leimen. Statt milden Frühlingstemperaturen erwarteten mich dort Schnee und Graupel. Nur gut, dass Bürgermeister Alexander Frey einen Schnaps zum Aufwärmen parat hatte. Mir sind alle diese Spaziergänge in Erinnerung geblieben, weil man die Dörfer danach mit ganz anderen Augen sah und viele schöne Ecken kennenlernte. Beispielsweise den Monolith bei Donsieders. Laut Ortsbürgermeister Peter Spitzer kann man dort den schönsten Sonnenuntergang der Südwestpfalz bestaunen. Schauen Sie doch selbst mal vorbei, es lohnt sich!
Der Autor
Christian Clemens (37) ist als Schüler durch ein Praktikum in den Herbstferien bei der Zweibrücker Rundschau zur Zeitung gekommen. 2012 volontierte er bei der RHEINPFALZ. Nach einem Zwischenstopp im Büro Chef vom Dienst in Ludwigshafen kam er 2014 nach Pirmasens, wo er hauptsächlich in der Kreisredaktion arbeitete. Seit Februar 2021 ist er Leiter der Lokalredaktion Kaiserslautern.