Pirmasens Breit fluten die Streicher

Das Landesjugendorchester des Saarlandes spielte beim Euroclassic-Festival in der Bliesgau-Festhalle.
Das Landesjugendorchester des Saarlandes spielte beim Euroclassic-Festival in der Bliesgau-Festhalle.

Bezüge zur Reformation wies auch das Programm des Landesjugendorchesters Saar bei seinem Euroclassic-Konzert in der Bliesgauhalle auf: Am Sonntagnachmittag spielten die jungen Musiker unter Leitung von Yura Yang neben der Sinfonie Nr. 4 von Johannes Brahms auch Carl Reinekes „Variationen über `Ein feste Burg`“ op. 191 und die „Metamorphose“ über einen Bach-Choral von Tzvi Avni.

Im Mittelpunkt des Konzerts stand das Werk des 1927 in Saarbrücken geborenen israelischen Komponisten Tzvi Avni. Es nimmt den Choral „Aus tiefer Not schrei ich zu Dir“ aus der Kantate BWV 38 von Johann Sebastian Bach, dem bedeutendsten Komponisten des deutschen Protestantismus, als Ausgangspunkt. In freier Form, ohne Bindung an herkömmliche Gattungen wie die Variation, entwickelte Tzvi Avni das thematische Material weiter. Klangflächen, aus denen sich kristalline Linien mit Themenfragmenten und Motiven abhoben, formte das Landesjugendorchester Saar mit höchster Präzision aus. Auch vor harschen harmonischen Brüchen scheuten die Musiker nicht zurück. Diese Klangflächen mit ihren Stimmungen und Erlebniswelten sind das prägende Gestaltungsmerkmal in Avnis Komposition. Sie ist stellenweise atonal. In immer neuen Schichtungen ließ das Landesjugendorchester aus Themen- und Motivsplittern des Chorals Klangflächen entstehen. Es stellte sie in kontrastierenden Farben und gegensätzlichen Verläufen einander gegenüber. Diverse Farbschattierungen von Instrumentengruppen wie Streichern und Bläsern, deren Klänge oft durch Dämpfer verfremdet wurden, wirkten hier ebenso strukturbildend wie der Wechsel zwischen Klangflächen und motivisch-linear geprägten Abschnitten. Nuancenreich ausgestaltete Spannungsmomente brachten Dynamik und einen prozesshaften Charakter in dieses musikalische Geschehen. Die Musik entfaltete sich wie eine Klangskulptur im Raum. Weiche Klangbögen und satter Streicherglanz zeichneten die Interpretation der Sinfonie Nr. 4 e-Moll von Brahms (1833-1897) aus. Kraftvolle und doch schlank und flexibel geführte Themen erhielten farbige Akzente durch motivische Einwürfe der Hörner. Dynamische Spannungsprozesse wurden durch mahnende Bläserfanale hinausgezögert, um sich dann in einem ungestüm flutenden Sturm-und-Drang-Thema zu entladen. Malerische Farben, die durch mandolinenähnliche Pizzicati der Streicher eine volkstümliche Note erhielten, prägten den langsamen zweiten Satz. Sie bildeten mit einem dezent gestalteten Klangteppich der Streicher einen Gegenpol zu einer weich und breit flutenden Streichermelodie. Kraftvoll und markant überstürzten sich die Themen in sehr sicher gespielten punktierten Rhythmen im dritten Satz. Die Spielfreude der jungen Musikerinnen und Musiker war dabei unüberhörbar. Das Schicksalsthema des vierten Satzes entwickelte sich in der Interpretation des Landesjugendorchesters Saar schnell zu einer rhythmisch unruhigen, temperamentvollen Steigerung, die schließlich mit packendem Ausdruck in einem majestätischen Thema verströmte.

x